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Strategen empfehlen Joe Biden abzuwarten und zuzusehen, wie sich Donald Trump selbst demontiert

Machtkampf um US-Präsidentenamt : Gute Aussichten für Biden in Zeiten der Seuche

Der demokratische Präsidentschaftskandidat und Trump-Herausforderer Joe Biden könnte von einer Art Volksabstimmung über den Umgang mit Corona profitieren.

Es mangelt nicht an Strategen, die Joe Biden – vielleicht nicht ganz ernst gemeint – einen simplen Rat geben: am besten gar nichts machen. Der Kandidat, empfehlen sie, möge sein Haus in Wilmington, Delaware, wenn überhaupt, dann nur selten verlassen und die eigenen Aktivitäten, auch online, auf ein Minimum beschränken. Er bräuchte nur zuzusehen, wie sich der Mann, den er im Oval Office ablösen will, selbst demontiert.

So augenzwinkernd die These daherkommt, so steckt doch ein Körnchen Wahrheit darin. Wird die Wahl tatsächlich zu einer Art Volksentscheid darüber, wie Donald Trump auf die Seuche reagierte, hat Biden wohl gute Karten. Dem erratischen Krisenmanagement des Präsidenten kann er Ruhe und Kompetenz entgegensetzen. Plötzlich ist es kein Nachteil mehr, wenn einer wie Biden fast 50 Jahre seines Berufslebens in den Spitzenetagen der Politik verbrachte. 1972 erstmals zum Senator gewählt, von 2009 bis 2017 Vizepräsident an der Seite Barack Obamas, steht er wie kaum ein anderer für jene politische Elite, gegen die der Geschäftsmann Trump einen erfolgreichen Feldzug startete. Wenn nicht alles täuscht, hat die Pandemie bei einer Mehrheit der Amerikaner den rebellischen Furor zumindest vorübergehend verfliegen lassen. Jenen Zorn, von dem Trump im Duell mit Hillary Clinton, einer klassischen Vertreterin des Establishments, noch so profitierte. Wonach sich viele im Augenblick sehnen, ist „a safe pair of hands“: ein Fachmann der Politik, der mit sicherer Hand agiert. Auch wenn er keine Aufbruchstimmung erzeugt und in Rhetorik wie Habitus langweilig wirkt.

Ein langer Weg

Biden, bei zwei früheren Anläufen 1988 und 2008 als eher mäßiger Wahlkämpfer krachend gescheitert bei dem Versuch, ins Weiße Haus einzuziehen, erfüllt das Kriterium. Angesichts der Erfahrung, die er in die Waagschale werfen kann, trauen ihm viele zu, eine Ausnahmesituation besser zu meistern als Trump, der entzauberte Kaiser ohne Kleider, dessen Ungeduld und Sprunghaftigkeit maßgeblich zur Verschärfung der Krise beitrugen. Biden, auch das ist ein Faktor, wirkt glaubwürdig, wenn er von den persönlichen Tragödien der Pandemie spricht, wenn er Betroffenen das Gefühl gibt, dass er ihren Schmerz teilt. „I feel your pain“: 1992 verhalf es dem Newcomer Bill Clinton zum Sieg über den Platzhirsch George Bush, zumal der Weltpolitiker Bush mitten in einer Rezession den Eindruck erweckte, als habe er den Bezug zu den Alltagssorgen seiner Landsleute verloren, während Clinton von den Nöten der Gebeutelten sprach. 2020 könnte es Bidens Trumpf sein.

Er war 30, gerade zum Senator gewählt, als seine Frau Neilia und die einjährige Tochter Naomi bei einem Autounfall ums Leben kamen, während die Söhne Hunter und Beau, zwei und drei, wochenlang im Krankenhaus lagen. 2015 verzichtete er auf eine Bewerbung fürs Oval Office, obwohl es auf der Hand gelegen hätte, dass er, der damalige Vizepräsident, nun auch das höchste Staatsamt anstrebte. Beau Biden, sein Ältester, war in jenem Jahr an einem Hirntumor gestorben. Bei einem Mann, der solche Schicksalsschläge wegstecken musste, setzt die Wählerschaft voraus, dass er zu echter Empathie fähig ist.

Allerdings haben die Vorwahlen der Demokraten einmal mehr Bidens Schwächen offenbart. Nicht nur, dass man ihm sein Alter anmerkte. Er wirkte auch deutlich fahriger als etwa Bernie Sanders, sein linker, noch älterer Widersacher. Mal verhaspelte er sich, mal brachte er Sätze nicht zu Ende, mal schmückte er Anekdoten dermaßen blumig aus, dass sie kaum noch einen Bezug zur Wahrheit hatten. Wenn ihn Trump, der Widersachern gern herabwürdigende Spitznamen gibt, „Sleepy Joe“ nennt, bastelt er an der Skizze eines senilen Greises, der sich, ohne es zu merken, vor den Karren linker Demokraten spannen lässt – der „radikalen Linken“, als die der Präsident den Flügel um Sanders verunglimpft.

Umfrage: 65 Prozent plädieren für Biden

Gut möglich, dass der Amtsinhaber in der Schlammschlacht noch aufholen kann. Im Moment aber, zeigt eine Umfrage der „Washington Post“, trauen es 60 Prozent der Amerikaner eher Biden als Trump zu, die richtigen Antworten auf die Seuche zu finden. 65 Prozent halten ihn für den geeigneteren Präsidenten, wenn es darum geht, der Protestwelle nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd Reformen folgen zu lassen. Nur in Sachen Wirtschaftskompetenz liegen beide etwa gleichauf.