Desmond Tutu wird 85 Das Gewissen seiner Nation

Der Widerstand gegen Südafrikas Apartheid-Regime machte ihn zur Ikone. Und er kämpft immer noch für den Frieden. Desmond Tutu, Nobelpreisträger und Menschenrechtler, wird 85.

 „Wir können nur gemeinsam menschlich sein.“ Bei seinem unermüdlichen Kampf für Frieden und Gerechtigkeit hat Desmond Tutu seine Lebensfreude nicht verloren.

„Wir können nur gemeinsam menschlich sein.“ Bei seinem unermüdlichen Kampf für Frieden und Gerechtigkeit hat Desmond Tutu seine Lebensfreude nicht verloren.

Foto: picture alliance / dpa

Es sollte der Beginn der Heilung sein. Doch als im Januar 1996, zwei Jahre nach dem Ende der Apartheid, die Angehörigen der Opfer des südafrikanischen Schreckensregimes vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission den Mördern und Folterern ihrer Verwandten begegneten, zweifelten nicht wenige an dem Nutzen dieser Einrichtung. Sie sollte der Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid dienen. Täter und Opfer versöhnen. Doch wie sollte Vergebung nach den Jahren des Blutvergießens, des Hasses und der Gewalt möglich sein?

Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt, Menschenrechtler und damals Vorsitzender der Wahrheitskommission, hat an deren Sinn immer geglaubt. „Vergebung gibt uns die Möglichkeit eines Neuanfangs. Vergebung ist die Barmherzigkeit, die deinem Gegenüber erlaubt, sich mit Würde wieder aufzurichten und neu zu beginnen.“ Das ist noch heute seine Überzeugung. Dass Südafrika ein Neuanfang in Würde gelang, statt in Chaos und Bürgerkrieg zu versinken, gehört zu den großen Leistungen der jungen Demokratie. Und der kleine Mann mit dem verschmitzten Lächeln hat einigen Anteil daran.

Von seiner Würde hat Südafrika seit diesen Tagen einiges eingebüßt. Der African National Congress, die Freiheitspartei Nelson Mandelas, ist in Korruptionsskandale verstrickt, und Präsident Jacob Zuma macht mit Strafverfahren und Unterschlagung öffentlicher Gelder von sich reden. Vor wenigen Jahren erschütterten gar rassistische Ausschreitungen das Land: Schwarze Südafrikaner machten Jagd auf Immigranten aus anderen afrikanischen Ländern.

Neben Nelson Mandela wurde Desmond Tutu zum Gesicht der Hoffnung Südafrikas – und ist es geblieben, als der „Madiba“ genannte Freiheitsheld von Alter und Krankheit gezeichnet dem ANC nur mehr als Aushängeschild diente, während es hinter den Kulissen längst brodelte. „Ich kann den ANC nicht mehr wählen“ erklärte Desmond Tutu 2013. „Er war sehr gut darin, uns von der Besatzung zu befreien. Aber es scheint, als ließe sich eine Einheit von Freiheitskämpfern eben nicht ohne weiteres in eine politische Partei verwandeln.“

Desmond Mpilo Tutu wurde am 7. Oktober 1931 in Klerksdorp in der Nordwest-Provinz des Landes geboren. Seinen Traum, Arzt zu werden, musste der junge Desmond früh begraben – zu teuer. Stattdessen folgte er dem Vorbild des Vaters und wurde Lehrer. Aus Protest gegen das 1953 erlassene Bantu-Bildungs-Gesetz, das die Bildungsmöglichkeiten der schwarzen Südafrikaner massiv einschränkte, kündigte Tutu seine Lehrertätigkeit und studierte stattdessen Theologie in Johannesburg und London.

Das Ereignis, das ihn zum Freiheitskämpfer machte, war der Aufstand in Soweto im Juni 1976, als der Protest von Schülern gegen die rassistische Bildungspolitik in Südafrika von der Polizei blutig niedergeschlagen wurde. Mehr als 500 Menschen starben, unter ihnen viele Kinder.

Wenn schon leiden, dann mit Sinn

Tutu wurde zu einem der schonungslosesten Kämpfer gegen den Apartheid-Staat. Anders als andere Regimegegner hat er den bewaffneten Widerstand gegen die Regierung, der auch vom ANC als notwendiges Mittel im Freiheitskampf befürwortet wurde, immer konsequent abgelehnt. Statt dessen unterstützte Tutu ausdrücklich den wirtschaftlichen Boykott Südafrikas durch das Ausland, obwohl dieser die Ärmsten der Armen – und damit mehrheitlich Schwarze – am härtesten traf.

„Wenn wir schon leiden müssen, dann tun wir es so wenigstens mit einem Sinn“, sagte er. Seine Waffen waren Worte. „Mein Vater pflegte zu sagen: Werde nicht lauter, sondern verbessere deine Argumente.“ Seinen Aufrufen zu Protestmärschen und friedlichen Kundgebungen auf den Straßen Kapstadts folgten regelmäßig Zehntausende. 1984 wurde Desmond Tutu für sein Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – zu einer Zeit, als die Rassentrennung noch in Kraft und Nelson Mandela noch im Gefängnis war. Doch das Regime bröckelte bereits.

Seither gibt es kaum ein politisches Ereignis, zu dem Desmond Tutu sich nicht geäußert, kaum eine Ungerechtigkeit, gegen die er seine Stimme nicht erhoben hätte. Immer wieder prangerte er den Umgang Israels mit den Palästinensern an, verglich die israelische Siedlungspolitik mit der Apartheid in Südafrika und nannte Israels Offensive während des Gaza-Kriegs 2008 und 2009 ein „Kriegsverbrechen“ – was ihm den Zorn nicht weniger jüdischer Politiker und Würdenträger einbrachte.

Die Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen machte er ebenso zu seinem Thema wie den Kampf gegen Aids. Angesichts der Papstwahl 2005, die Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI. machte, sagte Tutu, er sei betrübt, dass die katholische Kirche ihre ablehnende Haltung gegenüber Kondomen als Mittel im Kampf gegen das Virus nicht aufgeben wolle. „Wir hatten gehofft, dass jemand gewählt würde, der eine vernünftigere Position angesichts der Aids-Problematik einnehmen würde“, erklärte Tutu.

Lieber zur Hölle fahren als einem homophoben Gott dienen

Es war nicht das erste Mal, dass er sich mit seinen Glaubensbrüdern angelegt hatte. Die verbreitete Ablehnung Homosexueller in christlichen Kirchen hat Tutu immer wieder mit Rassismus verglichen, lange bevor eine seiner Töchter, selbst Pfarrerin in der anglikanischen Kirche, eine Frau kennen- und lieben lernte. „Ich finde es zutiefst verstörend, dass wir uns angesichts der immensen Probleme in Afrika darauf konzentrieren, wer was mit wem im Bett tut.“

Er wolle lieber zur Hölle fahren als einem homophoben Gott zu dienen. Nicht nur in Kirchenkreisen nimmt Desmond Tutu damit eine Sonderstellung ein, zumal auf einem Kontinent, wo Homosexualität fast überall geächtet, in einigen Staaten gar mit dem Tode bestraft wird.

Am 7. Oktober wird Desmond Tutu 85 Jahre alt. 2010 hat er sich offiziell aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Still ist es nicht um ihn geworden. Auf den Twitteraccounts seiner Friedensstiftungen postet er politische Statements, Fotos von seinen öffentlichen Auftritten und solche mit Weggefährten wie dem Dalai Lama. Und von seinem Hochzeitstag: Seit 61 Jahren ist seine Frau Leah Gefährtin und Mitstreiterin an seiner Seite.

Ein bewegtes Leben hat seine Spuren hinterlassen

In der letzten Zeit werden Südafrika und die Welt immer wieder daran erinnert, dass die Tage der Galionsfigur der südafrikanischen Friedensbewegung begrenzt sind. Mehrmals musste Tutu sich in der Vergangenheit im Krankenhaus behandeln lassen; ein bewegtes Leben und eine überstandene Krebserkrankung haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Endlichkeit des Mannes, der den Begriff der „Regenbogennation“ geprägt hat, offenbart sich in einer Zeit, in der das immer noch tief gespaltene Land am Kap jemanden wie Desmond Tutu nötiger braucht denn je. Der ANC wackelt schon längst in seiner Rolle als Freiheitspartei, unfähig, Probleme wie Massenarbeitslosigkeit, wachsende Kriminalität und soziale Ungleichheit zu lösen.

Was wird aus Südafrika werden, fragen sich viele, wenn nach Madiba auch die nächste Ikone der Freiheitsbewegung gehen muss? Desmond Tutu ist nicht bange, ob sich jemand finden wird, der die Lücke füllt. „Viele fragen mich, was mich meine Lebenserfahrung gelehrt hat“, erklärte er einmal. „Die Antwort ist: Dass die Menschen wundervoll sind. Das ist die Wahrheit. Die Menschen sind wirklich wundervoll.“

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