Beihilfe zu Kindesmissbrauch in 16 Fällen "Colonia Dignidad": Sektenarzt könnte in Haft kommen

Krefeld · Die „Colonia Dignidad“ im weit entfernten Chile ist schon lange ein Fall für die Justiz. Jetzt hat ein deutsches Gericht entschieden, dass eine in Chile verhängte Haftstrafe gegen den einstigen Arzt der Sekte vollstreckt werden kann. Denn er lebt nun in Krefeld.

Eine in Chile verhängte Haftstrafe gegen den früheren Arzt der Sekte „Colonia Dignidad“, Hartmut Hopp, kann in Deutschland vollstreckt werden. Das hat die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Krefeld entschieden. „Die Kammer hat die ausländische Sanktion in eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und einem Tag umgewandelt“, erklärte das Gericht am Montag nach mehr als einjähriger Prüfung des Falls.

Hopp war 2011 in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch in 16 Fällen verurteilt worden. Bevor seine Strafe rechtskräftig wurde, floh er nach Deutschland. Der Fall, der in der berüchtigten Siedlung rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile spielt, ist damit nicht zu Ende. Der Anwalt des 73-jährigen Arztes will sofortige Beschwerde einlegen.

Der promovierte Arzt Hartmut Hopp soll die rechte Hand des Gründers der „Colonia Dignidad“ Paul Schäfer gewesen sein. Die Sekte war Anfang der 1960er Jahre aus Siegburg bei Bonn ausgewandert - schon damals wurde gegen Schäfer ermittelt. In der landwirtschaftlichen Siedlung wurden während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet politische Häftlinge gefoltert und ermordet. Schäfer wurde 2006 wegen Kindesmissbrauchs in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt und starb dort 2010 im Gefängnis.

In Krefeld schlug Hopp 2011 erhebliche Ablehnung entgegen, als seine Vorgeschichte bekannt wurde. Als Anwohner erfuhren, wer der neue Nachbar in der Drei-Zimmer-Wohnung sei, kündigten sie Unterschriftenaktionen und Proteste an. Der Vermieter, die Wohnstätte Krefeld, einigten sich nach einigem Hin und Her mit dem Ehepaar Hopp auf eine Aufhebung des Mietverhältnisses. Seitdem war es ruhiger geworden um den Mediziner.

Als Deutscher darf Hopp nicht an Chile ausgeliefert werden. Daher hat der Oberste Gerichtshof Chiles die Vollstreckung der Strafe in Deutschland beantragt. Dass dies möglich ist, hat das Landgericht in Krefeld mit seinem Beschluss vom Montag bestätigt. Die Richter arbeiteten sich durch über tausend Seiten an Gerichtsakten aus Chile und kamen zum Schluss, dass Hopp ein ordentliches Verfahren hatte.

Der heute 73-Jährige hat die Tatvorwürfe zurückgewiesen. Sie entbehrten jeder Grundlage. „Ich sehe jetzt schon hinreichend Gründe für eine sofortige Beschwerde“, sagt sein Anwalt, der Strafverteidiger Helfried Roubicek am Montag.

Aber in Krefeld läuft bei der Staatsanwaltschaft noch ein Verfahren gegen Hopp unter anderem wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch. Frühere Bewohner der Kolonie wurden schon gehört. „Wir können nicht vollumfänglich die „Colonia Dignidad“ aufklären“, sagte der Sprecher der Staatanwaltschaft Axel Stahl einschränkend. „Es geht nur um Hartmut Hopp.“

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