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Kritik an Abzug: US-Präsident Biden rechtfertigt Rückzug aus Afghanistan

Kritik an Abzug : US-Präsident Biden rechtfertigt Rückzug aus Afghanistan

US-Präsident Joe Biden hat Fehler bei der Einschätzung der Lage in Afghanistan eingeräumt. Er stehe aber in fester Überzeugung zu seinem Rückzugsbeschluss und verteidigte sich und seinen Berater.

Angesichts der erschütternden Szenen am Flughafen von Kabul hat US-Präsident Joe Biden Fehler bei der Einschätzung der Lage in Afghanistan eingeräumt, zugleich aber seine Entscheidung zum Rückzug vehement verteidigt.

Die Szenen, die sich in Kabul abspielten, zerrissen einem das Herz, sagte er am Montagnachmittag (Ortszeit) im Weißen Haus, wo er sich in einer live von allen großen amerikanischen Fernsehsendern übertragenen Ansprache an seine Landsleute wandte. Der Abzug sei hart, er verlaufe chaotisch, er sei alles andere als perfekt. Die Fakten, mit denen man es derzeit vor Ort zu tun habe, schmerzten ihn zutiefst, gestand er ein, ohne allerdings konkreter zu werden.

Wo Biden Ansätze von Selbstkritik erkennen ließ, beließ er es bei Allgemeinplätzen, ohne im Detail auf eigene Irrtümer einzugehen oder Vokabeln wie Fehlurteil zu benutzen. „Wir hatten die Risiken klar im Auge“, verteidigt er sich und seine Berater. „Wir waren auf jede Eventualität vorbereitet. Aber die Wahrheit ist, die Dinge haben sich schneller entwickelt, als wir es erwartet hatten.“

In schnörkelloser Prosa wiederholt der Präsident die vernichtenden Urteile, die einige seiner Minister bereits zuvor über die gestürzte afghanische Regierung und deren Armee gefällt hatten. Die politische Führung in Kabul habe aufgegeben und sei geflohen. Das Militär, mit milliardenschwerer Hilfe von den Amerikanern unterstützt, sei in sich zusammengefallen, in einigen Fällen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, gegen die Taliban zu kämpfen, sagt er.

Während manche Republikaner Biden ankreiden, durch Schuldzuweisungen dieser Art von eigenen Versäumnissen ablenken zu wollen, geht der in Bedrängnis Geratene hart ins Gericht mit dem afghanischen Ex-Präsidenten Aschraf Ghani, den er noch im Juni im Weißen Haus empfangen hatte. Er habe Ghani ans Herz gelegt, im Dialog mit den Taliban nach einer Lösung zu suchen, wörtlich: „echte Diplomatie zu betreiben“. Dies sei rundheraus abgelehnt worden. Wenn die Ereignisse der vergangenen Woche etwas gezeigt hätten, dann dies: „Die Militärpräsenz der USA in Afghanistan jetzt zu beenden war die richtige Entscheidung“.

Es stehe in fester Überzeugung zu seinem Rückzugsbeschluss, stellt Biden klar. Er habe die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, US-Soldaten nicht auf unbestimmte Zeit in den Bürgerkrieg eines anderen Landes verwickeln wollen. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen, den die afghanischen Streitkräfte selber nicht zu führen bereit sind.“ Eine dauerhafte Militärpräsenz liege nicht im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten. Es sei nicht das, was das amerikanische Volk wolle. Was momentan in Afghanistan geschehe, wäre zwangsläufig auch dann geschehen, wenn man den Abzug um einige Jahre verschoben hätte, orakelt der 78-Jährige.

Bei der Kritik, die ihm entgegenschlägt, geht es allerdings weniger um die Abzugsentscheidung als solche, sondern mehr um ein Krisenmanagement, das im Fiasko endete. Bidens Kommentar zu den Vorwürfen ist, wie vieles in seiner Rede, weit entfernt von einem Mea culpa. Zwar lässt er ansatzweise eine gewisse Nachdenklichkeit erkennen, vor allem aber ein resolutes, fast schon trotzig wirkendes Beharren. Er wisse, dass die Frage gestellt werde, warum man nicht früher mit der Evakuierung afghanischer Zivilisten begonnen habe, sagt er. Zum einen habe es daran gelegen, dass einige Menschen, immer noch voller Hoffnung für ihr Land, Afghanistan nicht schon früher verlassen wollten. Zum anderen habe die afghanische Regierung die Amerikaner davon abgehalten, einen „massenhaften Exodus“ zu organisieren – „um, wie sie sagten, eine Vertrauenskrise zu vermeiden“.