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Krise in Frankreich: Paris verschärft Corona-Beschränkungen massiv

Corona-Krise verschärft sich : Frankreich blickt mit Neid und Anerkennung nach Deutschland

Die Regierung in Paris verschärft die Corona-Beschränkungen. Und Frankreich fragt sich seit Beginn der Krise, weshalb Deutschland viel besser durch die Pandemie kommt.

Olivier ist einer jener beneidenswerten Menschen, die scheinbar nur einen Gemütszustand kennen: gute Laune. Auch an diesem Morgen stellt der Wirt Tische und Stühle auf den Gehsteig vor seinem kleinen Café in der Rue Copernic in Paris. Freundlich lächelnd grüßt er die Nachbarn. Nein, das Interview des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Abend zuvor habe er nicht gesehen, sagt Olivier. „Wozu auch, es war doch klar, dass es zu neuen Einschränkungen wegen der Corona-Krise kommt“, sagt er, die Frage sei nur gewesen, wie schwerwiegend sie würden. Nun wird also eine Ausgangssperre über Paris verhängt. Zwischen 21 Uhr abends und sechs Uhr morgens dürfen die Menschen ihre Wohnung nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Dasselbe gilt für die Ballungsräume von Grenoble, Lille, Lyon, Marseille, Rouen, Saint-Etienne und Toulouse.

„Wir werden uns irgendwie durchschlagen“, sagt der Wirt Olivier, aber es werde langsam sehr schwierig. Den Gastronomen in Frankreich sitzt noch der 55 Tage dauernde Lockdown vom Frühjahr in den Knochen. Über Wochen wurde das gesamte Land in eine Art Dämmerzustand versetzt. Restaurants, Bistros Museen, Kinos, Theater, alles wurde geschlossen, die Franzosen durften pro Tag nur eine Stunde ihre Wohnung verlassen und auf der Straße war der Bewegungsradius auf einen Kilometer eingeschränkt. Nur die massive finanzielle Hilfe des Staates hat eine Pleitewelle der Betriebe im ganzen Land verhindert.

Franzosen fühlten sich zu früh zu sicher

Durch den brutalen Schnitt konnten die explodierenden Infektionszahlen allerdings in den Griff bekommen werden – der Lockdown konnte wieder aufgehoben werden. Dann kam der Sommer, die Sonne stand strahlend am Himmel und vielen Franzosen schienen die Sorgen um die Gesundheit schnell zu vergessen. Man fuhr wie immer in den Ferien aufs Land zu Verwandten und vergnügte sich am Strand. Zwar warnten die Fachleute ohne Unterlass, die Hygieneregeln einzuhalten und Abstand zu seinen Mitmenschen halten, doch die Ratschläge verhallten allzu oft ungehört. Vor allem für junge Menschen schienen die Vorgaben nicht zu gelten. Immer wieder machten Meldungen die Runde, dass die Polizei Partys an den Stränden auflösen mussten. Schließlich wurden viele Strandabschnitte und Bar in den Ferienorten schlicht geschlossen.

Die Politiker sahen das Problem und betonten immer wieder, dass man beim Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht die Generationen gegeneinander ausspielen dürfe. Sie forderten aber von den Jungen, mehr Rücksicht auf die Alten zu nehmen, die zu den besonders gefährdeten Gruppen gehören. Im Fernsehen sind inzwischen Corona-Spots zu sehen, deren Skript immer wieder dasselbe ist: junge Menschen treffen sich mit ihren Freunden, es gibt das traditionelle Küsschen zum Abschied, danach geht es zur Familienfeier bei der Oma, die Stimmung ist ausgelassen, viele Umarmungen und am Ende kommt der scharfe Schnitt und die Kamera zoomt auf die sterbende Oma am Beatmungsgerät auf der Intensivstation. Emmanuel Macron fasste die Situation für die jungen Menschen bei seinem Interview am Mittwochabend im französischen Fernsehen in einem knappen Satz zusammen: „2020 ist ein schlechtes Jahr, um 20 zu sein.“

Viel höhere Infektionszahlen als in Deutschland

Wie viel solche Clips und die mahnenden Worte nützen ist fraglich. Tatsache ist, dass nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Paris die Zahl der Neuansteckungen bei jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren im Moment bei 800 pro 100.000 Menschen liegt. Im Durchschnitt aller Altersgruppen liegt der die sogenannte Inzidenz im Großraum Paris im Moment bei 422. Zum Vergleich: der kritische Warnwert, der in Berlin und anderen deutschen Städten zuletzt überschritten wurde und für allerhöchste Aufregung sorgt, liegt bei 50.

Die Zahlen in Frankreich steigen also beunruhigend, doch geradezu Alarmstimmung herrscht seit einigen Tagen in den Krankenhäusern. In Paris ist fast die Hälfte der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt, bis Monatsende könnten es 90 Prozent sein. Frankreich ist mit fast 33.000 Corona-Todesfällen nach absoluten Zahlen eines der am stärksten betroffenen Länder in Europa. Emmanuel Macron warnte seine Landsleute, dass man auf den Intensivstationen keine Puffer mehr habe. Das während der erste Welle jeden Abend viel-beklatschte Personal ist seit Monaten völlig überlastet und es reiht sich Studie an Studie, dass viele der Pflegerinnen an Burn-out leiden. Aktuell hat die französische Gesundheitsbehörde angeordnet, nicht notwendige Operationen zu verschieben, um die Intensivbetten für mögliche Corona-Fälle freizuhalten. Mit Schrecken erinnern sich viele Franzosen an die Situation im Frühjahr, als mit umgebauten TGV-Schnellzügen todkranke Patienten kreuz und quer durchs Land gefahren wurden, um für sie ein freies Beatmungsgerät zu finden.

Hilfe Deutschlands kam in Frankreich gut an

Einige Kranke wurden sogar nach Deutschland verlegt. Seit jenen Tagen wird in Frankreich immer wieder bewundernd zum Nachbarn geblickt. Die Deutschen scheinen die Corona-Pandemie geradezu mit Bravour zu meistern. Die Aufnahme der Corona-Kranken war für viele Franzosen in jener äußerst schwierigen Situation eine große und sehr noble Geste. Im Fernsehen liefen Reportagen mit oft tränenreichen Geschichten von französischen Kranken, die dem Corona-Tod von der Schippe gesprungen sind und den Reportern von der guten Pflege in deutschen Krankenhäusern vorschwärmten. Für die deutsch-französische Freundschaft hat das mehr gebracht als viele Politiker-Reden in den Tagen der Krise. Was machen die Deutschen besser, ist seitdem eine sehr oft gestellte Frage.

„Das Gesundheitssystem ist schon sehr gut in Deutschland“, sagt eine Arzthelferin in diesen Tagen in Paris, während sie beim Corona-Test mit einem langen Stäbchen tief in der Nase eines Patienten wühlt. Seit Stunden sitzt die junge Frau in ihrem kleinen, fensterlosen Zimmerchen und nimmt praktisch im Minutentakt Proben. Stäbchen raus aus der Hülle, rein in die Nase, den Abstrich in ein kleines Plastikfläschchen streifen, den Kleber mit dem Erkennungscode drauf, nächster Patient. Die Frage, wie befriedigend für sie ihre Arbeit im Moment ist, erübrigt sich in diesem Fall.

Begrüßungsrituale in Frankreich bergen Ansteckungsgefahren

Nachdem am Anfang der Pandemie die Tests ziemlich chaotisch abgelaufen sind, hat sich die Sache inzwischen eingespielt. Seit auch private Labors eingespannt werden, müssen die Franzosen nun nicht mehr eine Ewigkeit auf einen Termin warten und danach noch tagelang auf das Ergebnis. Den Hinweis, dass auch in Deutschland in diesem Fall nicht alles reibungslos abläuft, quittiert sie mit einem Schulterzucken. „Wir leben in einer Ausnahmesituation“, sagt die Arzthelferin.

Es seien die kleinen Gesten, die im Moment entscheidend sind, erklärt sie dann und klingt in diesem Moment wie eine Figur aus einem der Werbefilmchen der Regierung: Hände waschen, Abstand halten, Maske auf. Die Deutschen seinen dabei allerdings deutlich im Vorteil, mutmaßt die Arzthelferin, denn ihnen falle es leichter, Abstand zuhalten. Dann erzählt sie eine offensichtlich einschneidende Erfahrung aus ihrem einzigen Deutschlandurlaub. In Frankreich küsse man sich zur Begrüßung, in Deutschland gebe man sich allenfalls die Hand.

Disziplin der Deutschen schlägt Laissez-faire der Franzosen

Und schließlich fällt das Stichwort Disziplin – wie im Moment immer, wenn nach einer Erklärung für den unterschiedlichen Verlauf der Pandemie in den beiden Ländern gesucht wird. Zusammengefasst wird erzählt: Während Franzosen Regeln als unverbindlichen Vorschlag für das eigene Handeln interpretieren, sind die Deutschen in dieser Hinsicht eher obrigkeitshörig.

Natürlich lobt auch der Wirt Oliver die Disziplin der Deutschen und erklärt das französische Laissez-faire an einem kleinen Beispiel aus seiner sehr persönlichen Erfahrungswelt. Als es vor einigen Wochen hieß, dass alle Cafés im Kampf gegen die Pandemie schließen müssen, Restaurants aber offenbleiben können, erklärt der Wirt aus Paris, lagen plötzlich überall weiße Decken auf den Tischchen. So wurde über Nacht aus einem einfachen Café eine Brasserie mit Essensangebot. Faktisch lief die Verordnung der Regierung auf diese Weise ins Leere, ausgehebelt durch den Erfindungsreichtum der Franzosen gegenüber den Herrschenden, sagt Olivier lächelnd und nicht ohne Stolz. Diese Renitenz sei ein sehr sympathischer Wesenszug, räumt der Wirt nach einiger Überlegung schließlich ein, aber im Abwehrkampf gegen die Corona-Pandemie sei das offensichtlich gar nicht gut.