Panzersperre auf der Brücke der Freundschaft Ein Besuch an der Grenze zwischen Russland und Finnland

Moskau · Im Winter schlossen die Finnen die Grenze nach Russland. Aber zwischen Russlands Nordwesten und dem Baltikum droht ein neuer Eiserner Vorhang hinunterzugehen – eine Katastrophe vor allem für europäisch gesonnene Russen. Ein Besuch in der Region.

Einer der geschlossenen Kontrollpunkte in Finnland an der Grenze zu Russland ist der in Salla.

Einer der geschlossenen Kontrollpunkte in Finnland an der Grenze zu Russland ist der in Salla.

Foto: picture alliance/dpa/Lehtikuva/Roni Rekomaa

Ein paar Dörfer kämen noch, dann sei Schluss, erzählt die Grenzbeamtin, eine junge, helläugige Frau, brünette Zöpfe wippen über dem Kragen ihres blauen Schlechtwetteranzugs. „Die Finnen haben vor ihrem Grenzübergang Betonblöcke aufgebaut.“ Aber für uns endet die Welt schon hier, vor dem russischen Wachcontainer am Sajma-Kanal bei Wyborg, 22 Kilometer südlich der finnischen Zollstation Nuijamaa. Aus dem grauen Himmel fisselt es eisig nass, die russischen Grenzer haben unsere Ausweise einkassiert. Ob ich eine Erlaubnis des Chefs der Sicherheitsorgane zur journalistischen Tätigkeit besitze, will einer wissen. „Und Sie sind in Cherson geboren?“, fragt er Bibolet, meinen Begleiter. Wir sehen uns an, Cherson ist ukrainische Frontstadt. Nicht, dass wir hier als mutmaßliche westlich-ukrainische Spione festgenommen werden?

Über dem russisch-finnischen Grenzgebiet hängt Misstrauen. Noch im Herbst rollten hier russische Busse und Pkw zu den finnischen 24-Stunden-Einkaufszentren bei Lappeenrantaa, finnische Autofahrer kamen herüber, um billig zu tanken oder Spirituosen zu kaufen.

Auch Bibolet Bejkulow, kein Ukra­iner, sondern Tscherkesse aus Sankt Petersburg, überquerte in seinem Jeep oft die Grenze: Um zum Angeln an einen Waldsee bei Mikkeli zu fahren, wo ein finnischer Bekannter Wochenendhäuser vermietete. Oder um seine Tochter Madina abzuholen, die in Jyväskylä Wirtschaft studierte. Fast hunderttausend Russen leben, lernen und arbeiten in dem 5,6-Millionen-Seelenland, Bibolet und andere Petersburger nennen es liebevoll „Finka“. Viele flogen über Helsinki in den Italien-Urlaub. Und Madina arbeitet jetzt als Marketingmanagerin für eine finnische IT-Firma in Amsterdam.

Doch mit dem 24. Februar 2022 ist das russisch-europäische Verhältnis abgestürzt. Erst wurde der Flug-, dann der Zugverkehr eingestellt. Und seit die Finnen im Dezember ihre Grenze geschlossen haben, sind aus dem Großraum Petersburg Richtung Europa nur noch drei estnische sowie vier lettische Kontrollpunkte offen. Der Eiserne Vorhang senkt sich wieder.

Mitte Dezember öffneten die Finnen die Grenze erneut.

Nach gut eineinhalb Stunden klettern drei Männer in Tarnuniformen aus einem Wasik-Kleinbus, wir bekommen unsere Papiere zurück. Weiterfahren dürften wir nicht. „Wenn sie versuchen, an einem anderen Kontrollpunkt durchzukommen“, erklärt einer sachlich, „werden Sie festgenommen.“

Ob sie uns auf Fahrrädern durchgelassen hätten? Ich verkneife mir die Frage. Aber alles begann, als im November Scharen junger Männer auf Gebrauchtfahrrädern am Übergang Nuijami auftauchten. Die Flüchtlinge aus Somalia oder Syrien wollten politisches Asyl. Die russischen Grenzer ließen sie ohne gültige Einreisepapiere für Finnland passieren, finnische Politiker warfen Moskau deshalb vor, es organisiere die Migranten. Laut dem damaligen Präsidenten Sauli Niinistö rächte sich Russland so für ein neues Verteidigungsabkommen Finnlands mit den USA.

Angesichts Hunderter Asylradler täglich machten die Finnen alle neun Übergänge dicht. Die Region wurde zur Sackgasse. In der Markthalle der karelischen Grenzstadt Wyborg langweilen sich Verkäuferinnen mit Kurzhaarfrisuren zwischen Stapeln skandinavischer Lebensmittel. „Kommt jetzt alles über Tallinn“, seufzt eine und fährt fort: „Und in Petersburg fliegen ukra­inische Drohnen.“ Wir sind die einzigen Kunden.

Alexander Karjanen und Tatjana Sallier vor Ahnenporträts und mit einem Foto ihrer deutschen Enkelinnen und ihres Enkels in Russland.

Alexander Karjanen und Tatjana Sallier vor Ahnenporträts und mit einem Foto ihrer deutschen Enkelinnen und ihres Enkels in Russland.

Foto: Stefan Scholl

Mitte Dezember öffneten die Finnen die Grenze erneut. Aber Bibolets Tochter Madina, die aus Amsterdam über Helsinki nach Petersburg wollte, brauchte drei Tage: Die Schranke fiel direkt vor dem Bug ihres Reisebusses, weil auf der anderen Seite wieder die Radfahrer aufgetaucht waren. „Finnland hat mir den Weg zu einer Karriere in Europa geöffnet“, erzählt Madina per Whatsapp. Dafür sei sie dankbar. „Aber warum lassen die Finnen jetzt nicht mal Mütter mit kleinen Kindern passieren?“

Im Reisebus von Petersburg nach Tallinn sprechen alle russisch

„Solche Sanktionen bringen das Volk nicht gegen Putin auf, sondern gegen Finnland“, räsoniert Tatjana Sallier. Sie sitzt neben ihrem Mann Alexander Karjanen unter den Ölporträts ihrer Ahnen in ihrem Petersburger Wohnzimmer. Es sind finnische, französische und deutsche Vorfahren, alte Petersburger Intelligenz. So wie Alexander, Physiker, und Tatjana, Fremdsprachendozentin. Beide sind 76 Jahre alt und lehren noch. Ihr Lächeln wirkt geschwisterlich.

Sie erzählen von ihren Auslandsreisen, früher drei im Jahr, von ihrer älteren Tochter Lisa, die mit ihren Zwillingsenkelinnen im deutschen Ettenheim wohnt. Die können sie nicht mehr besuchen, seit ihr letztes Schengenvisum abgelaufen ist.

Ihre jüngere Tochter Anna, noch vor Kurzem Prorektorin der Europäischen Akademie in Petersburg, lebt jetzt in Finnland, mit Mann und Sohn Roman. Ihr Mann Michail Dumma, zur Hälfte Ukrainer, floh schon im September 2022 vor Putins Teilmobilmachung dorthin, Anna und ihr Kind folgten. Der Programmierer Michail lernt in Punkaharju Koch, Anna bringt im 150 Kilometer entfernten Mikkeli jungen Somaliern und Syrern finnisch bei, hält manchmal Reden bei Demos gegen Grenzschließung.

Anna sitzt mit Mann und Kind im Auto, als sie über Messenger erzählt, die Finnen seien sehr nett zu ihnen. Gerade erst habe ihnen am Zebrastreifen ein Fußgänger lächelnd die Vorfahrt gelassen, ihr russisches Nummernschild habe ihn nicht geschert. Sie wollen nicht nach Russland zurück. „Roman soll in eine Schule gehen“, sagt Anna, „wo er lernt, dass es mehr als nur einen Standpunkt gibt.“

Der Westen diskutiert nicht wirklich, ob alle Russen kollektiv schuld sind an dem, was ihre Armee in der Ukraine veranstaltet. Aber abstrafen will man möglichst viele. Und erwischt dabei hauptsächlich die europäisch Gesonnenen. Für die Familie Sallier-Karjanen-Dumma gibt es noch ein Schlupfloch, um zusammenzukommen. Mit der Fähre von Helsinki ins estnische Tallinn und per Bus oder Pkw weiter nach Petersburg. Im Februar haben Anna, Michail und Roman den Weg mit dem Auto gemacht, 22 Stunden Fahrt.

Die Stimmung ist gedämpft

Im Reisebus von Petersburg nach Tallinn sprechen alle russisch, auch Iwan, 19, ein stämmiger Lockenkopf, der einen US-Pass besitzt und von Helsinki nach New York fliegt, wo er Wirtschaft studiert. „Die Fähre ist prima“, freut er sich, „kostet nur 30 Dollar, es gibt sogar ein Spielcasino.“ Sonst ist die Stimmung auf den 50 Sitzplätzen des SKSAwto-Busses eher gedämpft. Eine ältere Frau aus der estnischen Grenzstadt Narwa erzählt, sie habe ihre Enkelin in Petersburg besucht. „Weiß Gott, wann ich das nächste Mal hinkomme, vielleicht mit dem Flugzeug über Istanbul“, scherzt sie ohne Lächeln.

Narwa ist der populärste der verbliebenen Landübergänge zwischen Russland und Europa, liegt auf dem kürzesten Weg zwischen Petersburg und Tallinn. Aber die Russen haben die Brücke über den Grenzfluss Anfang Februar dichtgemacht, reparieren sie – voraussichtlich bis Ende 2025. Man muss am russischen Ufer aus dem Bus steigen, 600 Meter mit Gepäck laufen, um den grün vergitterten Fußgängersteig über den Fluss zu überqueren. Jenseits des estnischen Kontrollpunktes wartet ein anderer Bus.

Die Esten lassen Russen nur mit EU-Aufenthaltsgenehmigungen durch, nicht mit Schengenvisa. Selbst ukrainische Flüchtlinge können hier hängenbleiben, wenn ihr Kind die falsche Geburtsurkunde besitzt.

Auf der Fußgängerbrücke von Narwa bauten sich im November estnische Grenzschützer wie Rugby-Abwehrspieler auf, um junge Araber zu stoppen. „Geht zurück nach Russland, da tut euch auch keiner was.“ Aber die Migranten sind weiter in der Region unterwegs, nach Angaben aus Helsinki zu Tausenden, versuchen es mithilfe von Schleppern über die grüne Grenze. Balten und Finnen bauen Zäune. Und an ihrem Ende der Brücke, das die Russen noch immer „Freundschaftsbrücke“ nennen, haben die Esten drei Reihen Betonpyramiden montiert. Offenbar schließen sie nicht aus, dass hinter russischen Baukränen Schützenpanzer hervorpreschen.

Man misstraut, fürchtet oder hasst einander. Die kleinen baltischen Ex-Sowjetrepubliken haben Angst, dass Putin nach der Ukra­ine auch mit ihnen abrechnen will. Russland hat die estnische Premierministerin Kaja Kallas zur Fahndung ausgeschrieben. Und auf dem Rückweg händigt mir ein estnischer Beamter ein Flugblatt aus: „Wenn Estland seine Übergänge wegen des Migrationsdrucks zeitweise schließen muss, können Sie über diesen Grenzübergang nicht nach Estland zurück.“

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