Kommentar Der Egoistenzirkel

BONN · Blind, ideologisch, funktionsgestört, dickköpfig - so würden künftige Generationen einmal die Teilnehmer der UN-Klimakonferenzen beurteilen und ihnen "kollektives und moralisches Versagen von historischem Ausmaß" vorwerfen.

Doch John Kerrys flammendes Plädoyer verhallte. Nur das Wort "historisch" des US-Außenministers wurde aufmerksam registriert. Denn die USA verweigern sich, wie andere Industrie- und Schwellenländer auch, ihre "historische Schuld" gegenüber den Habenichtsen dieser Welt anzuerkennen und angemessen zu vergüten.

Die Crux jeder Klimakonferenz: Es gibt nur eine mit Treibhausgasen geschwängerte Erdatmosphäre und nicht 195, so dass alle Staaten über die Lufthülle miteinander verbunden sind - eine Lufthülle, die gerade Niederschläge und Ernteerträge umverteilt. Doch von einem angemessenen Opfer-Täter-Ausgleich will keine Konferenz etwas wissen, dabei werden die Haupttäter, so zeichnet es sich ab, nicht die Hauptverlierer des Klimawandels sein.

Man kann in einer UN-Klimakonferenz einen Egoistenzirkel sehen. Mehr als 190 Staaten nehmen teil, weil sie durchaus das Problem sehen, aber keiner will als Verlierer nach Hause gehen, weshalb die Menschheit als Ganzes verliert. Einerseits bilden die Vereinten Nationen die geeignete Plattform, um eine globale Herkulesaufgabe zu lösen. Andererseits treffen sich hier Demokratien und Diktaturen, Monarchen, Kleptokraten und Despoten, und alle schmieden - über alle Staatsformen hinweg - Allianzen. So verbindet etwa Russland, Venezuela und Saudi-Arabien, dass sie es versäumt haben, aus ihren sprudelnden Erlösen aus Gas und Öl produktive Volkswirtschaften zu schmieden. Wie soll in dieser heterogenen Welt mehr möglich sein als ein vager Minimalkonsens? Wie soll jemals Einstimmigkeit für einen Vertrag hergestellt werden, der tatsächlich jeden schmerzt, aber dem Klima spürbar nutzt?

Das Dilemma ist seit Jahren offenkundig. Deshalb rast der Treibhausgas-Zug - mit steigendem Tempo - auch dem Abgrund entgegen, während das Zeitfenster für eine Vollbremsung verstreicht.

Einstweilen ist die alte - unausgesprochene - Botschaft auch die neue: Wir zahlen lieber für unsere Sünden (Klimafonds) als unser Business-as-usual-Verhalten zu ändern. Augenfälliger Beleg dafür, dass die Generation der Gegenwart eine Strategie "bis zum letzten Öltropfen" verfolgt, sind zunehmend Überlegungen zur letzten Ausfahrt aus dem Treibhaus. Aktueller Stand: Wir basteln eine Rettungskonstruktion für den Planeten, reflektieren mit Spiegeln im All die Sonnenstrahlung oder spielen Vulkan, indem wir die Atmosphäre mit kühlenden Schwefelpartikeln impfen. Neben- und Wechselwirkungen wären zwar riskant und unbekannt, liegen aber schon in der Schublade. Doch auch hier drohen völkerrechtliche Verwerfungen, die denen beim Klimaschutz ähneln.