Kommentar zu Spannungen zwischen Israel und Ägypten Kairos Drohung ist ein Alarmzeichen

Meinung · Ägypten droht Israel mit der Aufkündigung des Friedensvertrages von 1979. Wenn die Israelis im Süden des Gazastreifens angreifen, werden sie möglicherweise nicht die Hamas isolieren, sondern sich selbst.

 Blick auf ein provisorisches Lager in der Stadt Rafah im südlichen Gaza-Streifen.

Blick auf ein provisorisches Lager in der Stadt Rafah im südlichen Gaza-Streifen.

Foto: dpa/Yasser Qudih

Wenn Ägypten, der älteste Partner des Westens in der arabischen Welt, mit der Aufkündigung seines Friedensvertrages mit Israel droht, ist das ein Alarmzeichen. Alle ägyptischen Regierungen seit 1979 halten an dem Abkommen fest, obwohl die meisten Ägypter keine Sympathien für Israel hegen und Präsident Anwar Sadat 1981 von Islamisten erschossen wurde, weil er Frieden mit dem jüdischen Staat geschlossen hatte.

Die Bedeutung des ägyptisch-israelischen Vertrages für den Nahen Osten ist kaum zu überschätzen. Mit dem Friedensschluss vor 45 Jahren durchbrach Israel seine regionale Isolation: Vorher war der 1948 gegründete jüdische Staat in seiner Nachbarschaft von Feinden umringt und musste in mehreren Kriegen gegen die Araber um sein Überleben kämpfen. Der Vertrag mit Ägypten, der nach Vermittlung durch die USA zustande kam, machte Israel sicherer.

Nun stellt Kairo den Vertrag wegen des Konflikts in Gaza infrage. Israels Krieg gegen die Hamas, als Strafaktion nach dem Massaker der palästinensischen Extremisten vom 7. Oktober begonnen, hat nicht nur die Aussöhnung der Israelis mit weiteren arabischen Staaten erst einmal gestoppt, er gefährdet jetzt auch die jahrzehntealten Beziehungen Israels zu seinen arabischen Verbündeten. Die Ägypter und andere arabische Staaten befürchten, Israel werde Hunderttausende Palästinenser aus dem Gazastreifen auf die ägyptische Sinai-Halbinsel treiben und nach dem Krieg nicht wieder in ihre Heimat zurücklassen.

Auch westliche Politiker befürchten das. Schließlich fordern rechtsgerichtete Politiker in Israel offen, Palästinenser sollten den Gazastreifen verlassen, um Platz für jüdische Siedler zu machen. Die US-Regierung hat mehrfach erklärt, sie sei gegen die Zwangsumsiedlung. Auch Außenministerin Annalena Baerbock sagt, es dürfe „keine Besetzung des Gazastreifens geben, keine Vertreibung und keine Verkleinerung des Territoriums“. Trotzdem hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seiner Armee befohlen, sie solle im südlichen Gazastreifen angreifen, um verbliebene Hamas-Einheiten zu jagen. Die Zivilisten, die aus anderen Teilen des Gazastreifens dorthin geflohen sind, wissen nicht, wohin.

Die Spannungen zwischen Ägypten und Israel zeigen, dass der Konflikt nicht mehr auf den Gazastreifen zu begrenzen ist. Auch Jordanien, das 1994 mit Israel Frieden schloss, und die Vereinigten Arabischen Emirate, die vor vier Jahren ein Abkommen mit Israel unterschrieben, warnen die israelische Regierung davor, die Bewohner des Gazastreifens zu vertreiben. Wenn die Israelis im Süden des Gazastreifens angreifen, werden sie möglicherweise nicht die Hamas isolieren, sondern sich selbst.

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