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Kommentar: Ein Jahr Donald Trump

Kommentar : Ein Jahr Donald Trump

Wer die Endlosschleife von Peinlichkeiten und Absurditäten Revue passieren lässt, die sich der Möchtegern-Mussolini aus Manhattan geleistet hat, dem darf vor seinem zweiten Jahr sehr wohl die Angst beschleichen. Donald Trump ist seit einem Jahr US-Präsident - ein Kommentar von GA-Korrespondent Dirk Hautkapp.

Das Amt des Führers der freien Welt formt den Menschen, schleift ihn ab aber nicht rund, lässt ihn wachsen, im besten Fall hoch über sich hinaus. Mit Donald Trump verhält es sich anders. Er ist im ersten Jahr kein Jota präsidialer geworden. Sondern der Hütchenspieler und Haudrauf geblieben, der er immer war. Das bedeutet für die strapazierfähigste Demokratie weit und breit und die ganze Welt einen permanenten Stresstest.

Ja, doch, wirtschaftlich geht es weiter aufwärts. Bis zum nächsten Börsen-Taumel. Was Werte und Moral betrifft, sind die an breiter Front aus Verantwortung und Vorbildfunktion flüchtenden USA unter Trump allerdings im freien Fall. Der Ruf der „leuchtenden Stadt auf dem Hügel“ ist international ramponiert, die Spaltung im Inneren so hässlich und tief wie selten zuvor.

Auch wenn Trump noch keinen Krieg vom Zaun gebrochen hat: Wer die Endlosschleife von Peinlichkeiten und Absurditäten Revue passieren lässt, die sich der Möchtegern-Mussolini aus Manhattan geleistet hat, dem darf vor seinem zweiten Jahr sehr wohl die Angst beschleichen. Trump ist wie Säure. Er ätzt sich tröpfchenweise durch den gesellschaftlichen Kitt. Trump sucht sein Heil darin, seine Kern-Wählerschaft in einem Zustand der Dauer-Erregung zu halten und Tag für Tag mit inszenierten Scheinkonflikten gegen das andere, das mehrheitlich moderate, liberale, nicht-weiße Amerika in Stellung zu bringen.

Es ist kein Zufall, dass der 45. Präsident so gut wie nie von den „Vereinigten“ Staaten von Amerika spricht. Die korrosive Wirkung dieses Wir-gegen-die, die Polarisierung und Aufstachelung als Amtsprinzip, ist schon heute beängstigend. Wie wird erst die Langzeitwirkung sein, wenn es sich eingebürgert hat, dass sich Trump-Fans und Trump-Gegner nur noch mit hasserfüllter Sprachlosigkeit begegnen?

Das Verhängnisvolle ist, dass sich das Land gerade anschickt, sich an das ununterbrochene Mündungsfeuer der „lose canon“ aus dem Weißen Haus zu gewöhnen. Nur ein Beispiel: Man stelle sich einmal vor, welcher Aufruhr Amerika im Nachgang der außerehelichen Eskapaden Bill Clintons erfasst hätte, wäre es Barack Obama gewesen, der kurz nach der Geburt seines jüngsten Kindes mit einem Porno-Star ins Bett gegangen wäre, die Dame spätermit seiner ältesten Tochter verglichen und dann mit Schweigegeld mundtot gemacht hätte. Bei Donald Trump, dessen Dementi mit jeder neuen Enthüllung schlaffer wirkt, gehören solche Ungeheuerlichkeiten zum Grundrauschen. Die Mehrheit zuckt mit den Achseln. Seine Fans sagen trotzig: na und.

Spurlos kann diese zunehmende Gleichgültigkeit über einen charakterlich bankrotten Präsidenten nicht an Amerika vorbeigehen. Der historische Betriebsunfall Trump wird die gesellschaftlichen Reparaturbetriebe noch in Atem halten, wenn der Milliardär aus New York längst Geschichte ist. Wie sie ausgehen wird, ob regulär 2020 oder wg. Russland-Affäre/Amtsenthebung früher, ob es eine Fortsetzung der Geisterbahnfahrt bis 2025 gibt, ist heute vollkommen ungewiss.

Trump hat es mit einer republikanischen Partei zu tun, die dem ständigen Verletzen von Schamgrenzen weitgehend tatenlos zusieht und sich der Selbst-Kastrierung verschrieben hat. Auf der anderen Seite hadern kopf- wie führungslose Demokraten noch immer mit ihrem selbst verschuldeten Hillary-Debakel. Beide Lager machen es Donald Trump leicht, das politische Notstandsgebiet Amerika zu bespielen wie eine Fernsehshow. Ein Programmwechsel ist bitter nötig.