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Unterstützung aus Deutschland: Einsatz gegen das Restrisiko

Unterstützung aus Deutschland : Einsatz gegen das Restrisiko

Zwei Transportflugzeuge, vier Hubschrauber, 390 Soldaten. Das ist die Luftwaffe der Balten-Republik Estland in Komplettaufstellung. Oberst Jaak Tarien, Befehlshaber der estnischen Teilstreitkraft, sagt: "Wir sind wahrscheinlich eine der kleinsten Luftwaffen der Welt."

Und um die nationale Luftverteidigung der Nachbarstaaten Litauen und Lettland ist es nicht viel besser bestellt. Der große Nachbar Russland hätte das Baltikum, wenn er erst mal Appetit bekäme, schnell geschluckt. Aber davor steht das mächtigste Verteidigungsbündnis der Welt: die Nato, einflussreicher Club von inzwischen 28 Staaten, dem Litauen, Lettland und Estland 2004 beigetreten sind.

Nur die Nato-Staaten Island, das überhaupt keinen Mann unter Waffen hat, und Luxemburg haben eine noch kleinere Luftwaffe als Estland. Für die Balten ist die Nato wie eine Restrisikoversicherung gegen Machtgelüste und Muskelspiele aus Moskau.

Oberst Tarien steht vor einem Offiziersgebäude der Luftwaffenbasis Ämari, etwa 40 Kilometer südwestlich der estnischen Hauptstadt Tallinn, und sagt, die Esten seien froh, dass "starke Verbündete" wie Deutschland, natürlich auch die Nato-Führungsmacht USA, im Lande seien, Flagge und militärische Präsenz zeigten.

Seit Ende August hilft die Luftwaffe mit fünf Eurofightern und einem 190 Mann starken Kontingent - der größte Teil vom Taktischen Luftwaffengeschwader 31 "Boelcke" aus Nörvenich -, den Luftraum über Estland, Lettland und Litauen zu schützen. Dieses verstärkte Nato "Air Policing" ist eine Reaktion der Allianz auf den hybriden, diesen nicht erklärten und mit versteckter Unterstützung geführten Krieg Russlands in der Ostukraine.

Im Frühjahr vergangenen Jahres, als Russland seine Aggressionen mit dem Landraub der Halbinsel Krim erstmals voll auslebte, hätten sich viele Esten von Russland bedroht gefühlt und Angst vor einem Rückfall in alte Besatzerzeiten gehabt. Aber jetzt, mit der Anwesenheit "starker Verbündeter" im Land, fühlten sich die Esten wieder sicher, sagt Oberst Tarien.

Die deutsche Luftwaffe schützt mit dem Nato-Partner Ungarn, der sein "Air Policing"-Kontingent in Litauen stationiert hat, baltischen und somit alliierten Luftraum gegen russische Provokationen. Für Luftwaffen-Inspekteur Karl Müllner ist die seit 2014 verstärkte Präsenz der Nato im Luftraum über dem Baltikum vor allem ein "politisches Signal in Richtung Moskau".

Den Luftraum der baltischen Staaten schützt die Nato schon seit 2004, weil die Luftwaffen von Estland, Lettland und Litauen allein dazu nicht in der Lage wären. Aber mit dem Krieg prorussischer Separatisten im Osten der Ukraine ist in Nato-Staaten wie Estland, Lettland, Litauen, Polen und Rumänien wieder das Gefühl gewachsen, von Russland ernsthaft bedroht zu werden.

Der Nato-Gipfel in Wales im September vergangenen Jahres fasste auch deshalb unter anderem den Beschluss, eine superschnelle Eingreiftruppe aufzustellen und die Ostflanke des Bündnisses besser zu schützen. Die Nato-Partner verpflichteten sich dabei zu "regelmäßiger Präsenz und bedeutenden militärischen Aktivitäten von Luft-, Land- und Seestreitkräften im östlichen Teil des Bündnisses auf Rotationsbasis".

So verstärken deutsche Eurofighter-Piloten zunächst bis Ende des Jahres das Nato-"Air Policing" über dem Baltikum, ehe sie von Belgiern abgelöst werden. Immer wieder ist von russischen Provokationen an der Grenze des baltischen Luftraumes die Rede. Oberst Tarien hat im vergangenen Jahr acht Grenzverletzungen registriert.

"Es war immer nur ein kurzer Blick über die Grenze, nicht länger als eine Minute." Aber der genügte, um den Esten das Gefühl zu geben, von Russland latent bedroht zu werden. Die Nato selbst will bislang nicht von russischen Grenzverletzungen sprechen, jedenfalls nicht von solchen, die "gravierend-absichtlich" gewesen wären.

Doch gleichzeitig muss der deutsche Luftwaffeninspekteur Müllner feststellen, dass die russische Luftwaffe ihre Manöver über Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2012 vervierfacht hat. Also habe auch die Nato ihre Schutzflüge im Luftraum über dem Baltikum verstärkt.

Denn die Allianz könne vor dem Hintergrund dieses Szenarios made in Moskau "nicht zur Tagesordnung übergehen". Wenn die Russen also wieder ein unbekanntes Flugobjekt mit abgeschalteter Transponder-Kennung über die Ostsee und nahe der baltischen Luftraumgrenze schicken, steigen binnen 15 Minuten aus der Alarmrotte zwei deutsche Eurofighter auf.

Der deutsche Kontingentführer in Ämari, Oberstleutnant Kai Ohlemacher, weiß: "Die Angst vor Russland ist hier alltäglich. Die Dankbarkeit, dass die Nato die Nordostflanke schützt, ist überall spürbar." Oberst Tarien jedenfalls ist beruhigt: "Wir fühlen uns hier gut beschützt." Auftrag erfüllt. Bis zum nächsten Alarm.