UN-Weltklima-Konferenz in Lima Das große Schauspielhaus der Diplomaten

Die Forscher haben seit 30 Jahren immer mehr gewarnt, die Politiker immer mehr versprochen und die Staaten immer mehr Kohlendioxid ausgestoßen. Auf der Klimauhr steht es "fünf nach zwölf". Anmerkungen zu einer Scheindebatte.

 Das Theaterkollektiv "Rimini-Protokoll" führt bis Ende 2014 im Hamburger Schauspielhaus ihr Stück " Welt-Klimakonferenz" auf. Die Besucher sind Teil des Rollenspiels. Streng nach Alphabet sind die 196 Länder mit Fähnchen am Sitzplatz platziert. Wer etwa Armenien vertritt, erhält die Information, dass das Land Platz 118 auf der Wohlstandsskala belegt.

Das Theaterkollektiv "Rimini-Protokoll" führt bis Ende 2014 im Hamburger Schauspielhaus ihr Stück " Welt-Klimakonferenz" auf. Die Besucher sind Teil des Rollenspiels. Streng nach Alphabet sind die 196 Länder mit Fähnchen am Sitzplatz platziert. Wer etwa Armenien vertritt, erhält die Information, dass das Land Platz 118 auf der Wohlstandsskala belegt.

Foto: dpa

Der Weg zur Beendigung der fossilen Ära scheint mit Kaugummi gepflastert zu sein. Der Abschied von Öl und Kohle, um das Erdklima für nachfolgende Generationen halbwegs ernte- und siedlungsfreundlich zu halten, steht, von kleinen Ausnahmen abgesehen, weltweit seit Jahrzehnten nur auf dem Papier. 1995 fand in Berlin die erste UN-Klima-Konferenz statt. Damals blies die Menschheit "nur" 24 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl freigesetzt wird, in die Atmosphäre. Dann folgte jedes Jahr, meist im Dezember, ein diplomatisches Mega-Event, bei dem die Delegierten von mehr als 190 Staaten über Ziele und Regeln zur Verringerung ihrer klimaschädlichen Ausdünstungen berieten. Heute beginnt der 20. UN-Klimagipfel in Lima (Peru), und der Kohlendioxid-Ausstoß lag Ende 2013 bei rund 35 Milliarden Tonnen. Man könnte über den Nicht-Einigungsprozess nichts extrem Negatives schreiben, was nicht zuträfe. Eigentlich sollte das 21. Jahrhundert, so die Staatschefs 1992 auf dem legendären Rio-Umweltgipfel, ein Jahrhundert der umfassenden Planetenpflege werden.

"Raus aus dem Atomrisiko", "rein in die Braunkohle"

Wer eine Zeitung liest, stößt schon in diesem Mini-Kosmos auf jene Widersprüche, wie sie auch die reale Politik bestimmen. Im Leitartikel kritisiert ein Autor die steigende Kohlendioxid-Emission Deutschlands, spricht von "Lippenbekenntnissen" und einer Klimakanzlerin, die sich gleichzeitig in Brüssel gegen schärfere Abgasregelungen für die Autoindustrie wehrt. Einige Seiten später feiert der Wirtschaftsteil das deutsche Wirtschaftswachstum und kritisiert, wenn es ausbleibt. Noch basiert ein hohes Weltwirtschaftswachstum auf einem hohen fossilen Brennstoffverbrauch, was man allein schon daran erkennen kann, dass der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß nur von Konjunkturflauten abgebremst wird - und nicht durch aktive Klimaschutz-Maßnahmen.

Angela Merkel ist nicht allein. Als Hillary Clinton im Juni 2012 im hohen Norden unterwegs war und die tauenden Eisriesen besichtigte, sprach sie in laufende Kameras: "Viele Vorhersagen zur Erwärmung der Arktis werden von den Tatsachen noch übertroffen." Die US-Außenministerin wirkte betroffen und flog weiter zu einem Außenminister-Treffen nach Oslo, wo man darüber verhandelte, wem wie viel vom - noch unberührten Ölschatz - unter dem rasant schmelzenden Eispanzer der Arktis zusteht. Auch Clinton ist nicht allein. Hugo Chávez, bis zu seinem Tod (2013) Staatspräsident von Venezuela, wetterte ebenfalls gegen die globale Erwärmung und vergab im Februar 2012 Förderlizenzen, um die Orinoco-Ölsände auszubeuten.

Auch Deutschland verstrickt sich in Widersprüche. Als Export- und Wohlstandsnation ist man von einem zuverlässigen Energiestrom abhängig. Als nach Tschernobyl (1986) in Fukushima (2011) der zweite GAU in einem Kernkraftwerk und der erste in einer Hochtechnologie-Nation die Welt erschreckte, rief Klimakanzlerin Merkel, begleitet von einem zügig einberufenen Ethikrat, die Energiewende aus. In Großbuchstaben stand "Raus aus dem Atomrisiko", im Kleingedruckten "Rein in die erneuerbaren Energien" und im Kleinstgedruckten "Rein in die Braunkohle". Die klimafreundliche Stromproduktion per Kernspaltung wurde ad acta gelegt, gleichzeitig sollen besonders klimaschädliche Braunkohlemeiler die Brücke bauen - bis zu jenem Tag, da in Deutschland die Energiewende über ausreichend viele Stromtrassen in Kraft tritt, um die klimafreundliche Windenergie vom Norden in den Süden zu transportieren. Zwischendurch wird über Strompreise gestritten und das "Recht auf bezahlbare Energie" reklamiert.

Damit bewegt Deutschland sich genau in die Richtung, wie sie auch der New-Economy-Climate-Report der "Globalen Kommission zu Wirtschaft und Klima" als zukunftsweisend erachtet. Das hochrangige Gremium, in dem unter anderem UN, Weltbank, OECD und Internationale Energieagentur vertreten sind, kommt, wie schon der Stern-Report 2006, zu dem Ergebnis, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum keine gegensätzlichen Ziele sind. Klimaschutz käme zudem preiswerter als später Klimaschäden und -anpassung. Aussagen, die jedoch nur zutreffen, wenn redlicher gerechnet wird - wenn die bisher global vergesellschafteten Umweltkosten der Energieproduktion nicht weiter externalisiert werden. Im Klartext: Der bisherige Strompreis war viel zu billig und bürdet einen großen Teil der tatsächlichen Kosten, wie sie aus Klimaschäden rund um den Globus entstehen, weitgehend Unbeteiligten auf.

Wesentlicher Handlungsbedarf besteht nach dem New-Economy-Climate-Report bei Investitionen in die Stadtentwicklung, die Landnutzung und in den Energiesektor. Die zentrale Botschaft lautet nicht "Raus aus dem Atomstrom", sondern "Raus aus der Kohle". Und da bewegt Deutschland sich auf einem bizarren Sonderweg. Die Fehlannahme der Physikerin Merkel nennt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel "Illusion der deutschen Energiepolitik" (siehe Artikel "Meldungen eines Monats"); sie besteht darin, zu glauben, man könne kurzfristig und gleichzeitig alle Probleme der herkömmlichen Stromproduktion im Handstreich lösen und die Kraft der erneuerbaren Energien wie einen Lichtschalter anknipsen.

"Organisierte Unverantwortlichkeit"

Ob Kohleverstromung oder Kernspaltung: In jedem Fall bleibt ein Abfallproblem. Hier sind es die Treibhausgase, die die Erdatmosphäre wie eine Gasabfall-Deponie zumüllen, dort die sich türmenden radioaktiven Abfälle. Für letztere existieren überquellende Zwischenlager, die auch "Brückenfunktion" haben - bis Deutschland endlich ein Endlager verbindlich bestimmt hat. Das Thema gilt im politischen Betrieb als "heiße Kartoffel" - ist also ungelöst. Parallele: Die Umsetzung des Stromtrassenbaus verheddert und verzögert sich ebenso in den nach dem Sankt-Florians-Prinzip gelebten Gemeinde- und Bürgerrechten wie die des Endlagers. Alle brauchen es, keiner will es - vor der Haustüre.

Eine andere Baustelle des in der Warteschleife steckenden Klimaschutzes ist eine Mischung aus Psychologie und fehlendem Wissen. Der moderne Mensch steigt in ein Flugzeug und vertraut sich ausgeruht physikalischen Gesetzen an. Manchmal neigt dieser Homo rationalis aber auch zu Sätzen wie: "Ich glaube nicht, dass der Klimawandel durch den Menschen verursacht wird; es hat schon immer Klimaschwankungen und -änderungen gegeben." Und wenn ein Winter in Mitteleuropa kalt und schneereich ausfällt, steigt die Zahl jener, die grundsätzlich daran zweifeln, dass sich unser Heimatplanet auf dem Weg in einen wärmeren Zustand befindet. "Also eine Glaubensfrage?", fragt ARD-Wetterfrosch Sven Ploeger - und schreibt: "Stimmen wir nun ab und beschließen per Mehrheitsentscheidung das wissenschaftliche Ergebnis? Das wäre wohl ein Novum in der Geschichte der Forschung, sollen doch Fakten zählen und Unhaltbares - auch wenn es manchmal lange dauert - zurückgewiesen werden: so, wie mit der Erde und der Scheibe, die in einer mittelalterlichen Abstimmung der Kugel sicherlich den Rang abgelaufen hätte."

Auch wenn die Wetterextreme der letzten Jahre kein wissenschaftlicher Beweis für den Klimawandel sind, bestätigen sie physikalisch plausibel die Vorhersagen der Klimaforscher. Inzwischen scheint die Dichte der Anomalien - extreme Starkregen, rasante Eisschmelze, zähe Hitzeperioden - so augenfällig, dass sie auch das "Glauben" oder "Nichtglauben" ins Abseits drängen.

Dazu die ungeklärte Gerechtigkeitsfrage. Der Soziologe Ulrich Beck hat einmal von "organisierter Unverantwortlichkeit" gesprochen. Globale Umweltgefahren entkoppelten räumlich wie zeitlich die Risikoerzeugung und -betroffenheit: "Was eine Bevölkerung an Katastrophenpotenzial in Gang setzt, trifft die “anderen„: die Menschen in fremden Gesellschaften und zukünftige Generationen. Entsprechend gilt: Wer die Entscheidung trifft, Gefährdungen anderer auszulösen, kann dafür nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden." Die Ärmsten der Armen lebten im Sahel am Abgrund, und der Klimawandel stoße sie, "die am wenigsten dazu beigetragen haben", in den Abgrund. Beck: Zugleich aber erscheine das den unaufgeklärten Betroffenen "als “Naturkatastrophe„: Das Ausbleiben des Regens, was hat das zu bedeuten?"

Kreative und teils freche Verrechnungsformeln

Inzwischen entwickeln sich die Dinge jedoch - und das schon weit unter der magischen Zwei-Grad-Grenze - schneller als erwartet. Die Klimawandelfolgen galoppieren in die Gegenwart und sind nicht nur ein Fall für eine ferne Zukunft und heute noch nicht Geborene. Gleichwohl bleibt die Unverhältnismäßigkeit zwischen Verursachern und Betroffene.

In den letzten Wochen haben die großen Treibhausgas-Weltmächte und Blockierer aller Klimaschutzbemühungen, die USA und China, sich rhetorisch bewegt und signalisiert, dass sie sich nicht mehr verweigern wollen. Wie weit sie sich indes verbindlich auf Emissionsziele verpflichten lassen, wird sich ab heute in Lima (Peru) zeigen - einem niederschlagsarmen Land, das an seinen schmelzenden Gletschern - Trinkwasser, Bewässerungswasser, Stromproduktion - wie an einem Tropf hängt.

Zügiger als der Klimaschutz kommt der Grüne Klimafonds (Green Climate Fund/GCF) in Gang. Er wurde auf dem 17. UN-Klimagipfel 2011 in Durban (Südafrika) gegründet und ist eine Art Täter-Opfer-Ausgleichsprojekt. Ab 2020 sollen die Industrieländer jährlich rund 100 Milliarden Dollar für Klimaprojekte in jenen Ländern bereitstellen, die die mit Treibhausgasen geschwängerte Erdatmosphäre nicht verursacht haben, aber primär die Lasten des Klimawandels tragen werden. Das GCF-Instrument spiegelt auch ein schlechtes Gewissen, doch die kollektiven Asylanträge einiger kleinerer Inselstaaten, deren Siedlungsfläche sich stetig durch den steigenden Meerespegel verkleinert, sind damit nicht beantwortet.

Überhaupt scheint die Welt nicht zum großen Wurf bereit zu sein. 327 Jahre liegen zwischen dem ersten Thermometer und dem ersten Wettersatelliten Meteosat (1977), 97 Jahre zwischen dem ersten Verdacht von Svante Arrhenius (1891), dass der Mensch mit seiner Kohleverbrennung die Atmosphäre ändert, und der Gründung des UN-Weltklimarats (Intergovernmental on Climate Change/IPCC) im Jahr 1988. Die weltweit besten Klimaforscher sollten herausfinden, ob der schleichende Prozess möglicherweise existenzielle Folgen für die Menschheit haben könnte. Erwärmt der wirtschaftende und mobile Mensch seinen Planeten? Nun sind Jahrzehnte vergangen, in denen Wissenschaftler immer mehr gewarnt und Politiker immer mehr versprochen haben. Passiert ist nichts. Einziger Fortschritt: Es wird nicht mehr darüber gestritten, ob die Erde sich erwärmt, ob der Mensch sie verursacht hat, ob die Aufheizung bedrohlich ist.

Sankt-Florians-Prinzip auf Weltniveau

Fatal: Je länger die Staatengemeinschaft zaudert, desto unangenehmer und drastischer (siehe "Drei Zahlen") müssten die Schritte ausfallen, tatsächlich noch das Zwei-Grad-Ziel zu realisieren. Eine politische Faustregel stimmt indes wenig zuversichtlich: Je härter die Einschnitte für Staaten und Wähler, desto ängstlicher agieren Politiker. So regiert auf den UN-Klimagipfeln das Sankt-Florians-Prinzip auf Weltniveau.

Auch kreative und teils freche Verrechnungsformeln machen die Runde, damit man selbst weniger oder gar keine Kohlendioxid-Emissionen einsparen muss. Was ist es der Weltgemeinschaft wert, wenn wir unsere Taiga-Wälder nicht abholzen? Fragten zum Beispiel die Russen mit Fingerzeig auf die Brasilianer. Sollten Emissionsgrenzen für Länder festgelegt werden: Was wäre die Bezugsgröße? Kohlendioxid-Tonnen pro Einwohner? Wäre das gerecht? Ja, sagen die Vertreter von 1,4 Milliarden Chinesen und verweisen auf die historischen Emissionen der Amerikaner und anderer Industriestaaten. In diese Richtung argumentieren auch die Entwicklungsländer und reklamieren zusätzliche CO2-Budgets für bisher nicht genutzte Entwicklungschancen. So scheitert die globale Herausforderung seit Jahrzehnten an nationalen Egoismen. Weil die Welt so ungleich und komplex ist, wagt das Hamburger Schauspielhaus ein Experiment (siehe Aufmacherfoto) zur Veranschaulichung: Eine Welt-Klimakonferenz als interaktive Aufführung, in der die zahlenden Besucher Staaten - reiche und arme, ölexportierende und ölabhängige - und deren Interessen vertreten.

Und die klimabewussten Bürger und Konsumenten? Sie wühlen in Ratgebern à la "50 Wege zur Rettung des Planeten", kaufen kleine Autos mit weniger Verbrauch, verwenden den handgetriebenen Drillbohrer statt eine Watt-starke Schlagbohrmaschine. Doch leider kauft die Mehrheit der Menschen lieber große Autos. Die Forscher nennen das "Rebound-Effekt": Alle technologischen Energieeffizienz-Fortschritte bei einzelnen Produkten - Kühlschränke, Autos, Waschmaschinen - führen zur Kostenersparnis beim Verbraucher, der diese umgehend in mehr Leistung umwandelt und sich, zum Beispiel, das nächstgrößere Auto kauft. Nur bei Staubsaugern ist seit dem 1. September definitiv, so hat es die EU vorgegeben, bei 1600 Watt Schluss.

"Was nützt eine Wissenschaft, wenn alle Welt herumsteht und nur beobachtet, wie ihre Prognosen bestätigt werden?", kritisierte einmal Chemie-Nobelpreisträger Rowland Sherwood, der die Ozonzerstörung durch FCKW mitentdeckte, den Stillstand beim Klimaschutz. Was nützt der Widerstand der Staaten gegen eine Emissions-Weltregel und ihr Plädoyer für freiwillige Reduktionen, wenn die von ihnen angebotenen Kohlendioxid-Sparziele eine Temperaturerhöhung von rund 3,6 Grad Celsius bedeuten?

Unterdessen steigt die Zahl der Studien zur Klimanpassung und zum Geo-Engineering. Spiegelt das bereits die unausgesprochene Kapitulation vor einer radikalen Klimaschutz-Wende? Geo-Engineering bedeutet zum Beispiel: Der Mensch versucht mit Schwefel in der Atmosphäre und Spiegeln auf dem Meer oder im All, Sonnenstrahlung zu reflektieren. Das wäre Großtechnologie in einer neuen Dimension, sozusagen "planetare Chirurgie". Noch beurteilen Wissenschaftler die Risiken solcher "Letzte-Ausfahrt"-Lösungen höher als den Nutzen.

Drei zentrale Zahlen bilden den Kompass der internationalen Klimaschutz-Verhandlungen

Das Labyrinth der Zahlen rund um die globale Erwärmung lässt sich auf drei wesentliche herunterbrechen: 2 - 565 - 2795. Die erste Zahl: Auf zwei Grad Celsius will die Welt die Erhöhung der durchschnittlichen Erdtemperatur seit 1850 begrenzen, um eine "gefährliche Störung im Klimasystem" zu verhindern. Davon sind 0,8 Grad bereits realisiert und weitere 0,8 Grad im träge reagierenden Klimasystem bereits angelegt. Verbleibt ein Rest von 0,4 Grad, den der Mensch durch aktiven Klimaschutz beeinflussen kann.

Die zweite Zahl: Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, darf die Menschheit bis zum Jahr 2050 noch 565 Gigatonnen Kohlendioxid (CO2) durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre freisetzen. Das wären rund 16 Gigatonnen pro Jahr, aktuell sind es mehr als 35 Gigatonnen.

Die dritte Zahl: Würde der Mensch alle ihm heute bekannten Vorkommen fossiler Brennstoffe (Öl, Kohle, Gas) aus der Erdkruste holen und zur Energiegewinnung nutzen, müsste die Erdatmosphäre zusätzlich 2795 Gigantonnen CO2 aufnehmen - exklusive der vermuteten Erdölfelder unter der (noch) nicht komplett eisfreien Arktis.

Der aktuelle Welttrend spiegelt genau das Gegenteil von Klimaschutz. Von Jahr zu Jahr setzt eine Sieben-, bald Acht-Milliarden-Menschheit mehr CO2 frei. Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), hatte deshalb bereits vor drei Jahren bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2011 gesagt: "Wir steuern auf ein Sechs-Grad-Szenario mit katastrophalen Folgen zu." Seitdem hat sich durch den ungezügelten Öl- und Kohleverbrauch die Lage weiter verschärft.

Das Zwei-Grad-Ziel ist eine wissenschaftliche Schätzgröße. Würde die Menschheit mit emittierten 565 Gigatonnen bis 2050 eine Punktlandung vollziehen, hätte sie nur eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Temperaturerhöhung bei 2,0 Grad Celsius endet. Es könnten im komplexen Klimasystem auch 2,2 oder 1,8 Grad Celsius sein. Der Mensch wäre deshalb gut beraten, sich als oberes Limit nicht 565, sondern etwa nur 500 Gigatonnen CO2 zu setzen. Die proklamierten "zwei Grad und nicht mehr" spiegeln Risikominimierung: Die Wissenschaftler befürchten, dass oberhalb dieser Grenze Rückkopplungsmechanismen greifen, die den Planeten in eine unkontrollierte Erwärmung stoßen, die vom Menschen nicht mehr zu beeinflussen wäre. Beispiel: Schmilzt Grönland komplett, würde der Planet dunkler und mehr Sonnen- in Wärmestrahlung verwandelt. Einen ähnlichen Effekt hat der Verlust des Packeises.

Mittendrin im Klimawandel - Die Meldungen eines Monats

Die Meldungen der Nachrichtenagenturen nur eines Monats spiegel einmal die weitreichenden Folgen der globalen Erwärmung, zum anderen zahlreiche Widersprüche zu Wirtschaftswachstum und Energiewende.

9. November: Alles ändert sich im Flugplan der Vögel. Über die neuen Abflug- und Ankunftszeiten informiert Peter Schütz der Landesanstalt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) in Nordrhein-Westfalen (NRW). Der Klimawandel wirbelt die Gewohnheiten der Zugvögel immer mehr und drastischer durcheinander, wozu dpa anmerkt: "Vögel passen sich den Witterungsbedingungen an wie Autofahrer beim Wechsel auf die Winterreifen." Lanuv-Experte Schütz berichtet, dass einige Weißstorchfamilien NRW im Winter nicht mehr verlassen, weil es ausreichend mild sei. Einige kehrten früher aus ihrem Winterquartier zurück, andere bekämen in ihren ferngelegenen Überwinterungsräumen in Afrika gar nicht mit, wenn es hierzulande früher wieder warm werde. "Das kann Probleme bringen", sagt Schütz. "Die Heimkehrer treffen dann hier zu spät ein und verpassen die besten Brutbedingungen."

10. November: Weil wärmeres Wasser weniger Sauerstoff enthält, verschärfen sich die Folgen durch den Düngemittelabfluss, der ohnehin den Sauerstoffgehalt in Flüssen, Seen und Ozeanen senkt. Eine von der Smithsonian Institution in Washington in "Global Change Biology" veröffentlichte Studie berichtet von einem "verschlimmerten Sauerstoffabbau durch den Klimawandel" in weltweit 476 untersuchten Totwassergebieten. Für Meereslebewesen ergebe sich eine Zangenbewegung: Einmal erhöhe wärmeres Wasser ihren Stoffwechsel (erhöhter Sauerstoffverbrauch), zum anderen sinke gleichzeitig der Sauerstoffgehalt. Auch werde das Wasser durch veränderte Wind- und Strömungsmuster weniger durchmischt. Eine Forscherin: "Es ist wie italienisches Salatdressing, das man nicht geschüttelt hat."

Am selben Tag berichtet die Organisation Atmosfair über den Luftverkehr. Danach haben die Airlines die Kohlendioxid-Emissionen aus der Kerosin-Verbrennung weltweit um 1,3 Prozent pro Passagier und Flugkilometer gesenkt, aber insgesamt stieg die Luftverkehrsemission um 3,5 Prozent. Ursache: Zunahme des Flugverkehrs. dpa urteilt: "Wachstum bremst Kampf gegen Klimakiller-Image aus."

14. November: Wetterextreme infolge des Klimawandels machen dem Wald heute stärker zu schaffen als der Saure Regen in den 1990er Jahren. Das NRW-Umweltministerium nennt als Ursache vor allem ein wärmeres und trockeneres Klima in der Vegetationszeit.

17. November: Unter der Überschrift "Skigebiete rüsten sich für den Klimawandel" berichtet dpa. Christian Baumgartner, Experte für nachhaltigen Tourismus in Österreich, sagt: "Skigebiete unter 1500 Metern Höhe werden es sehr schwierig haben." Er fordert ein Umdenken in der Politik: "Staatliche Förderungen für den Ausbau von Beschneiungsanlagen sind nicht mehr zeitgemäß."

21. November: Der WWF bringt den Eisbär wieder in die Schlagzeilen und stellt eine im Fachjournal "Ecological Applications" veröffentlichte Studie vor. Von 1500 in Alaska und im Nordwesten Kanadas im Jahr 2004 lebenden Eisbären sind noch rund 900 übrig. Ursache: Das Packeis schrumpfe, womit die Tiere ihre Plattformen verlieren, um Robben zu jagen. Viele Eisbären sind verhungert. In den letzten 100 Jahren sei in der Arktis die durchschnittliche Temperatur um fünf Grad Celsius (Weltschnitt: 0,8 Grad) gestiegen.

Am selben Tag erklärt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, dass er einen raschen Verzicht auf die Nutzung der Kohle zur Stromgewinnung für unrealistisch hält. Man könne Atomenergie und Kohle nicht zeitgleich verbannen. "Wir müssen endlich Schluss machen mit den Illusionen in der deutschen Energiepolitik", schreibt Gabriel in einem Positions-Papier. "Man kann nicht zeitgleich aus der Atomenergie und der Kohleverstromung aussteigen." Wer das wolle, sorge für explodierende Stromkosten und Versorgungsunsicherheit. Kohle- und Gasverstromung werde noch lange als "Rückendeckung der Energiewende" benötigt.

22. November: Bundeskanzlerin Angela Merkel wirbt auf dem "Eine-Welt.Zukunftsforum" in Berlin für nachhaltiges Wirtschaftswachstum - auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Ein Wachstum auf Pump sei ebenso falsch wie eines "um den Preis, dass ich die Umwelt zerstöre oder den Klimawandel nicht im Blick habe".

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24. November: Wetterextreme wie Hitzewellen sind in den Tropen als "neue Normalität" einzustufen - berichtet die Weltbank und veröffentlicht eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Die Forscher warnen vor Risiken in Regionen, wo mehrere Klimafolgen zusammentreffen: So könnten die Anden unter Wasserknappheit leiden, während zugleich die Lebensmittelpreise steigen. Die Experten fordern daher, "die gesamte Kette der Klimafolgen zu betrachten" - etwa Hitzewellen, die Ernteausfälle auslösen und sich so auf die menschliche Gesundheit auswirken. ap/dpa/afp/ww