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Abenteuer Verkehr in Russland: Wenn das Schlagloch Autos schluckt

Abenteuer Verkehr in Russland : Wenn das Schlagloch Autos schluckt

In Russland wird aus einer Straße schnell ein Hindernisparcours. Nur in prestigeträchtigen Städten wie Moskau fährt man auf bestem Asphalt.

In Russland heißen sie nicht Schlaglöcher, sondern Jamy, übersetzt: Gruben. Hohlräume im Belag der 1,4 Millionen Kilometer russischer Straßen, deren Zahl niemand kennt, deren Häufigkeit und Ausmaße den Russen aber das Autofahren täglich verleidet.

Russlands Straßen sind die vielleicht löchrigsten der Welt. In Moskau sind sie selten, jeden Sommer wird sehr teuer neu asphaltiert, es gilt als offenes Geheimnis, dass dabei sehr viel Geld verschwindet.

In Tula oder in Tscheboksary Wolga fließt eindeutig weniger Geld, aber wohl auch weniger Schmiergeld. Ein großer Fehler dagegen ist es, mit Kleinwagen nach Jaroslawl zu fahren – da ist schon mal hinterher ein neues Auspuffrohr fällig. „Vor einiger Zeit ist Wladimir Putin gekommen, zu einer Tagung über den regionalen Straßenbau“, erzählt ein junger Lokalreporter. „Unsere Beamten haben ihm erzählt, wie tadellos unsere Straßen sind. Und Putin war mit dem Hubschrauber unterwegs.“

Manche russische Trassen sind besser als ihr Ruf. Viele Fernstraßen sind seit Beginn des Rohstoffbooms unter Putin ausgebaut und neu gedeckt worden. Etwa die 230 Kilometer von Wladimir nach Nischny Nowgorod, vierspurig, mit Leitplanken. Weiter östlich, in Sibirien, sind die Gruben tief, aber gutmütig. Jeder Fahrer nördlich von Omsk kennt die Jama hinter dem Ortsausgang Muromzewo Richtung Sedelnikowo, ein Schlagloch von kolossaler Offenherzigkeit, das man tunlichst im Schritt umfährt.

Im sibirischen wie im europäischen Russland tauchen die Jamy meist in Schwärmen auf – im Frühling, wenn die Temperaturen um bis zu 40 Grad schwanken, das Tauwasser sickert und warme Sonnenstrahlen den müden Teer regelrecht platzen lassen. Oft liegen die Löcher so dicht, dass man sie nicht mehr umkurven kann, man schleicht mit zwei Rädern hindurch und betet, dass der Wagen nicht aufsetzt.

In Saratow haben die Jamy schon komplette Limousinen, in Nowosibirsk sogar einen Krankenwagen verschluckt. Und Reparieren bedeutet oft Schlampen. In Omsk spülte kürzlich ein Platzregen den Belag des erst eine Woche zuvor neu asphaltierten Bürgersteigs fort. In Barnaul aber stopften im Frühjahr Zahnärzte aus Spott über die Unfähigkeit des Straßenbauamtes mehrere kapitale Jamy mit den Gipsabdrücken von Gebissen.

Ein Sprichwort besagt: „In Russland gibt es zwei Übel: Straßen und Strohköpfe.“ Wo beide zusammen kommen, so scheint es, wuchern die Schlaglöcher. Es gibt sogar eine staatliche Norm für Jamy: Zulässig sind Gruben mit einer Länge von höchstens 15 Zentimetern, einer Breite von 60 Zentimetern und einer Tiefe von 5 Zentimetern. Schäden, die darüber hinaus gehen, müssen die zuständigen Behörden in fünf bis zehn Tagen beseitigen.

Aber russische Beamte halten reparierte Trassen für gefährlich: „Auf guten Straßen verstoßen die Fahrer öfters gegen die Geschwindigkeitsbegrenzungen“, so sie Föderale Straßenagentur Rosawtodor. „Diese Verstöße gehören zu den häufigsten Unfallgründen.“In Russland kommen jährlich 89 Verkehrstote auf 100.000 zugelassene Fahrzeuge. Trotz aller Jamy. Oder vielleicht gerade wegen ihnen.