Kommentar zum Brexit-Plan Kompromisslos

Meinung | London · Premierministerin Theresa May strebt den glatten Bruch mit der EU an. Damit riskiert sie auch ein Desaster für die britische Volkswirtschaft.

 Demonstranten protestieren vor dem Parlament in London gegen den Brexit. Am Donnerstag wurden weitere Details der Pläne bekannt.

Demonstranten protestieren vor dem Parlament in London gegen den Brexit. Am Donnerstag wurden weitere Details der Pläne bekannt.

Foto: dpa

Man kann wirklich Angst bekommen. Theresa Mays Brexit-Plan ist kompromisslos. Er ist in sich logisch, aber hat potenziell katastrophale Auswirkungen. Die Premierministerin strebt den glatten Bruch mit der EU an und riskiert damit nicht nur Verwerfungen mit ihren Partnern auf dem Kontinent. Vor allem aber riskiert sie ein Desaster für die britische Volkswirtschaft, wenn die ab 2019 ohne einen Deal mit dem größten Binnenmarkt der Welt dasteht.

Zugegeben, May strebt das nicht an, macht konziliante Töne und setzt auf einvernehmliche Lösungen. Aber wie soll es funktionieren, wenn die Premierministerin Arbeitnehmerfreizügigkeit ebenso wenig zulassen will wie die Schiedsrichterfunktion des Europäischen Gerichtshofs, andererseits aber darauf pocht, Zugang „zu europäischen Märkten“ zu bekommen? Ihre Vorstellung von maßgeschneiderten Deals für den Automobilsektor etwa oder für Finanzdienstleistungen wird für Verhandlungspartner wie Rosinenpickerei aussehen, die man auf keinen Fall zulassen will.

Was Angst macht, ist auch der Streit ums Geld. 60 Milliarden Euro, berichtete der ehemalige britische EU-Botschafter Sir Ivan Rogers, könnte die Scheidung das Königreich kosten. Die Summe kommt zusammen, wenn man die finanziellen Verpflichtungen Londons bei Budgetzahlungen oder Pensionsansprüchen addiert. Man mag sich nicht ausmalen, welch ein Kriegsgeheul die britischen Massenblätter anstimmen werden, wenn eine Austrittsrechnung in dieser Höhe präsentiert wird. Das Eskalationspotenzial der Brexit-Verhandlungen ist groß.