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Interview mit Volker Kronenberg: "Frau Merkel hat gezogen"

Interview mit Volker Kronenberg : "Frau Merkel hat gezogen"

Als Erfolg für die große Koalition betrachtet der Politikwissenschaftler Volker Kronenberg den Ausgang der Europawahl. Mit ihm sprach Bernd Eyermann.

Gibt es bei dem Ergebnis einen gemeinsamen Nenner?
Volker Kronenberg: Von Deutschland geht ein Signal der Stabilität aus. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich, Griechenland oder Österreich ist die amtierende Regierung hier nicht abgestraft worden. Es gibt keine Infragestellung der Euro-Rettungspolitik. Die große Koalition ist von den Wählern indirekt bestätigt worden. Frau Merkel kann darauf verweisen, dass sie gezogen hat.

Haben Sie der AfD mehr zugetraut?
Kronenberg: Ich nicht, aber viele haben doch gedacht, dass sie gerade bei der Europawahl stärker abschneidet, weil es dabei um ihre Themen ging.

Dann dürfte die Kanzlerin sicher nicht unzufrieden sein über das schlechte Abschneiden der CSU.
Kronenberg: Ja und nein. Das schlechte Abschneiden in Bayern war das Abstrafen eines Irrlichterns. Man kann nicht einerseits in der Koalition allen wichtigen Beschlüssen in der Eurokrise zustimmen und dann im Wahlkampf innerkoalitionäre Opposition betreiben. Aber ein geschwächter Horst Seehofer ist ein natürlich ein Risiko für die Kanzlerin und den Koalitionsfrieden. Mit dem Plus der SPD hingegen kann Angela Merkel zufrieden sein.

Warum?
Kronenberg: Wenn sich die SPD nicht verbessert hätte, hätte Sigmar Gabriel große innerparteiliche Probleme bekommen mit dem konstruktiven Kurs in der großen Koalition. Die SPD hat sich stabilisiert. Das hält sie berechenbar.

Hat Martin Schulz denn nun die besten Chancen, Präsident der EU-Kommission zu werden?
Kronenberg: Ich fand es auffallend, dass Schulz aber auch Parteichef Sigmar Gabriel gerade bei der Frage sehr zurückhaltend reagiert haben. Hier ist alles offen, denn die Mehrheitsverhältnisse im Europäischen Parlament sind noch recht unklar. Es sind außerdem noch viele hochrangige Posten auf EU-Ebene zu besetzen, und hier wird sich die Koalition friedlich einigen.

Ist der Lindner-Effekt bei der FDP schon verpufft?
Kronenberg: Nein. Für die neue FDP-Führung kam die Wahl zu früh. Natürlich sind drei Prozent ein verheerendes Ergebnis, aber man darf nicht vergessen, die FDP war auch in den 90er Jahren schon in einer tiefen, tiefen Krise.

Wie beurteilen Sie den Erfolg der CDU in Nordrhein-Westfalen?
Kronenberg: Dass die CDU jubelt, ist verständlich, aber die Kommunalwahlen auf die Landesebene hochzurechnen, da muss man vorsichtig sein.

Also ist auch der zweite Platz für die SPD kein Alarmzeichen für Hannelore Kraft?
Kronenberg: Natürlich nicht. Der Persönlichkeitsfaktor, der auf der kommunalen Ebene zieht, wird dann auch wieder auf der Landesebene ziehen. Da hat sie, Stand heute, die Nase vorn.

Zur Person

Der 43-jährige Professor Volker Kronenberg ist Studiendekan der Philosophischen Fakultät der Uni Bonn und Akademischer Direktor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie. Er hat sich zum Beispiel mit einer Jürgen-Rüttgers-Biografie einen Namen gemacht. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Hennef.