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Populismusbarometer 2020: Der Populismus in Deutschland nimmt ab

Populismusbarometer 2020 : Der Populismus in Deutschland nimmt ab

Immer weniger Menschen in Deutschland sind populistisch eingestellt – trotz der jüngsten Corona-Demonstrationen. Dies geht aus den Ergebnissen des Populismusbarometers 2020 hervor. Warum Forscher trotzdem vor einer Radikalisierung am rechten Rand warnen.

Trotz der jüngsten Corona-Demonstrationen sind immer weniger Menschen in Deutschland einer Studie zufolge populistisch eingestellt. Das ist das Ergebnis des Populismusbarometers 2020 der Bertelsmann-Stiftung und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Doch die Autoren der Studie warnen auch, dass gleichzeitig die Gefahren einer weiteren Radikalisierung am rechten Rand steigen.

■ Was sind die Ergebnisse der Studie?

Während im November 2018 noch jeder dritte Wahlberechtigte populistisch eingestellt war (32,8 Prozent), ist es aktuell nur noch jeder fünfte (20,9 Prozent). Gleichzeitig hat der Anteil unpopulistischer Wähler stark zugenommen: von 31,4 Prozent Ende 2018 auf 47,1 Prozent heute. „Das verstärkt die Eindeutigkeit des Trends“, schreiben die Forscher, denn die Zunahme des Anteils unpopulistischer Wähler sei noch einmal deutlich stärker ausgefallen als die Abnahme des Anteils populistischer Wähler. Die Autoren sprechen von einer „Trendwende im Meinungsklima“.

■ Was sind die Ursachen dafür?

Der Rückgang populistischer Einstellungen hat laut der Forscher bereits 2019 eingesetzt. Dies sei zum einen auf eine „restriktive Migrationspolitik“ der großen Koalition zurückzuführen, aber es seien auch sozioökonomische Fragen mehr in den Vordergrund gerückt. „Das gestiegene Vertrauen in die Regierungsarbeit im Verlauf der Corona-Krise hat diese Trendumkehr stabilisiert und leicht verstärkt, aber nicht ausgelöst“, sagt Mitautor Robert Vehrkamp, Demokratieexperte der Bertelsmann-Stifung. Die Ursache des Wandels sei in der politischen Mitte zu finden. „Insbesondere die politische Mitte erweist sich in der Auseinandersetzung mit der populistischen Versuchung als lernfähig und robust und damit als wichtigste Stütze des Meinungsumschwungs“, sagt Vehrkamp.

■ Was bedeutet das für das Parteiensystem?

Da der Populismus unter den Wählern der politischen Mitte stark zurückgegangen sei, sei ein weiteres Abgleiten der Unionsparteien und der FDP ins populistische Wählersegment vorerst gestoppt worden, so die Autoren. „Die Versuchung der beiden bürgerlichen Parteien, dem Populismus der AfD zu folgen, ihn nachzuahmen oder sich zumindest rhetorisch ihm anzupassen, verliert damit seinen elektoralen Reiz“, sagt Studienmitautor Wolfgang Merkel, Demokratieforscher am WZB. Ähnliches gelte für die SPD. Die Grünen zeigten sich erneut als die am wenigsten populismusanfällige Partei.

■ Und die AfD?

Die bleibe ein extremer Ausreißer in der Parteienlandschaft. „Aus der rechtspopulistischen Mobilisierungsbewegung wird eine zunehmend von rechtsextremen Einstellungen dominierte Wählerpartei“, sagt Merkel. Fast drei Viertel ihrer Wähler seien entweder klar populistisch (38 Prozent) oder zumindest teilweise populistisch eingestellt (35 Prozent). Zugleich sei mit 56 Prozent eine deutliche Mehrheit entweder latent rechtsextrem (27 Prozent) oder manifest rechtsextrem (29 Prozent) eingestellt. Der Anteil der Wähler, der weder populistisch noch rechtsextrem sei, liege bei der AfD bei lediglich 13 Prozent.

■ Wie bewerten Experten die Studie?

„Die Ergebnisse der Studie sind eine gute Nachricht. Es ist erfreulich, dass die Verführbarkeit durch Populismus deutlich abgenommen hat“, sagt der Bonner Politikprofessor Tilman Mayer vor allem mit Blick auf die politische Mitte. Es sei zwar nicht gesagt, dass sich diese Entwicklung auch bis zur nächsten Bundestagswahl fortsetze. „Aber die Bevölkerung in Deutschland em­pfindet die Corona-Schutzmaßnahmen als gut.“ Solange die Zufriedenheit mit dem Regierungshandeln anhalte, erwartet er auch keine Änderungen des Trends. Der Populismus lebe von einer suggerierten Simplifizierung von Politik. Die Studie zeige, dass die Gefahr dafür abgenommen habe.

Das Studienergebnis erklärt Mayer mit der Radikalisierung der AfD: „Das schreckt doch sehr ab“. Die Flügeldiskussion führe zu Irritationen und auch zu Veränderungen in der AfD. Deswegen wendeten sich viele von der Partei ab.

Die Bilder eines rechten Mobs auf den Stufen des Reichstagsgebäudes vor ein paar Tagen stehen für Mayer nicht im Widerspruch zu der Studie. „Trotz der medialen Aufmerksamkeit ist das eine absolute Minderheit, die Normalität sieht anders aus und zeigt sich in dieser Befragung.“ Die Unzufriedenheit mit dem politischen System sei nicht so groß wie es der Eindruck vermittle, den man durch solche Demonstrationen haben könnte.