Erste Frau in einer Führungsposition "Frauen, traut Euch raus!"

KÖLN · Für die einen ist es eine Revolution, die in der Kölner Kirche ausgebrochen ist, für andere nur eine logische Entwicklung. Am Montag übernimmt erstmals eine Frau die Leitung einer Hauptabteilung des Erzbistums.

 Sie wolle den Einfluss der Laien in der Kirche stärken, sagt Petra Dierkes.

Sie wolle den Einfluss der Laien in der Kirche stärken, sagt Petra Dierkes.

Foto: Thilo Schmülgen

Petra Dierkes, Diplom-Theologin, 51 Jahre, verheiratet, drei erwachsene Kinder, wohnhaft in Bonn-Beuel, übernimmt die wichtige Hauptabteilung Seelsorge und wird Chefin über 310 hauptamtliche Mitarbeiter im Erzbistum. Bisher leitete sie den Teilbereich Erwachsenenseelsorge. Nun ist sie auch zuständig zum Beispiel für die Jugendseelsorger, für Notfall- und Gefängnisseelsorger oder die Mitarbeiter in den Familienbildungsstätten.

Der Quantensprung sei in ihren Augen allerdings nicht, dass ein Kölner Erzbischof zum ersten Mal eine Frau berufen habe, sondern dass ein Laie an die Spitze des Amtes rücke, sagt Dierkes im GA-Gespräch. Schließlich hatten bislang nur Priester diese Position inne - darunter in den letzten Jahren der künftige Berliner Bischof Heiner Koch, Kölns Stadtdechant Robert Kleine und zuletzt Monsignore Markus Bosbach, der nun für die Seelsorgebereiche zuständig ist.

Gleichwohl sieht Dierkes ihre Berufung durch Rainer Maria Kardinal Woelki als Zeichen nach innen an die Kollegen in der Bistumsverwaltung und nach draußen in die Pfarreien. Die Botschaft: "Frauen, traut euch raus, übernehmt Verantwortung, gestaltet Kirche mit, seid mutig, vernetzt euch, arbeitet mit den unterschiedlichen Berufungen in der Kirche!"

So überraschend wie Woelkis Personalentscheidung auf den ersten Blick erscheint, so ist sie nur die Fortsetzung seiner Politik aus Berlin. Denn als er dort Erzbischof war, machte er mit der Bonnerin Uta Raabe schon eine Frau zur Leiterin des Seelsorgsamtes. Dass Woelki mit der Münchner Theologin Bernadette Schwarz-Boenneke nun eine zweite Führungsposition - die Leitung der Abteilung Schule/Hochschule - mit einer Frau besetzen will, findet Dierkes "ganz toll". Sie sehe darin ein weiteres Zeichen des Aufbruchs in der Kölner Kirche.

Und was hat sie sich vorgenommen? Ganz im Sinne Woelkis will sie den Einfluss der Laien stärken, was natürlich auch damit zu tun hat, dass die Anzahl der Priester weiter zurückgeht und "die, die da sind, oft an ihre Grenzen stoßen", wie sie sagt.

Ein Projekt, das ihr besonders am Herzen liegt, ist die Beerdigungserlaubnis für Laien. "Wenn eine Frau Müller zum Beispiel seit fünf Jahren ehrenamtlich im Hospizverein tätig ist, dort schon mit dem Thema Tod in Berührung gekommen ist und sich vorstellen kann, Trauergespräche zu führen, Beerdigungen zu leiten und danach mit den Angehörigen in Kontakt zu bleiben, dann wäre das doch prima." Dierkes spricht von "Charismen", die es zu entdecken, auszubilden und zu fördern gelte - und von "Knotenpunkten", um die herum sich das katholische Gemeindeleben künftig entwickeln werde, quasi wie ein Netzwerk.

Andere Begriffe - doch was steckt dahinter? "Die Volkskirche von früher ist passé", sagt Dierkes. Die Folge: Es könne nicht mehr an jedem Kirchturm jedes Angebot vorgehalten werden. Das bedeute aber nicht, dass es noch größere Seelsorgebereiche geben müsse. "Mein Wunsch ist, dass die Kirche im Dorf bleibt." Da deckt sich ihr Wunsch mit dem Woelkis, den Sonntagsgottesdienst als ganz wichtigen Knotenpunkt für das Netz zu erhalten.

Andere Knotenpunkte in der Gemeinde seien das Familienzentrum, die Grundschule, der Kindergarten oder auch der Familienkreis, der sich trifft, um in der Bibel zu lesen oder Gottesdienste vorzubereiten. Das sei im Übrigen auch nichts Neues, meint Dierkes. Vor 20 Jahren, als ihre Kinder noch klein gewesen seien, hätten sie und ihr Mann gemeinsam mit anderen jungen Eltern in der Beueler Pfarrei St. Josef die "gelbe Kirche" - nach der Fassadenfarbe des Pfarrheims - gegründet. "Wir haben lebendiges Erzählen mit einer kindgerechten Sprache verbunden. Da kamen sogar die Erwachsenen gern."

Sind Knotenpunkte und Netzwerke ein Rezept dagegen, dass sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden? "Wir werden von diesen Menschen gut beobachtet. Wenn sie merken, dass ein neuer Wind in der Kirche weht, lässt sich vielleicht der eine oder andere begeistern und kommt sogar nochmal zurück." Für den frischen Wind will Dierkes an ihrer neuen Stelle jedenfalls mit sorgen.