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Klimawandel: Wie gefährlich sind Hitzewellen für unsere Gesundheit?

Klimawandel : Wie gefährlich sind Hitzewellen für unsere Gesundheit?

Eine Hitzewelle in Kanada und den USA hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Todesopfer gefordert. Fast 50 Grad wurden dort gemessen. Mit Blick auf den Klimawandel scheinen solche Szenarien auch für Deutschland möglich. Ein Arzt erklärt, was solche Temperaturen mit unserem Körper machen.

Das Dorf Lytton gibt es nicht mehr. Nachdem es die 250-Einwohner-Gemeinde im Westen Kanadas vor wenigen Tagen mit immer neuen Hitzerekorden in die globalen Schlagzeilen geschafft hatte - fast 50 Grad Celsius waren dort gemessen worden -, ist Lytton von einem Feuer nahezu komplett zerstört worden. In kürzester Zeit überrollte eine Flammenwalze das Dorf. 90 Prozent von Lytton seien abgebrannt, teilte der kanadische Parlaments-Abgeordnete Brad Vis am Donnerstag mit. Mehr als 1000 Menschen mussten in aller Eile flüchten.

Vor der Brandkatastrophe am Mittwochabend (Ortszeit) hatte Lytton, das rund 260 Kilometer nordöstlich von Vancouver liegt, drei Tage in Folge Hitzerekorde verzeichnet. Das Thermometer zeigte nach Angaben der Wetterbehörde am Dienstag 49,6 Grad Celsius an, die höchste je in Kanada gemessene Temperatur.

Hitzerekord in Deutschland liegt bei 41,2 Grad Celsius

In Deutschland scheinen solche Temperaturen noch weit weg. Der bundesweite Hitzerekord liegt „nur“ bei 41,2 Grad Celsius, gemessen am 25. Juli 2019 in Duisburg-Baerl und Tönisvorst. Doch die Erderwärmung macht sich auch hierzulande bemerkbar. Acht der zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 traten nach der Jahrtausendwende auf. Das Umweltbundesamt schreibt: „Der Klimawandel führt nachweislich vermehrt zu extremer Hitze am Tag und in der Nacht“, wodurch sich „die gesundheitlichen Risiken für bestimmte Personengruppen erhöhen können“.

Warum hohe Temperaturen für unseren Körper so gefährlich sind, erklärt Dieter Krafft, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Kreisstelle Bonn des Hausärzteverbands Nordrhein. „Für den Menschen ist es unabdingbar, die körpereigene Temperatur innerhalb geringer Schwankungen konstant zu halten. Sehr hohe Körpertemperaturen, die durch Außentemperaturen hervorgerufen werden, schädigen die Organe und können letztlich zum Tod führen.“ Unsere wichtigste Methode, um bei Überhitzung Wärme abzugeben: Schwitzen. Durch den feinen Wasserfilm auf unserer Haut wird der Körperoberfläche mittels Verdunstung Wärme entzogen. Doch Krafft erklärt: „Bei bestimmten Hautproblemen ist das Schwitzen deutlich erschwert. Zu solchen Problemen gehören zum Beispiel schwere Sonnenbrände sowie verschiedene systemische seltene Erkrankungen. Auch Schuppenflechte oder Ekzeme können zu Problemen führen.“

Autorin Katja Trippel, die zusammen mit der Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann in ihrem Buch „Überhitzt“ die gesundheitlichen Gefahren des Klimawandels unter die Lupe nimmt, erläuterte kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift Geo: „Menschen, die an Neurodermitis leiden, haben sowieso permanent drastische Beschwerden, es juckt, es brennt. Wenn dann noch Hitze dazukommt, dann fühlt sich das an, als hätten sie sich am ganzen Körper verbrannt.“

Kinder und ältere Menschen sind durch hohe Temperaturen besonders gefährdet

Doch auch Menschen ohne Hauterkrankungen leiden unter hohen Temperaturen. Ältere Menschen seien besonders gefährdet, aber auch Kinder und Personen mit chronischen Erkrankungen von Herz, Lunge, Niere oder Leber, erklärt Krafft. Besonders gefährlich seien Situationen, in denen ein Mensch sehr plötzlich einer Hitzesituation ausgesetzt sei - zum Beispiel ein Kind in einem geschlossenen Auto. „Falls der Körper sich langsam an Hitze gewöhnen kann, besteht eine gewisse Anpassungsfähigkeit.“ Eine solche Anpassungsfähigkeit sei bei jungen aktiven Menschen allerdings deutlich besser als bei älteren Menschen.

Autorin Katja Trippel erklärt im Geo-Interview, dass bei vielen älteren Menschen aufgrund hoher Hitze der Blutdruck durchdrehen, bei Diabetes-Kranken die Insulin-Produktion noch mehr durcheinander geraten könne. „Sogar Demenz und psychiatrische Krankheiten verschlimmern sich an heißen Tagen“, sagt sie. Darauf weist auch Dieter Krafft hin: „Denkbar ist, dass ältere Menschen aufgrund einer mangelnden geistigen Reaktionsfähigkeit, wie zum Beispiel bei Demenz, in ihrem Verhalten nicht mehr adäquat auf Hitze reagieren.“

Neben weit verbreiteten Symptomen wie Kreislaufproblemen, Kopfschmerzen, Erschöpfung und Benommenheit steige durch extreme Hitze auch die Anzahl der Todesfälle. „Modellrechnungen prognostizieren für Deutschland, dass zukünftig mit einem Anstieg hitzebedingter Mortalität von ein bis sechs Prozent pro einem Grad Celsius Temperaturanstieg zu rechnen ist“, heißt es beim Umweltbundesamt. Dies entspräche mehr als 5000 zusätzlichen Sterbefällen pro Jahr bereits bis Mitte dieses Jahrhunderts.

Die Realität sieht derweil fast schlimmer aus als die Modellrechnung: Gesundheitsminister Spahn erklärte kürzlich, dass im vergangenen Jahr nach Schätzungen mehr als 4000 Menschen wohl wegen der Hitze gestorben sind - allein im Monat August. Wichtig sei Spahn zufolge nun die Anpassung an den Klimawandel. Zur gesundheitlichen Vorbeugung müsse in Zeiten der Klimaveränderung und extrem heißer Tage auch der Schutz vor Hitze gehören. Ein Budget, um dieses Ziel zu erreichen, gebe es bisher aber nicht.

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(mit Material von dpa)