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Regionalwahlen in Frankreich: Macron und Le Pen können nicht punkten

Regionalwahlen in Frankreich : Macron und Le Pen können nicht punkten

In der ersten Runde der Regionalwahlen in Frankreich wird das bürgerliche Lager überraschend stärkste Kraft. Entsetzen herrscht über die niedrige Wahlbeteiligung: Zwei Drittel der Franzosen bleibt zu Hause.

Große Ernüchterung bei den französischen Regionalwahlen. Die Wahlbeteiligung hat mit knapp über 30 Prozent einen historischen Tiefstand erreicht. Alle Parteien riefen ihre Anhänger dazu auf, in der zweiten Runde am kommenden Sonntag zur Urne zu gehen. Vor allem Marine Le Pen, Chefin des extrem rechten Rassemblement National (RN), machte das Fernbleiben der Wähler für ihr überraschend schlechtes Abschneiden verantwortlich. Trotz außerordentlich guter Umfragewerte liegt die Partei nur in einer einzigen der 13 zentralfranzösischen Regionen nach der ersten Runde vorne. Über Twitter gab die 52-Jährige für die Stichwahlen am 27. Juni die Parole aus: „Zu den Urnen, Patrioten!“

Die Wahlen in den Regionen und den kleineren Départements sind der letzte Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl 2022. Konservative Anwärter wittern nun Chancen, Staatschef Emmanuel Macron im kommenden Jahr schlagen zu können. 

Dessen Partei La République en Marche (LREM) konnte sich in keiner einzelnen Region durchsetzen. Sie landete mit rund elf Prozent der Stimmen nur auf Platz fünf hinter Sozialisten und Grünen. Das gesamte konservative Lager kommt auf rund 28 Prozent der Stimmen.

Die konservative Partei Les Républicains reklamierte den Sieg in der ersten Runde für sich. Die Republikaner seien „mit weitem Abstand die Partei mit den meisten Stimmen“ geworden, betonte ihr Vorsitzender Christian Jacob. Zugleich attestierte Jacob der Präsidentenpartei eine „beispiellose Niederlage“. Konservative Regionalpräsidenten und -präsidentinnen verteidigten ihre Mehrheiten in sechs der 13 zentralfranzösischen Regionen, darunter im Pariser Großraum Ile de France und in der an Deutschland grenzenden Region Grand Est.

Die Abstimmung am Sonntag legte offen, was bereits vermutet worden war: dass Macrons Präsidentenpartei LREM in den Regionen kaum Rückhalt hat. „Die Ergebnisse sind schlecht. Wir wissen es“, räumte der Macron-Vertraute und Ex-Minister Christophe Castaner am Montag ein. Der 43-jährige Macron und Le Pen könnten laut bisherigen Umfragen in knapp einem Jahr erneut in der Stichwahl im Kampf um das Präsidentenamt stehen.

Am Montag meldeten sich viele Spitzenpolitiker zu Wort, die sich besorgt über die Wahlbeteiligung äußerten. „Die Franzosen finden, dass es sich nicht mehr lohnt, wählen zu gehen“, resümierte Innenminister Gérald Darmanin im TV-Sender France 2. Das sei „eine Niederlage für uns alle“, sagte er.

Meinungsforscher: Das Land ist „nicht wütend“

„Wenn die Enthaltung gewinnt, verliert die Demokratie“, warnte Premier Jean Castex. Mit Blick auf die zweite Runde appellierte er: „Gehen Sie am nächsten Sonntag wählen!“

Der Generaldirektor des Meinungsforschungsinstitut Ipsos, Brice Teinturier, sagte im Sender France Inter, es habe bei der Wahl kein hervorstechendes Thema gegeben – und das Land sei „nicht wütend“. In der vorigen Abstimmung 2015 sei das anders gewesen. Sie hatte unter dem Eindruck von Terroranschlägen stattgefunden. Teinturier sagte, die niedrige Wahlbeteiligung habe insbesondere das Abschneiden Le Pens Partei negativ beeinflusst. Mit Blick auf die erwartete Wahlschlacht zwischen Macron und Le Pen im kommenden Jahr sagte der Politologe: „Die Umfragen sagen es uns auch, dass die Franzosen etwas anderes wollen als dieses Duell.“

Die Tageszeitung „Libération“ kommentierte, die jüngste Entspannung in der Corona-Krise und die Hitzewelle hätten die Franzosen dazu bewegt, die neu gewonnene Freiheit und Sorglosigkeit zu nutzen. Bürger beklagten in Interviews, einen Wahlkampf habe es kaum gegeben.