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Kommentar zu den Äußerungen des Papstes: Urteile und Fehlurteile

Kommentar zu den Äußerungen des Papstes : Urteile und Fehlurteile

Es passiert immer im Himmel, ausgerechnet dort. Jedes Mal, wenn Papst Franziskus eine Auslandsreise beendet, gibt er den mitreisenden Journalisten eine Pressekonferenz.

Der berühmteste Satz, den der 79 Jahre alte Papst in schwindelnden Höhen äußerte, war auf Homosexuelle bezogen und lautete: "Wer bin ich, dass ich urteile?" Die Aussage gilt seither als das eigentliche Programm von Franziskus. Die Öffentlichkeit erkennt in ihm einen milden, aufgeschlossenen und auf überfällige Reformen drängenden Religionsführer.

Selten klafften öffentliche Wahrnehmung und Essenz eines Pontifikats so weit auseinander wie bei Franziskus. Dieser Papst, der die Barmherzigkeit ins Zentrum seiner Mission gestellt hat, fällt schärfste Urteile, darunter nicht selten Fehlurteile. Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang seine Einmischung in den US-Wahlkampf. Er mische sich nicht ein, sagte Franziskus wörtlich, um sich selbst im nächsten Halbsatz zu dementieren und über Donald Trump, den populistischen Rechtsaußen-Kandidaten der Republikaner, den Stab zu brechen: "Ich sage nur, dass dieser Mann kein Christ ist." Der in milde klingende Verklausulierungen verpackte Satz war von seltener Aggressivität, egal was man von Trump halten mag.

Zum echten Problem wird diese Haltung, wenn sich der urteilende Papst dabei auch noch krasse Fehlurteile erlaubt. Auf die Frage, ob Abtreibung oder Verhütung als Reaktion auf den besonders für Föten im Mutterleib als gefährlich geltenden Zika-Virus ein "kleineres Übel" sein könnte, antwortete Franziskus, Abtreibung sei kein kleineres Übel, sondern ein Verbrechen. "Das bedeutet jemanden umzubringen, um einen anderen zu retten. Das ist dasselbe, was die Mafia macht." Die Mafia unterhält ein System von Angst und Unterdrückung, um ihre Interessen zu befriedigen und greift dabei auch zur Gewalt. Mit Abtreibung in Notsituationen, auf die sich der Papst offensichtlich bezieht, hat dieses System nichts zu tun.

So unglaublich dieser Vergleich anmutet, so beeindruckend ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit, derartige Äußerungen mit einem Schulterzucken hinzunehmen. Nicht der Mafia-Vergleich wird hervorgehoben, sondern eine scheinbare Öffnung des Papstes im Hinblick auf das Leib- und Magenthema westlicher Gesellschaften in Auseinandersetzung mit dem Vatikan. Nämlich die Frage, unter welchen Bedingungen Verhütung erlaubt sei oder nicht. Dabei zeigt sich eine selektive Wahrnehmung des Pontifikats. Entgleisungen wie der Mafia-Vergleich passen nicht in das verzerrte Bild, das von Franziskus gezeichnet wird. Man sieht diesem unkonventionellen Mann auch die Verteidigung von Klapsen für Kinder nach. Offenkundig ist auch seine Opposition gegen die Homo-Ehe oder seine Verurteilung der Gender-Theorie. Dennoch bleibt Franziskus in der Wahrnehmung der Papst des Wandels.