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Hagia Sophia soll Moschee werden - Gericht: Erdogan entscheidet

Umwandlung in Moschee : Erdogan soll Schicksal der Hagia Sophia entscheiden

Am Donnerstag erklärte die Staatsanwaltschaft laut Medienberichten vor Gericht, es sei Sache des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ob die Hagia Sophia zur Moschee erklärt werde oder nicht. Das Urteil soll binnen zwei Wochen veröffentlicht werden.

In der Diskussion über eine Umwandlung der Istanbuler Hagia Sophia in eine Moschee deutet alles darauf hin, dass die Entscheidung über das Schicksal des 1500 Jahre alten Gebäudes beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan liegen wird. Der Verwaltungsgerichtshof in Ankara befasste sich am Donnerstag mit dem Thema, die Verhandlung dauerte aber weniger als 20 Minuten.

Vor Gericht erklärte die Staatsanwaltschaft laut Medienberichten, es sei Sache von Erdogan, ob die Hagia Sophia zur Moschee erklärt werde oder nicht. Das Urteil des Verwaltungsgerichts soll binnen zwei Wochen veröffentlicht werden. Erdogans Regierung gibt sich zuversichtlich, dass die Hagia Sophia bald ein islamisches Gotteshaus werden kann – doch ob Erdogan diesen Schritt gehen wird, ist offen. Möglicherweise ist ihm die Debatte über das Thema wichtiger als der Vollzug.

Islamisten fordern seit Jahren eine Rückumwandlung in eine Moschee. Erdogans Regierung hat sich angesichts schlechter Umfragewerte hinter die Initiative gestellt, die vor allem bei religiösen und nationalistischen Wählern populär ist.

Kritik der Opposition

Kritik kommt von der Opposition, die Erdogan vorwirft, die Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Auch Bartholomäus, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel und damit geistliches Oberhaupt von weltweit 300 Millionen orthodoxer Christen, sowie die Regierung Griechenlands wenden sich gegen den Plan. US-Außenminister Mike Pompeo rief die Türkei ebenfalls auf, die Hagia Sophia als Museum zu erhalten. Ankara wies Pompeos Forderung als Einmischungsversuch zurück.

Vor Gericht ging es am Donnerstag um die Forderung eines islamistischen Verbandes, jenen Kabinettsbeschluss zu annullieren, mit dem die Hagia Sophia in den 1930er Jahren zum Museum gemacht wurde. In ähnlichen Fällen hatten türkische Gerichte entschieden, dass die Entscheidungsbefugnis in solchen Fragen bei der Regierung liegt. Sollte das jetzt erwartete neue Urteil diese Ansicht bestätigen, könnte Erdogan sofort handeln und die Umwandlung in die „Hagia Sophia Moschee“ verfügen. Laut Medienberichten könnte am 15. Juli, dem Jahrestag des Putschversuchs gegen Erdogan von 2016, der erste islamische Gottesdienst in der Hagia Sophia seit fast 90 Jahren stattfinden.

Doch noch ist es nicht soweit. Der Streit um die Hagia Sophia sei ein Thema, bei dem Erdogan seine Anhänger mit Ankündigungen beeindrucken könne, diese Zusagen aber nicht unbedingt einhalten werde, sagt der amerikanische Türkei-Experte Howard Eissenstat. Erdogans Regierungspartei AKP hat derzeit kein anderes Thema, mit dem sie ihre Anhänger fesseln könnte.

Ansehensverlust der AKP wegen der Wirtschaftskrise

Der Ansehensverlust der AKP wegen der Wirtschaftskrise erhöht aus Eissenstats Sicht zwar die Wahrscheinlichkeit, dass Erdogan bei der Hagia Sophia diesmal Ernst macht. Auch könnte der Präsident von erwarteter Kritik aus dem Ausland profitieren, indem er sich als unbeugsamer Wahrer türkischer Interessen in Szene setze. Aber: „Mal abwarten, ob er wirklich springt“, sagte Eissenstat, der an der St.-Lawrence-Universität im US-Bundesstaat New York lehrt, unserer Zeitung.

Schließlich könnte sich die Umwandlung der Hagia Sophia als Strohfeuer erweisen. Viele Wählerstimmen werde Erdogan damit wohl kaum gewinnen, meint Eissenstat. Trotz des hohen Symbolwertes der Hagia Sophia ist es fraglich, ob der AKP neue Anhänger zuströmen – die politische Landschaft der Türkei ist bereits jetzt in ein Erdogan-freundliches und ein Erdogan-kritisches Lager gespalten. Dass viele Türken die Seiten wechseln, weil Erdogan islamische Gottesdienste in der Hagia Sophia ermöglicht, ist unwahrscheinlich.

Zudem hat der Präsident bei einem anderen Lieblingsthema der Nationalisten bereits bewiesen, dass er über Jahre eine wichtige Veränderung versprechen kann, ohne dieses Versprechen zu halten. Bei vielen Wahlkampfveranstaltungen der vergangenen Jahre sagte Erdogan, er werde die Todesstrafe wieder einführen, wenn das Parlament eine entsprechende Entscheidung fälle. Doch dann verschwand die Angelegenheit regelmäßig wieder in den Schubladen.