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Wie ein Interview für US-Präsident Donald Trump zum Fiasko wurde

US-Präsident unter Druck : Wie ein Interview für Donald Trump zum Desaster wurde

Dreieinhalb Monate vor der Präsidentschaftswahl liegt der Amtsinhaber in den Umfragen weit hinter seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden. Ein Fernsehinterview wurde für Trump zum Fiasko.

Eigentlich war der Vorhang bereits gefallen. Die Corona-Taskforce des Weißen Hauses – gebildet, um auf die Epidemie zu reagieren – gab es zwar noch, aber eben nicht mehr in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Donald Trump hielt es nicht mehr für ratsam, sich, flankiert von Virologen, im Weißen Haus vor die Reporter zu stellen, wie er es im März und April noch fast täglich getan hatte.

Obwohl kolportiert wurde, dass er den verbalen Schlagabtausch der Taskforce-Pressekonferenzen sehr genieße, wenn er Fragesteller schon mal mit der Bemerkung abkanzelte, dass die Frage eine Frechheit sei, hielt er das Ritual nicht lange durch. Es sagt viel über einen Präsidenten, der angesichts miserabler Umfragewerte langsam nervös zu werden scheint, dass er es nach drei Monaten Pause wieder aufleben lässt.

Offenbar will Trump einen Eindruck verwischen, der sich zuletzt mit Macht aufgedrängt hatte. Während die Zahl der bestätigten Infektionen in Kalifornien, Texas oder Florida auf alarmierende Höchststände kletterte, wirkte er, als gehe ihn das alles nichts mehr an. Als habe er das Kapitel Corona bereits abgehakt. Am Sonntag folgte ein mediales Desaster. Da gab er dem ebenso unaufgeregt wie beharrlich nachfragenden Fernsehmann Chris Wallace, der beim ansonsten überaus Trump-freundlichen Sender Fox News für kritischen Journalismus steht, ein Interview, das er im Nachhinein bereut haben dürfte.

Der Präsident bestand darauf, in der Hitze interviewt zu werden

Man saß im Garten des Weißen Hauses. Bei 37 Grad im Schatten traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Als er sich über die Hitze beschwerte, konterte Wallace kühl, Trump habe doch selbst darauf bestanden, das Gespräch statt in klimagekühlten Räumen im Freien zu führen. Irgendwann prahlte der Präsident damit, er habe einen Test seiner kognitiven Fähigkeiten ausgezeichnet bestanden, worauf Wallace erwiderte, den Test kenne er, er sei ziemlich einfach.  Zum Beispiel müsse man einen Elefanten als Elefanten identifizieren und sieben von 100 subtrahieren. Und als Trump behauptete, die USA hätten nur deshalb weltweit die meisten Ansteckungen zu verzeichnen, weil sie mit Abstand am intensivsten testeten, blamierte er sich ein weiteres Mal, weil ihm sein Gegenüber mit Fakten kam.

Es hat wohl auch an dem Fiasko am Sonntag bei Fox News gelegen, dass Trump, der das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes monatelang abgelehnt hatte, als sei dies etwas für Schwächlinge, plötzlich doch umschwenkte. „Viele Leute sagen, es ist patriotisch, eine Maske zu tragen, wenn ‚social distancing‘ nicht möglich ist“, schrieb er, an seine Fans gewandt, anschließend in einem Tweet. „Es gibt niemanden, der patriotischer ist als ich, euer Lieblingspräsident.“

So zufrieden sind US-Amerikaner mit ihrem Präsidenten. Foto: GA

Wie rasant es in den Popularitätskurven abwärts geht für ihn, zeigen aktuelle Umfragen. Washington Post und ABC News sehen seinen Kontrahenten Joe Biden bei der Wahl mit 15 Prozentpunkten Vorsprung durchs Ziel gehen. Im Mai hatte der Amtsinhaber um zehn, im März nur um zwei Punkte hinter dem Herausforderer gelegen. In den Swing States, in denen es traditionell auf Messers Schneide steht, fällt der Rückstand zwar kleiner aus, aber auch dort hätte Trump nach heutigem Stand das Nachsehen. In den Rust-Belt-Staaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin, ehemaligen Hochburgen der Demokraten, in denen er den Wettlauf mit Hillary Clinton überraschend für sich entschied, würde er klar verlieren, würde heute gewählt – immer vorausgesetzt, dass sich die Demoskopen nicht irren.

Auch in Florida, North Carolina und selbst in Arizona, einem lange von den Konservativen beherrschten Staat, müsste er seinem Rivalen den Vortritt lassen, während es in Ohio und Georgia auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinausliefe. Der „Economist“ schätzt die Chancen, dass Trump im Weißen Haus abgelöst wird, auf 93 Prozent und hält sogar einen Erdrutschsieg Bidens für möglich. Sechs Prozent der Trump-Wähler des Jahres 2016, haben wiederum „New York Times“ und „Siena College“ ermittelt, würden ihm keinesfalls noch einmal den Zuschlag geben.

Es ändert nichts an der Tatsache, dass es sich bei alledem nur um einen – letztlich irrelevanten – Zwischenstand handelt. Auch Clinton lag im Sommer vor vier Jahren, dem Politbarometer nach zu urteilen, deutlich vor dem Immobilientycoon, um im Herbst zu verlieren. Duellieren sich Trump und Biden im September und Oktober bei den obligatorischen Fernsehdebatten, könnte sich der Herausforderer, der bekannt ist für bisweilen peinliche Versprecher, erneut blamable Ausrutscher leisten. Manche Wähler könnte es bestätigen in ihrer Skepsis gegenüber einem 77-jährigen Kandidaten, der mitunter den Eindruck erweckt, als sei er tatsächlich zu alt für das Oval Office.

Selten wurde zuletzt ein US-Präsident nach einer Amtszeit abgewählt

Zudem neigen Amerikaner eher nicht dazu, einen Präsidenten nach nur einer Amtszeit durch einen anderen abzulösen. Der Letzte, der mit seiner Ausnahme die Regel bestätigte, war 1992 George Bush senior gewesen. Kein Wunder, dass gerade unter den Demokraten viele nicht an die Prognosen des Hochsommers glauben, zumal ihnen die Erfahrung von vor vier Jahren noch in den Knochen steckt. „Einige Leute sagen, schaut euch doch nur die Zahlen an. Nun, ich vertraue den Zahlen nicht“, sagt Debbie Dingell, eine Kongressabgeordnete aus Michigan.

Und doch, eines steht außer Zweifel: Eine klare Mehrheit der Wähler, Anhänger wie Gegner Trumps, sieht in dem Votum am 3. November ein Referendum über das Krisenmanagement des Präsidenten. Solange die Pandemie nicht eingedämmt wird, scheint er – bei allen angebrachten Relativierungen – gegen heftigen Gegenwind anzukämpfen haben.