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Melania Trump beim Parteitag: Blick über den Tellerrand statt pure Nabelschau

Melania Trump beim Parteitag : Blick über den Tellerrand statt pure Nabelschau

Melania Trump hat bei ihrer Rede andere Töne angeschlagen als ihr Mann. Auch mit der Vergangenheit des Landes ging die First Lady kritisch um. Es war kein ganz gewöhnlicher Auftritt beim Republikaner-Parteitag.

Die First Lady hat den Rosengarten des Weißen Hauses gerade erst umgestalten lassen. Alte Holzapfelbäume mussten weichen, um den Rasen zu erweitern und neue Wege anzulegen. Kritiker monieren, der historische Garten habe an Charakter verloren, auch wenn er nun mehr Platz biete für geladene Gäste. Jedenfalls war Melania Trump am zweiten Tag des Wahlkonvents der Republikaner die erste Rednerin, die dort an ein Pult trat.

Was an sich schon ein Bruch mit der Tradition war: Bislang galt eine eiserne Regel, nach der das Gelände des Weißen Hauses, die Grünflächen eingeschlossen, ausschließlich regierungsoffiziellen Anlässen vorbehalten ist und Parteiveranstaltungen dort nichts zu suchen haben. Am Dienstagabend hat Donald Trump, der in der ersten Reihe saß, um seiner Frau zuzuhören, wie die meisten anderen ohne Maske, auch diese Regel über Bord geworfen.

Es war eine Rede, die sich in Nuancen deutlich unterschied von der Rhetorik des Präsidenten. Statt vom China-Virus zu sprechen, wie er es ständig tut, sprach Melania Trump neutral von Covid-19. Statt den Fokus allein auf Amerika zu richten und den Rest der Welt nicht einmal zu streifen, wie es bisher den Ton dieser Convention bestimmte, sprach sie von Auslandsreisen. Von Ghana, wo sie einen Kerker besuchte, in den afrikanische Sklaven gesperrt wurden, bevor sie auf Schiffen, viele in Ketten, über den Atlantik in die Neue Welt gebracht wurden. Von Italien, wo ein kleiner Junge dringend ein Spenderherz benötigte und sie, so erzählt sie es, stundenlang mit ihrem Stab über nichts anders reden konnte.

Allein der Blick über den nationalen Tellerrand hob sich markant ab von der Nabelschau, die man bislang auf dem Kongress betrieben hat. Mag sein, dass die Latte nach stundenlangen, düsteren Warnungen vor dem Sozialismus in Gestalt eines von der Linken vor sich her getriebenen Kandidaten Joe Biden niedrig lag, jedenfalls klang die First Lady stellenweise wohltuend differenziert. Die Proteste nach dem Tod George Floyds in Minneapolis, die Rassismusdebatte, den Sturz von Denkmälern von Südstaatengenerälen kommentierte sie so: „Die harte Realität ist, dass wir nicht stolz sind auf unsere Geschichte“. Sie wolle die Leute ermuntern, schob sie hinterher, sich auf die Zukunft zu konzentrieren, während man zugleich aus der Vergangenheit lerne.

Vor neun Jahren, zu der Zeit residierte Barack Obama im Weißen Haus, hatte sie noch eingestimmt in den Chor der „Birther“-Bewegung, der darauf bestand, die Geburtsurkunde des Präsidenten zu sehen. Wie ihr Ehemann hatte sie angezweifelt, dass Obama in Hawaii und damit auf amerikanischem Boden geboren wurde. Damit hatte sie suggeriert, dass der erste US-Präsident mit dunkler Haut womöglich zu Unrecht hinterm Schreibtisch im Oval Office sitze. Es mangelte denn auch nach ihrem Auftritt nicht an Kommentatoren, die ihr Scheinheiligkeit vorwarfen. Wohlwollendere sprachen von willkommenen Lerneffekten.

Wie auch immer, zu Melania Trumps Aufgaben gehörte es offensichtlich auch, das Bild ihres Gatten weichzuzeichnen. „Donald wird nicht ruhen, bis er getan hat, was er nur kann, um sich um jeden zu kümmern, der von dieser Pandemie betroffen ist“, sagte sie – in bizarrem Kontrast zur Wahrnehmung vieler Amerikaner – über das Krisenmanagement des Präsidenten.

Der Rest des Abends dürfte schon bald in Vergessenheit geraten. Mike Pompeo, der Außenminister, ließ sich vom Dach des King-David-Hotels in Jerusalem zuschalten, im Hintergrund die Silhouette der malerischen Altstadt. Sein Auftritt war schon deshalb mit Spannung erwartet worden, weil er zu denen zählt, die schon jetzt als Präsidentschaftskandidaten des Jahres 2024 gehandelt werden. Die Rede wurde zum Flop. Pompeo reihte Phrasen aneinander, er wirkte müde, zu sagen hatte er nichts. Allerdings sieht die Opposition auch in diesem Fall einen Tabubruch, dem sie mittels parlamentarischer Untersuchung auf den Grund gehen will. Der Minister, betont der demokratische Kongressabgeordnete Joaquin Castro, sei schließlich in amtlicher Mission, auf Kosten des Steuerzahlers, unterwegs im Nahen Osten. Auf einem Parteitag hätte er von Jerusalem aus gar nicht reden dürfen.