GA-Interview mit Christiane Benner, Vize-Chefin der IG Metall „Auf die Sonntagsreden müssen Taten folgen“

Bonn · Wenn es um die Zahl von Frauen in Spitzenpositonen geht, ist der Fortschritt eine Schnecke, sagt Christiane Benner, Vize-Chefin der IG Metall. Sie fordert einen Kulturwandel in den Unternehmen und ein Lohngerechtigkeitsgesetz.

 Die Zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner 2015 beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Frankfurt.

Die Zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner 2015 beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Frankfurt.

Foto: picture alliance / dpa

Sie sind die erste Frau an der Spitze der traditionellen Männergewerkschaft IG Metall. Ist das Ausdruck einer Zeitenwende in der Arbeitswelt, die weiblicher wird?
Christiane Benner: Sicher nicht. Schauen Sie sich die Vorstände der Dax-Unternehmen an. Da sind gerade mal 16 von 192 Vorstandsposten von Frauen besetzt. Der Fortschritt ist in dieser Frage eine Schnecke.

Ist das nicht vor allem eine Frage der Zeit? Schließlich dauert es auch bei Männern lange, bis sie sich auf Führungspositionen vorgearbeitet haben.
Benner: Es müsste viel schneller gehen. Das Potenzial ist längst da, wenn man sieht, wie viele Frauen heutzutage BWL, Jura oder Ingenieurwissenschaften studieren. Wenn es um Führungspositionen in der Wirtschaft geht, wird die Luft für Frauen leider schnell dünn.

Liegt es nicht auch daran, dass viele Frauen nach wie vor klassische Frauenberufe wählen, etwas im Dienstleistungsbereich? Der Frauenanteil in den technischen Berufen ist nach wie vor gering.
Benner: Das stimmt. Es ist immer noch ein Problem, junge Frauen für gewerblich-technische Berufe zu begeistern. Eltern und Lehrer müssten Schülerinnen viel stärker motivieren, sich stärker für diese Bereiche zu interessieren: „Mathe ist meine Freundin!“, sollte das Motto vieler Schülerinnen werden. Viele andere Länder sind besser darin, Frauen für technische Fächer zu begeistern.

Ist das nur eine Aufgabe der Familien und der Schulen?
Benner: Auch die Unternehmen müssten Frauen stärker fördern. Für Frauen ist es immer noch schwierig, sich in einem von Männern geprägten Umfeld zu behaupten. Frauen bleiben immer noch zu oft auf der Strecke.

Also ist die vielzitierte „gläserne Decke“ für Frauen in Deutschland besonders undurchlässig?
Benner: Auf der Unternehmensebene, ja. Mir erscheint sie mitunter wie Stahlbeton. Der Weg an die Spitze eines Unternehmens ist kein Spaziergang, übrigens auch für Männer nicht. Wir brauchen einen Kulturwandel in den Unternehmen. Wir müssen dafür sorgen, dass Unternehmen von gemischten Teams geführt werden.

Bei vielen Firmen ist die Gleichberechtigung offiziell Teil der Unternehmenskultur, auch aus Eigeninteresse. Ist das nur Fassade?
Benner: Das würde ich nicht unterstellen. Auf die Sonntagsreden müssen jetzt allerdings Taten folgen. Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass Firmen mit gemischten Führungsteams innovativer und erfolgreicher sind. Aber es geschieht einfach zu wenig, um diese Erkenntnisse umzusetzen. Zum Beispiel, dass weibliche Führungskräfte auf allen Unternehmensebenen gezielt gefördert werden, um sie für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Auf den Führungsetagen deutscher Konzerne herrschen die „Shades of Grey“.

Bezogen auf die Farben der Anzüge...
Benner: Genau.

Warum muss man in Deutschland eigentlich noch über das Thema gleicher Lohn für gleiche Arbeit reden?
Benner: Gute Frage. Es ist nach wie vor so, dass Frauen nach der Ausbildung in ihrer Entgeltgruppe steckenbleiben, während Männer aufsteigen. Ingenieurinnen, die als Berufsanfängerinnen mit dem gleichen Entgelt wie ihre männlichen Kollegen starten, verdienen drei Jahre später im Schnitt 19 Prozent weniger als diese Kollegen.

Und nun?
Benner: Da müssen wir als Gewerkschaften ran. Unsere Tarifverträge sind geschlechterneutral. Trotzdem stellen wir fest, dass es in den Betrieben bei der Bezahlung von gleichwertigen Tätigkeiten geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, Frauen also schlechter bezahlt werden. Je höher man in den Unternehmenshierarchien geht, desto größer werden übrigens diese Unterschiede.

Haben die Gewerkschaften, deren Vorstände ja auch von Männern dominiert sind, das Thema zu lange schleifen lassen?
Benner: Nein. 1988 wurden die sogenannten Leichtlohngruppen abgeschafft, was besonders Frauen zugutegekommen ist. Trotz der guten tarifvertraglichen Grundlage gibt es noch Probleme mit unfairer Bezahlung, wovon übrigens nicht nur Frauen betroffen sind, sondern zum Beispiel auch Migranten. Um diese Lücke zu schließen, haben wir unsere Initiative „Faires Entgelt für Frauen“ gestartet.

Noch mal die Frage: Und nun?
Benner: Nun müsste auch mal der Gesetzgeber ran. Wir fordern ein Lohngerechtigkeitsgesetz, das die Arbeitgeber stärker in die Pflicht nimmt, die Entgeltstrukturen im Betrieb transparent darzulegen.

In der laufenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie fordert die IG Metall fünf Prozent höhere Löhne. Aber was sind die Abschlüsse überhaupt wert, wenn sie nur für die Hälfte der Beschäftigten gelten?
Benner: Viel! Von unseren Abschlüssen profitieren in der Metall- und Elektroindustrie 3,8 Millionen Beschäftigte. Sie haben auch Signalwirkung für die Entwicklung der Löhne und Gehälter in anderen Unternehmen. Beschäftigte in nicht tarifgebundenen Betrieben verdienen im Durchschnitt 24,6 Prozent weniger. Das ist nicht zu akzeptieren. Gerecht geht nur mit Tarifvertrag!

Jahrzehntelang waren die Gewerkschaften wichtige politische Stimmen in Deutschland. Jetzt hört man nichts mehr, zum Beispiel zu den Wahlerfolgen der AfD. Sind die Gewerkschaften nur noch Tarifmaschinen, der ADAC für Arbeitnehmer?
Benner: Nein. Gesellschaftlicher und sozialer Zusammenhalt ist und bleibt ein wichtiges Thema für uns.

Und zur AfD haben die Gewerkschaften nichts zu sagen?
Benner: Doch, wir haben eine klare Haltung gegenüber der AfD. Als Einheitsgewerkschaft geben wir keine Wahlempfehlungen ab.

Das war früher schon einmal anders.
Benner: Stimmt. Zum letzten Mal 1998, als wir von Helmut Kohl genug hatten und einen Politikwechsel eingefordert haben. Zur AfD sagen wir ganz klar, dass sie mit ihrem Programm und ihren Aussagen extrem gegen unsere gewerkschaftlichen Werte steht. Die AfD ist neoliberal, reaktionär, frauenfeindlich und rechtspopulistisch.

So deutlich war das in den letzten Wochen nicht zu hören.
Benner: Doch. Wir haben uns auf Betriebsversammlungen und gewerkschaftlichen Veranstaltungen vielfach und klar geäußert. Wir können nicht ignorieren, dass manche unserer Mitglieder angesichts steigender Flüchtlingszahlen Angst haben: Angst um ihren Lebensstandard, Angst um den Zusammenhalt der Gesellschaft, Angst vor den Umbrüchen, die möglicherweise auf uns zukommen. Unsere Aufgabe ist es, genau hinzuhören, Ansprechpartner zu sein und für Probleme Lösungen zu finden.

Was sagen Sie denn einem IG-Metaller, der sich zur AfD bekennt?
Benner: Wir reden mit den Leuten und versuchen, sie zu überzeugen. Letztlich können wir unseren Mitgliedern aber nicht vorschreiben, bei wem sie sich politisch engagieren. Wir müssen im Dialog bleiben, und wir müssen genau hinhören, was für Ängste die Menschen haben. Ausgrenzung ist für uns keine Lösung.

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