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Belarus - Swetlana Tichanowskaja in Berlin: „Ich kann Lukaschenko nicht vergeben“

Belarusische Oppositionsführerin in Berlin : „Ich kann Lukaschenko nicht vergeben“

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja wird im Kanzleramt in Berlin empfangen. Sie hofft auf eine deutsche Vermittlerrolle und einen friedlichen Machtwechsel in Belarus.

Swetlana Tichanowskaja zögert. Sie denkt auf offener Bühne nach, mitten in einer Pressekonferenz. Dann wieder stöhnt sie leise, aber hörbar verzweifelt auf, wenn sie keine schnelle Antwort parat hat. Einfach weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll in ihrer Heimat Belarus. „Ich dränge darauf, dass alles friedlich bleibt“, sagt sie. Da steht die Frage im Raum, ob sich die Proteste gegen Diktator Alexander Lukaschenko womöglich radikalisieren könnten. Tichanowskaja atmet noch einmal durch und entschließt sich dann zur Offenheit: „Ach wissen Sie, das ist die freie Entscheidung der Menschen im Land. Ich kann ja nicht jeden Einzelnen kontrollieren.“

Nein, diese Swetlana Tichanowskaja ist kein Politprofi. Dazu antwortet sie zu ehrlich und zu intuitiv, statt Versatzstücke zu präsentieren. Und die 38-Jährige will auch gar kein Profi sein. „Ich spiele nur eine Übergangsrolle“, sagt sie. Bis Lukaschenko weg ist. Bis es faire Wahlen in Belarus gibt. Darauf besteht die Lehrerin und zweifache Mutter, die ja wirklich eher zufällig zur Lukaschenko-Herausforderin aufgestiegen ist. Das war im Frühsommer, als die Polizei ihren Mann Sergei verhaftete, weil er zur Präsidentschaftswahl antreten wollte. Aus Protest stieg dann Tichanowskaja in den Ring – und eroberte die Herzen ihrer Landsleute im Sturm. Der Rest ist bekannt. Lukaschenko ließ die Wahl fälschen und versucht seither, sich mit Gewalt an der Macht zu halten. Tichanowskaja ließ er aus dem Land treiben.

Und da ist sie nun also, an diesem Dienstag in Berlin, um Bundeskanzlerin Angela Merkel zu treffen. Mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat sie schon vergangene Woche in ihrem litauischen Exil gesprochen. In der deutschen Hauptstadt wird sie wie ein Staatsgast empfangen. Sie wirbt um Unterstützung auf höchster politischer Ebene. Es brauche „mehr Druck von außen“, um Lukaschenko zum Einlenken zu bewegen, sagt Tichanowskaja und bittet zugleich um eine deutsche Vermittlerrolle. Sie würde gern Gespräche mit Vertretern des Regimes führen, unter Einbeziehung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Aber ohne Lukaschenko.

„Wir können das nicht einfach vergessen und vergeben“, sagt Tichanowskaja mit Blick auf die Gewaltexzesse des Regimes nach der Präsidentschaftswahl im August. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. „In fairen Prozessen“, schiebt sie noch hinterher. Allerdings weiß Tichanowskaja auch, dass eine juristische Aufarbeitung des Geschehens das unwahrscheinlichste Szenario ist. „Die Mehrheit der Menschen in Belarus würde Lukaschenko wohl unbehelligt ziehen lassen“, gibt sie zu. Dann überlegt sie wieder auf offener Bühne, um schließlich klarzustellen: „Ich persönlich kann ihm aber nicht vergeben.“

EU will sich Weg zum Dialog nicht verbauen

Bis heute hat Tichanowskaja nicht im Detail geschildert, mit welchen Mitteln der Geheimdienst KGB sie nach der Wahl zur Ausreise nach Litauen gezwungen hat. In ihrem Umfeld war von Psychofolter die Rede. Von Drohungen gegen ihren inhaftierten Mann und die Kinder. Selbst wenn nur ein Teil der Berichte stimmt, dürfte es die 38-Jährige auch persönlich schmerzen, dass Lukaschenko bislang nicht auf der Sanktionsliste der EU steht. Anders als rund 40 Vertreter des Regimes, die sich nachweislich an den Gewaltexzessen oder Wahlfälschungen beteiligt haben. In Berlin fordert Tichanowskaja, dass die Strafmaßnahmen ausgeweitet werden müssten. Doch die EU will sich den Weg zum Dialog mit Lukaschenko nicht zu schnell verbauen.

Merkel lässt ihren Sprecher schon im Vorfeld des Treffens mitteilen, sie sei „beeindruckt“ von den friedlichen Protesten in Belarus und von dem „enormen Mut“ vor allem der Frauen im Land. Tichanowskaja zeigt sich dankbar für die Unterstützung durch „eine der mächtigsten Staatenlenkerinnen der Welt“. Sie selbst wolle allerdings nicht noch einmal für das Präsidentenamt in Belarus kandidieren, erklärt sie am Dienstag. Auch in freien Wahlen nicht. Sie sei nicht davon überzeugt, dass sie „diese äußerst schwierige Aufgabe bewältigen könnte“. Politik sei am Ende doch ein schmutziges Geschäft.