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Russlands Militär: „Die Rote Armee ist stärker als alle zwischen Taiga und Britischem Meer“

Russlands Militär : „Die Rote Armee ist stärker als alle zwischen Taiga und Britischem Meer“

Russland feiert lautstark seine neue militärische Übermacht. Das hat weniger mit der wirklichen Kampfkraft der Armee als mit propagandistischer Kriegsführung zu tun.

Genau 75 Jahre nach der Schlacht um Moskau läuft in Russlands Kinos der Blockbuster „28 Panfilowzer“ an. Ein Film über 28 Rotarmisten, die im November 1941 vor Moskau mit Panzerbüchsen und Molotowcocktails die deutschen Panzerkolonnen aufhalten. „Der Feind will uns niederwalzen“, verkündet ihr Kommandeur. „Aber er kommt nicht durch, hier stehen wir.“

Russland beschwört die moralische Überlegenheit seiner Soldaten als Erbe der Sowjetzeit. „Die Rote Armee ist stärker als alle zwischen Taiga und Britischem Meer“, zitierte Wladimir Putin im April ein sowjetisches Kriegslied. Und fuhr im Bezug auf die moderne russische Armee fort: „Sie ist schon so allen überlegen, aber sie muss noch stärker werden.“ Russlands Presse feiert das vaterländische Militär als übermächtig. „Das Potenzial unserer erneuerten Streitkräfte übertrifft alle Truppen Europas zusammen“, jubelt die Zeitschrift Expert.

Die nackten Zahlen aber sehen anders aus: Nach Angaben des Global Firepower Indexes, der die konventionelle militärische Schlagkraft von 126 Staaten vergleicht, ist Russland nach den USA die zweitstärkste Militärmacht der Welt: 766 000 aktive Soldaten, 3547 Flugzeuge, 15 398 Panzer, 352 Kriegsschiffe und ein Verteidigungshaushalt von 46,6 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr.

Zum Vergleich die fünf Nato-Länder, deren Armeen den Kern der europäischen Streitkräfte ausmachen: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Polen verfügen über 975.000 Soldaten, 4086 Flugzeuge, 2833 Panzer und 517 Kriegsschiffe. Zahlenmäßig vorne ist Russland nur mit seiner Panzerflotte. Dafür gab Kerneuropa 2015 169,66 Milliarden US-Dollar für Verteidigung aus, mehr als dreimal so viel wie Russland. Fraglich, wer hier wirklich übermächtig ist.

Moskaus Medien aber trumpfen mit angeblichen Wunderwaffen auf, die „allen westlichen Vergleichsmodellen weit überlegen sind“. Ein Standardzitat. Europa antwortet mit Zähneklappern. Der Londoner „Telegraph“ veröffentlichte unlängst einen internen Bericht des britischen Geheimdienstes über den „revolutionären“ russischen Panzer T-14 Armata, der mit seiner gepanzerten Mannschaftskapsel und Flugzeugelektronik ein Anlass sei, die Verteidigungsstrategie des Vereinten Königreichs zu überdenken. Und Armata-Hersteller „Uralwagonsawod“ kündigte an, man werde in den nächsten vier Jahren 2300 Armata für die Armee bauen. Im russischen Internet wird schon diskutiert, wie viele Tage die erneuerten russischen Panzerkräfte bis Paris bräuchten.

Was der Panzer im Kampf wirklich taugt, ist unklar

„Ein feuernder Computer auf Ketten“, auch der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin hält den T-14 für den weltbesten Kampfpanzer. Aber es gibt auch andere Meinungen. Litowkins Kollege Pawel Felgenhauer etwa sagt, der Bordradar des Armata enthalte westliche Bauteile und könne von den elektromagnetischen Waffen der Nato ausgeschaltet werden.

Was der Panzer im Kampf wirklich taugt, ist unklar. Das Verteidigungsministerium gab keine Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung, ob und wie viele T-14 schon in Dienst genommen seien. Im März hatte Vizeverteidigungsminister Juri Borisow den Kauf von 100 Armatas angekündigt, bis auf Weiteres wolle man aber nicht mehr bestellen. Nach Angaben der Internetzeitung „gazeta.ru“ halten die Militärs es für sinnvoller, den schon unter Breschnjew eingesetzten T-72 zu modernisieren. Hat sich der Armata in den Tests doch nicht als so unbesiegbar herausgestellt? Oder ist der „Panzer der Zukunft“ mit einem Stückpreis von umgerechnet 5,3 Millionen Dollar schlicht zu teuer? Die Anschaffung von 2300 Armatas würden Russland 12 Milliarden Dollar kosten, mehr als ein Viertel seines jährlichen Militäretats.

Der droht auch angesichts anderer spektakulärer Projekte aus den Nähten zu platzen, etwa dem Mehrzweck-Kampfjet PAK-FA. Mit ihm will Russland den US-Jets der sogenannten 5. Generation Konkurrenz machen. PAK-FA wird seit 2010 erprobt, das Programm hat bisher 2,8 Milliarden Dollar gekostet, seine Serienproduktion aber wird immer wieder verschoben, zuletzt auf Ende 2017 – das neue Getriebe ist nicht startklar. Auch Russlands bisher einziger Flugzeugträger „Admiral Kusnezow“ blamierte sich bei seiner Feuertaufe vor Syrien. Einer seiner MiG-29-Kampfjets stürzte bei einem Landeanflug auf das Schiff mit technischem Schaden ins Mittelmeer.

Russland hinkt auch in der elektronischen Kriegsführung zurück: Laut Felgenhauer mangelt es an Radarsatelliten ebenso wie an Aufklärungsdrohnen eigener Produktion. Bei einem Militäretat zwölfmal kleiner als der der USA droht der Rückstand nur noch größer zu werden.

Umso lauter veranstaltet Russland Großmanöver am Don und Bombenangriffe in Syrien. Oder es baut neue Satan-2-Atomraketen auf, die aber nach Ansicht von Experten ihren Vorgängern ziemlich ähneln. „Der Overkill bleibt der gleiche“, kommentiert Igor Sutyagin vom Londoner Royal United Services Institute. „Die Idee ist, dem Westen Angst einzujagen.“ Angesichts seiner militärischen Unterlegenheit gegenüber der Nato verlege sich Russland auf psychologische Kriegsführung. Es gilt, Bevölkerung und Streitkräfte des Gegners mit Hilfe von Massenmedien und Propaganda zu demoralisieren, den Siegeswillen der eigenen Truppen aber zu festigen. Litowkin vermutet, die US-Öffentlichkeit sei inzwischen so nervenschwach, dass sie in einem Atomkrieg nach drei bis vier Nukleareinschlägen kapitulieren würde.

Ein russischer Werbespot für die Streitkräfte verspricht derweil Freiwilligen „hundert Sorten modernster Waffen“, „geheime Einsätze auf feindlichem Territorium“ und „große Schlachten gegen lebendige Feinde“. Mehr Angst als Russlands Armee macht zurzeit seine PR.