Währungsökonom Wilhelm Hankel im GA-Interview "Der Euro ist zurzeit monetärer Sozialismus"

Professor Wilhelm Hankel hat am Dienstagabend auf dem Petersberg in einer Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) über die "Euro-Bombe" gesprochen. Mit Hankel sprach Ulrich Lüke.

Sie votieren gegen den Euro. Richtig?
Wilhelm Hankel: Halb richtig. Ich will aufklären über die Folgen, die uns alle schon in der kommenden Legislaturperiode einholen werden und über die keine der seriösen Parteien korrekt berichtet.

Was kritisieren Sie konkret?
Hankel: Weil es vertraglich keinen Finanzausgleich in der EU geben darf, hat man sich in Brüssel ausgedacht, diesen Finanzausgleich über die Währung zu machen. Die EZB druckt seit Jahren Riesenmengen neuer Euros und stellt sie den Schuldenländern zur Verfügung, damit sie ihren Schulden abzahlen.

Was wäre besser?
Hankel: Eine Euro-Reform.

Abschaffen?
Hankel: Ich bin für einen sowohl monetären als auch fairen Kompromiss. Denn die Einheitswährung läuft im Grunde auf einem monetären Sozialismus hinaus. Wir zahlen mit Inflationspolitik für die Schulden der anderen. Das ist politisch unverantwortlich, aber monetär auch, weil es den Euro auf Dauer zur Inflationswährung macht.

Also doch abschaffen?
Hankel: Nein. Der Euro könnte eine vernünftige Funktion haben als Bindeglied zwischen den europäischen Völkern. Deshalb habe ich in meinem letzten Buch ein Parallelsystem vorgeschlagen. Wir führen die nationalen Währungen wieder ein, schaffen neue Wechselkurse zwischen diesen Währungen und behalten den Euro als Bindeglied zwischen ihnen.

Was wäre dann noch die Funktion des Euro?
Hankel: Er wäre gewissermaßen die Verrechnungsklammer. Er würde für die europäischen Wechselkurse stehen. Wir drücken sie in Euro aus und hätten damit ein monetäres Metermaß. Und die EZB bliebe das Sprachrohr Europas nach außen.

Sie sehen in den dann wieder möglichen Auf- und Abwertungen den entscheidenden Vorteil?
Hankel: Ganz genau. Die Abschaffung der Wechselkurse hat uns in dieses Desaster geführt. Wenn ein griechischer Euro heute um 45 Prozent inflationiert ist, ein deutscher Euro dagegen um annähernd 20 Prozent zu tief bewertet ist, dann bedeutet das: Die Griechen können billig Schulden machen. Das haben sie auch reichlich getan. Und wir Deutsche bekommen Inflationsprobleme.

Was erwarten Sie nach der Bundestagswahl?
Hankel: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Politik der kleinen Pflaster, diese Beschwichtigungspolitik, in spätestens einem Jahr nicht mehr fortsetzbar ist. Die griechische Krise ist in diesem Jahr so nicht zu lösen. Die löst sich nur, wenn die Griechen die Drachme wieder haben, sie abwerten können. Dann sind sie wieder wettbewerbsfähig. Und dann können sie auch die Reformen in Angriff nehmen, von denen sie bisher noch keine in Angriff genommen haben.

Die Griechen werden doch gerade gelobt...
Hankel: Mein schrecklicher Eindruck ist: Keine griechische Regierung hat bisher mehr als Lippenbekenntnisse geliefert. Diese Reformen tun weh und sind unpopulär: kräftige Steuererhöhungen und Beschneidungen eines überhöhten Lebensstandards.

Was kommt auf die deutschen Steuerzahler zu?
Hankel: Dieses Jahr wird man versuchen, mit Kleinstbeträgen auszukommen. Das sind die von Herrn Schäuble genannten zehn Milliarden. Spätestens 2014 wird man sehen, dass diese Beträge nicht reichen. Die griechischen Staatsschulden liegen bei 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Was passiert ohne Euro-Reform?'
Hankel: Wenn man nicht zu nationalen Währungen zurückkehrt, sehe ich eine Sozialrevolution besonders in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal kommen. Die jungen Leute können doch mit diesen Verhältnissen nicht leben.

Rückkehr zur nationalen Währung ist also nicht anti-europäisch, sondern aus Ihrer Sicht die einzige Lösung?
Hankel:Ja. Denn Europa darf nicht zu einem sozialen Hexenkessel verkommen. Europa darf auch nicht Völkern wie uns und anderen den mühsam erworbenen Wohlstand nehmen.

Zur Person

Professor Wilhelm Hankel, 1929 bei Danzig geboren, ist einer der profiliertesten deutschen Euro-Kritiker. Mit anderen klagt er in Karlsruhe gegen die Milliarden-Hilfen für Griechenland. 1997 ist er - erfolglos - gegen die Euro-Einführung vorgegangen. Sein neuestes Buch trägt den Titel "Die Euro-Bombe". Hankel lebt in Königswinter.