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Vor der Kommunalwahl in der Türkei: Das Vertrauen der Märkte schwindet

Vor der Kommunalwahl in der Türkei : Das Vertrauen der Märkte schwindet

Vor der Kommunalwahl in der Türkei ist der Lira-Kurs an der Istanbuler Börse abgestürzt. Die Regierung interveniert. Auch türkische Investoren stoßen die Landeswährung ab.

Kurz vor den türkischen Kommunalwahlen an diesem Sonntag kämpft die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan gegen ein rapide schwindendes Vertrauen in- und ausländischer Investoren. Die Kurse an der Istanbuler Börse brachen am Mittwoch um fast sechs Prozent ein, der Banken-Index ging sogar um mehr als sieben Prozent zurück. Grund war ein Versuch von Erdogans Regierung, einen erneuten Sturzflug der Lira vor dem Wahltag mit allen Mitteln zu verhindern. Der Preis für die Aktion ist hoch. So wird es für den türkischen Staat wegen der Verunsicherung der Investoren immer teurer, sich an den internationalen Märkten Geld zu leihen.

Am Freitag voriger Woche war die Lira auf einen Kurs von 5,76 Lira für einen Dollar gesunken; für einen Euro mussten 6,52 Lira gezahlt werden. Es war der stärkste Kursrückgang innerhalb eines Tages seit der Währungskrise vom vergangenen Sommer. Damals sprach die Erdogan-Regierung von einem „Wirtschaftskrieg“ ausländischer Mächte gegen die Türkei.

Drohung von Erdogan

Angesichts der neuen Turbulenzen hatte Erdogan am Wochenende gedroht, Währungsspekulanten würden hart bestraft. Gleichzeitig leiteten die türkischen Behörden Ermittlungen gegen die US-Investmentbank JP Morgan mit dem Vorwurf ein, sie habe mit einem „irreführenden“ Bericht die neuen Erschütterungen der Lira verursacht. Laut der Zeitung „Hürriyet“ stehen auch die Deutsche Bank und die Citibank im Fadenkreuz der türkischen Ermittler.

Nach Interventionen Ankaras erholte sich der Lira-Kurs seit Wochenbeginn wieder, auch wenn er wenig später erneut etwas nachgab: Ein neuer Absturz wurde vorerst verhindert, doch könnte die Rettungsaktion für die Lira sehr negative Folgen für die Gesamtwirtschaft haben. Am Freitag mussten für einen Euro 6,36 Lira gezahlt werden.

Der Kursverfall wurde vor allem durch eine drastische Beschränkung so genannter Devisen-Tauschgeschäfte aufgehalten. Schon nach der Krise des vergangenen Jahres hatte die türkische Zentralbank die Möglichkeiten heimischer Institute für diese „Swap“-Geschäfte eingeschränkt; manche Investoren nutzen die Transaktionen, um auf einen Kursverfall einer Währung zu setzen.

"Langfristiger Pragmatismus"

Mit einer neuerlichen, weit drastischeren Begrenzung der Geschäfte soll die Lira auch diesmal stabilisiert werden – zumindest bis zu den Wahlen am Sonntag: Türkische Banken stellen derzeit laut Medienberichten auf Druck Ankaras auf den internationalen Märkten kaum noch Lira für „Swap“-Geschäfte bereit.

Damit werde „langfristiger Pragmatismus“ dem kurzfristigen Ziel eines Wahlsieges der Regierung geopfert, sagte der Händler Julian Rimmer von Investec Bank Plc in London der Nachrichtenagentur Bloomberg. In seinen 21 Jahren als Marktbeobachter habe er eine solche Aktion noch nie erlebt. Viele Händler würden sich künftig fragen, ob sich Investitionen in die Lira noch lohnten.

Dass die Regierung mit allen Mitteln versucht, die Lira vor den Wahlen einigermaßen auf Kurs zu halten, wird bereits seit Längerem vermutet. So gab es kürzlich Spekulationen, die Zentralbank in Ankara habe einen Teil ihrer Devisen-Reserven verkauft, um die Lira zu stützen.

Als Folge der Verunsicherung stiegen die Zinsen auf zweijährige türkische Staatsanleihen am Mittwoch etwa auf mehr als 20 Prozent; vorige Woche hatte Ankara noch 17,75 Prozent zahlen müssen. Nicht nur ausländische Anleger sind misstrauisch, was die Entwicklung in der Türkei angeht. Türkische Investoren und Sparer verkaufen seit Wochen immer mehr Lira und legen sie in Dollar oder Euro an. Dabei wurden bisher Lira im Wert von mehreren Milliarden Dollar abgestoßen.