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US-Wahl: Trump und Biden können auch ohne Beleidigung

Letztes TV-Duell vor US-Wahl : Trump und Biden können auch ohne Beleidigung

US-Präsident Donald Trump und sein Kontrahent Joe Biden zeigen im letzten TV-Duell vor der Wahl, dass sie auch sachlich diskutieren können. Oder zumindest ohne zu schreien. Von einem Sieg gegen den in Umfragen vorn liegenden Biden war Trump jedoch weit entfernt.

Ein schnelles Fazit vorweg: Falls Donald Trump das letzte TV-Duell vor der US-Wahl nutzen wollte, um zur Offensive gegen seinen in den Umfragen nach wir vor vorn liegenden Kontrahenten Joe Biden zu blasen, so ist ihm das nicht gelungen.

Gewiss, er wirkte beherrschter als beim ersten Aufeinandertreffen, das ganz im Zeichen persönlicher, beleidigender Attacken stand. Bei Wählern, die im Grunde nicht viel auszusetzen haben an seiner Politik, ihm aber seine verbalen Schläge unter die Gürtellinie verübeln, konnte er vielleicht sogar Punkte sammeln. Doch das entscheidende Argument, das seinen Rivalen in Verlegenheit hätte stürzen können, der Schlüsselsatz, der das Blatt vielleicht zu seinen Gunsten gewendet hätte, war von ihm am Donnerstagabend nicht zu hören. Und Biden, der kein Meister der Debattenbühne ist und im Alter von 77 Jahren bisweilen die nötige Schlagfertigkeit vermissen lässt, hat sich weder einen Aussetzer geleistet noch Trump größere Angriffsflächen geboten. Am Ende ging es wohl unentschieden aus, für den Amtsinhaber wahrscheinlich zu wenig, um dem Herausforderer den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Dass es diesmal nicht zu einem Schreiduell ausartete wie bei der Premiere Ende September, dass es über weite Strecken um inhaltliche Substanz ging, war nicht zuletzt der Moderatorin zu verdanken. Kristen Welker, Korrespondentin des Senders NBC im Weißen Haus, brachte mit ihrer resoluten Art Ordnung in ein Streitgespräch, dass angesichts angespannter Nerven leicht hätte entgleisen können.

Erwartungsgemäß ist die Pandemie das Thema, das gleich zu Beginn im Mittelpunkt steht. Biden wirft Trump einmal mehr vor, die Gefahr heruntergespielt zu haben, wider besseres Wissen, trotz überdeutlicher interner Warnungen. Und noch immer, betont er, habe das Oval Office keinen Plan, wie es mit einer Krankheit umgehe, die 220.000 Amerikaner das Leben gekostet habe. „Wer für so viele Tote Verantwortung trägt, sollte nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben“, wettert er und warnt davor, Trumps optimistischen Szenarien zu glauben. Was seine Landsleute erwarte, sei ein dunkler Winter. Ein Impfstoff werde vor Mitte 2021 nicht zur Verfügung stehen, man möge die nüchterne Wahrheit zur Kenntnis nehmen, statt sich Illusionen zu machen.

Die Pandemie, wiederholt Trump, was er seit Monaten sagt, werde verschwinden. Mit einem Vakzin sei möglicherweise noch vor Ende des Jahres zu rechnen. Nein, er glaube keineswegs, dass man einen dunklen Winter ansteuere, „wir sind ja dabei, unser Land wieder zu öffnen, wir lernen, mit dem Virus zu leben“. Darauf Biden: „Wir lernen, mit ihm zu sterben“.

Dann die Attacken, der Versuch Trumps, den ehemaligen Vizepräsidenten als einen Politiker zu porträtieren, der sich seines Amtes bedient habe, um sich massiv zu bereichern. Zum einen unterstellt er ihm, von Geschäften seines Sohnes Hunter in China profitiert zu haben. Zum anderen behauptet er, ohne Beweise zu nennen, die Familie Biden habe 3,5 Millionen Dollar von der Frau des Moskauer Bürgermeisters kassiert. Sein Rivale antwortet, statt auf Details einzugehen, mit einem Satz, mit dem er gleichsam den Stecker zu ziehen versucht: „In meinem ganzen Leben habe ich nicht einen Penny von einer ausländischen Quelle angenommen“. Trump, kontert er, besitze dagegen ein geheimes Bankkonto in China, bis heute habe er – im Unterschied zu allen US-Präsidenten seit Richard Nixon – nicht eine einzige seiner Steuererklärungen offengelegt. „Was haben Sie zu verbergen?“ „Geben Sie Ihre Steuererklärungen frei. Oder hören Sie auf, über Korruption zu reden.“

Für Nichtamerikaner vielleicht am aufschlussreichsten ist der Schlagabtausch, den sich beide zur Außenpolitik liefern, konkret: zum Umgang mit Nordkorea. Biden wirft Trump vor, sich bei Kim Jong einzuschmeicheln, bei einem Gangster, wie er den Autokraten nennt, ohne dem strategischen Ziel der USA, der nuklearen Abrüstung Pjöngjangs, auch nur ein Stück näher gekommen zu sein. Er habe, entgegnet Trump, Amerika weggelotst vom Abgrund eines Nuklearkrieges mit Nordkorea, während sein Vorgänger Barack Obama das Land noch als größte Bedrohung charakterisiert habe. „Gute Beziehungen zu Führern anderer Länder zu haben ist eine gute Sache“, sagt er, worauf Biden sarkastisch erwidert: „Wir hatten ein gutes Verhältnis zu Hitler, bevor er den Rest Europas überfiel“.

Emotional wird es, als um Kinder geht, die auf Weisung Trumps von ihren Eltern getrennt wurden, nachdem sie in deren Begleitung – ohne gültige Einreisepapiere – über die Grenze aus Mexiko gekommen waren. In über 500 Fällen, berichten amerikanische Medien, sind die Minderjährigen auf sich allein gestellt, weil es den Behörden bislang nicht gelungen ist, ihre Eltern ausfindig zu machen. Während Trump auf angeblich intensive Bemühungen verweist, um die Familien wieder zusammenzubringen, spricht Biden von den sträflich missachteten moralischen Werten Amerikas. „Diese Kinder sind allein, sie wissen nicht, wohin“, legt er den Finger in die Wunde. „Das ist kriminell. Es ist kriminell.“ Es ist ein Moment, einer von mehreren, der ihn deutlich besser aussehen lässt als den Mann, den er am 20. Januar im Weißen Haus ablösen will.