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Vergiftung von Alexej Nawalny: Was geschah in Zimmer 239?

Vergiftung von Alexej Nawalny : Was geschah in Zimmer 239?

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wurde augenscheinlich in seinem Hotelzimmer in Tomsk vergiftet. Auf einer verdächtigen Flasche haben deutsche Experten Spuren des Nervenkampfstoffes „Nowitschok“ gefunden.

Ein unaufgeräumtes Hotelzimmer, eine Bettdecke liegt auf dem Boden. Auf dem Tisch stehen zwei scheinbar leere Halbliterflaschen „Swatoj Istotschnik“, eine russische Mineralwassermarke. Eine dritte Flasche steht halb voll auf einer Kommode. Männer mit Kunststoffhandschuhen verpacken sie und andere Utensilien in blauen Tüten. „Wenn Sie etwas mitnehmen wollen, der Direktor hat gesagt, nur über die Polizei“, erklärt eine Mitarbeiterin des Hotels. „Leider können wir dieser Forderung nicht nachkommen“, antwortet einer der Männer und wechselt das Thema: „Hat niemand die Flaschen mit den Händen angefasst?“

Gestern veröffentlichte Alexej Nawalnys Stab auf Instagram ein Video, das zeigt, wie Mitarbeiter seines Rechercheteams am Morgen des 20. Augusts im Hotel Xander in Tomsk mehrere Plastikflaschen sicherstellten. Auf einer Flasche haben deutsche Experten Spuren des Nervenkampfstoffes „Nowitschok“ gefunden, der Nawalny an jenem Morgen auf dem Flug von Tomsk nach Moskau ins Koma beförderte.

Das beweise, heißt es in dem Instagram-Post, dass Nawalny vergiftet wurde, bevor er sein Hotelzimmer verließ, um zum Flughafen zu fahren. Ein gestern erschienener Bericht des Moskauer Rechercheportals Projekt bestätigt Zimmer 239 des Vier-Sterne Hotels als Tatort. Ein Standardraum für etwa 60 Euro. Und ein Projekt-Foto zeigt eine Überwachungskamera auf dem Flur direkt über der Zimmertür, laut dem Portal wurden inzwischen alle Server des Hotel-Videosystems von russischen Sicherheitsbeamten demontiert und beschlagnahmt.

„In diesem Fall haben die Sicherheitsorgane die Möglichkeit, im Detail zu rekonstruieren, was vor Nawalnys Zimmer an jenem Tag, am Abend und am Morgen geschehen ist“, schreibt Projekt. „Natürlich nur, wenn sie das wünschen.“ Nawalny war mit seinem Team im Xander für drei Nächte abgestiegen, sie drehten in Tomsk einen Film über korrupte Lokalparlamentarier der Staatspartei „Einiges Russland“.

Die sibirische Transportpolizei hat Nawalnys Aktivisten befragt, angeblich auch die Hotelvideos ausgewertet, aber bisher eröffneten die russischen Behörden keine Ermittlungsverfahren. Die Staatsagentur RIA Nowosti zitierte gestern den Chemiker Leonid Rink, einen der Erfinder des russischen Kampfstoffes Nowitschok, der die Flasche als „totes Indiz“ bezeichnete. Wenn jemand Gift auf diese Flasche aufgetragen hätte, wären daran außer Nawalny auch alle gestorben, die sie berührten. Aber scheinbar wollten die Täter dosiert morden. Wladimir Uglew, ein anderer Nowitschok-Entwickler, sagte Projekt, wenn das Nowitschok im Mineralwasser gewesen wäre, hätte Nawalny sich nach dem ersten Schluck in Schüttelkrämpfen gewunden, so aber habe er nur etwa 20 Prozent der tödlichen Dosis erhalten. Vier Mitglieder des Nawalny-Filmteams waren in Tomsk geblieben, um die Dreharbeiten abzuschließen, sie saßen im Hotel Xander beim Frühstück, als sie gegen zehn Uhr von seiner Vergiftung erfuhren. Sie beschlossen sofort, alle Indizien in Raum 239 sicherzustellen. Das mag auch der Putzfrau das Leben gerettet haben.

Am 22. August flog Maria Pewtschich, eine der Filmemacherinnen Nawalnys, mit den Indizien im Gepäck nach Berlin. Der kremlnahe Politologe Alexei Muchin erklärte unserer Zeitung, Nawalny werde nach Russland zurückkehren, auch weil er sich hier sicherer fühle. „Er hat ja hier eine staatliche Leibwache“. Die Mitarbeiter der russischen Geheimdienste würden ihn keineswegs beschatten, sondern beschützen. Da fragt sich, womit sie in der Nacht auf den 20. August im Tomsker Hotel Xander beschäftigt waren.