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Sinziger Haus Helenaberg: Nur mit Improvisation gelang die Verwandlung im Ersten Weltkrieg

Sinziger Haus Helenaberg : Nur mit Improvisation gelang die Verwandlung im Ersten Weltkrieg

Der Hof ging eigentlich über die Kräfte von Marie Rhodius und ihren Kindern Hanna und Engelbert. Trotzdem verkaufte die Witwe des Gustav Rhodius, der im Gleestal/Burgbrohl Natriumbicarbonat produziert hatte, ihr Bonner Haus, um nach Sinzig zu ziehen. Denn nach dem Tod ihrer Eltern, des Malers Carl Christian Andreae und seiner Frau Maria Elvira, übernahm sie dort deren Gut Helenaberg - damit es in der Familie blieb.

Nun hieß es stundenlang Pflänzchen pikieren, selbstgezogenen Salat und Geranien verkaufen. Indes fiel noch Extraenergie für Soziales ab: 1908 trat die protestantische Familie dem Sinziger Frauenverein bei, der für Kinderreiche, Wöchnerinnen und Kranke nähte und kochte. Zur gleichen Zeit sollte Hanna gesellschaftlichen Schliff bekommen. Da ihr Tanzstunden nicht lagen, fuhr Mutter Marie, der Opern-, Konzerte- und Theaterkultur wegen, mit der Tochter nach Dresden.

So friedlich die Gegebenheiten auch schienen - "schon 1910 sprach man vom Krieg", hat Hanna, später verheiratete Meurer, in ihren Erinnerungen festgehalten. Und bereits ein Jahr bevor im Sommer 1914 der Mord an Österreichs Thronfolger-Ehepaar die kriegsbringende Kettenreaktion auslöste, hatte Marie Rhodius das herrschaftliche Sinziger Haus als Lazarett in Koblenz angemeldet.

Offenbar war's ein Kinderspiel: "Der Generalarzt kam, sah sich die Sache an und fand alles sehr schön." 40 Betten seien im Mobilmachungsfall bereitzustellen. Es hieß, das Militär sorge für rechtzeitigen Transport von Bad Neuenahrer Hotelbetten.

Was hatte die Witwe zu diesem Entschluss bewogen? Es war die Sorge, nach Kriegsausbruch sowohl von Sohn Engelbert als auch der Tochter, die sich dem Roten Kreuz verpflichtet hatte, getrennt zu sein. "Da wollen wir doch lieber hier ein Lazarett einrichten", fand die zupackende Frau. Man schuf Platz in der Villa, räumte eineinhalb Etagen leer.

"Die Kegelbahn sollte als orthopädischer Turnraum dienen, die orthopädischen Apparate zum Wiederbewegen der Glieder sollten gestellt werden. Dann kam die Mobilmachung, aber nichts tat sich." Die versprochenen Betten - nicht in Sicht. Also wurden sie privat organisiert, bei den Schlossbesitzern Koenigs, bei Heusers und Broichers, die die größten Häuser in Sinzig hatten. Weitere Gestelle holten Hanna und der Gärtnerjunge mit dem Handkarren von Nachbarn ab.

Hannas Bericht liest sich wie ein einziges Improvisationsabenteuer. Im Bonner Friedrich-Wilhelm-Stift händigte man ihr die erbetenen Verbände, Apparate und Pflaster aus. Bereitwillig gab eine Eschweiler Fabrik chirurgische Instrumente. Aus dunkelgrünen Vorhängen ließ Hannas Burgbrohler Cousine Paula Rhodius 40 "weiche Joppen" für die Verwundeten nähen.

Auch spendierte sie reichlich Weckgläser mit Huhn, Reis, Spargel. Onkel Richard Dilthey brachte 1000 Mark. Der kriegsuntaugliche Onkel Andreas Andreae sprang als Zahlmeister ein. Die Hilfsbereitschaft war überwältigend. Da gab es eine Arztwitwe, deren beide Söhne im Krieg waren.

Die versorgte die ganze Küche, während eine frühe Kriegswitwe alles Gemüse schnibbelte. Mindestens so wichtig: Der Hausarzt des Helenabergs, Dr. Leyendecker, übernahm unentgeltlich die Lazarettleitung. Ansonsten oblag die Krankenpflege der medizinisch vorgebildeten Hanna, ihrer Tante Marie Louise Andreae, geb. Kropp, die einmal ein Säuglingsheim geleitet hatte, und einem jungen Mädchen.

Doch das Versorgungsproblem verschärfte sich. Als die Verpflegungsmarken für Fett, Fleisch und Brot aufkamen, erhielt anfangs jeder Haushalt die gleiche Menge: "So bekamen wir mit unseren 50 Leuten, nämlich 40 Soldaten - denn wir waren fast immer voll belegt - den helfenden Personen und uns, als einziger Haushalt nur eine Ration Brot, eine Ration Fleisch und eine Ration, das heißt ein Viertelpfund, Fett."

Solange in Bonner Außenbezirken kleine Mengen Fett ohne Marken aufzutreiben waren, rückte Hanna zweimal wöchentlich aus, um sie 100-Gramm-weise zu erwerben. Den Lazarettbetreibern des Helenabergs zahlte die Militärverwaltung "pro Kopf und Tag 40 Pfennig, das langte aber nur knapp für die Arznei". Dagegen erhielten die Lazarette in Neuenahrer Hotels "pro Kopf 2,80 Mark", glaubte Hanna.

Grimmig notierte sie: "Nun belegte die Militärverwaltung aber immer zuerst die freien Betten bei uns, weil die gratis waren. Das ärgerte aber die Neuenahrer Hotels, die nicht bestehen konnten, wenn sie nicht voll ausgelastet waren." So erstaunt es nicht, dass anhaltende Versorgungsengpässe und mangelnde Finanzierung das Lazarett im Spätherbst 1915 in die Knie zwangen. Verwunderlich ist vielmehr, wie die Einrichtung als privates Zuschussprojekt gut 13 Monate durchhalten konnte.

2014 steht im Zeichen des Rückblicks auf den Beginn des Ersten Weltkrieges. In loser Folge veröffentlicht der General-Anzeiger zu diesem Thema persönliche Erinnerungen, Berichte über regionale Ereignisse von historischer Bedeutung und, natürlich, Fotos aus dieser Zeit.