Olaf vor, noch ein Tor Kann Bundeskanzler Scholz die Fußball-EM für sein Image nutzen?

Berlin · Wie man den Fußball für sich nutzt, hat Ex-Kanzlerin Angela Merkel vorgemacht. Ob ihrem Nachfolger Olaf Scholz bei der Heim-EM dasselbe gelingt?

Im März  ließ sich Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem EM-Ball ablichten – gemeinsam mit seinen Kabinettmitgliedern.

Im März ließ sich Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem EM-Ball ablichten – gemeinsam mit seinen Kabinettmitgliedern.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Angela Merkel riss bei jedem Tor die Arme in die Höhe, flitzte über die Ehrentribüne, herzte ihre Sitznachbarn. Man sah die CDU-Kanzlerin, wie sie in der Kabine die Wangen der schwitzenden Spieler streichelte; Merkel empfing im Kanzleramt den Bundestrainer zum Cordon bleu mit Bratkartoffeln und rief Jogi Löw oder einen Nationalspieler auch mal an.

Ob Olaf Scholz die Handynummer von Julian Nagelsmann hat, weiß man nicht. Auch ist nicht überliefert, ob der aktuelle Kanzler eine große Leidenschaft für den Fußball hegt, auch wenn er sich neulich mit dem EM-Ball in der Hand und umgeben vom Kabinett fotografieren ließ. Man sieht ihn freilich häufiger beim Handball in Potsdam. Scholz dürfte aber wissen: Ein großes Turnier – und das auch noch im eigenen Land – kann ihm eigentlich nur nutzen, solange er es richtig anstellt und die Nationalmannschaft ordentlich kickt. Wird der eher spröde SPD-Mann also die Heim-EM im Juni zu seiner machen? Nötig hätte er es, seine Ampel-Regierung angesichts der Umfragen genauso.

Am Montag erst hatte sich Scholz nach viel hin und her als @TeamBundeskanzler bei Tiktok angemeldet; die wegen Sicherheitsbedenken umstrittene chinesische Social-Media-Plattform ist bei Jugendlichen extrem beliebt. Ein feierliches Versprechen gab er dazu ab: „Ich tanze nicht. Versprochen.“

WM 2006 wurde zum Merkel-Turnier

Scholz‘ Amtsvorgängerin hatte ihre Leidenschaft für die Fußball-Nationalmannschaft viele Pluspunkte eingebracht. Die WM 2006, auf die eigentlich ihr Vorgänger Gerhard Schröder (Spitzname auf dem Platz: „Acker“) gebaut hatte, wurde zum Merkel-Turnier. Und als dann das Team 2014 in Brasilien den WM-Titel holte, war es irgendwie auch ihr Sieg. Je besser die Mannschaft spielte, desto positiver die Stimmung im Land – und damit auch gegenüber der eigenen Regierung.

Der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal kennt dieses Phänomen. „Begeistertes Gruppenklima steckt an. Und wenn Menschen in guter Stimmung sind, prüfen sie Sachlagen weniger genau und beurteilen alles weniger kritisch“, erläutert der Experte. Für die Ampel wäre das wohl von Vorteil. Fußball bedeute dann auch viel mehr, sagt Kliche. „Wir dürfen ein Wir sein und müssen uns nicht irgendwie dabei rechtfertigen. Und ein Wir-Gefühl kann natürlich die Unterstützung für die Regierung erhöhen, denn die gehört auch dazu.“ Dass es für Scholz zu einer Positionierung als Fußballkanzler reichen wird, glaubt Kliche freilich nicht: „Für die Bindung und Gestaltung von positiven Gefühlsklimata ist Scholz zu zaghaft, zu farblos, zu unentschlossen.“

Präsenz und Emotionen zeigen

Auch andere haben so ihre Zweifel, dass der Genosse bei der Heim-EM sozusagen das Runde ins Eckige bekommt. Dabei brauche der Kanzler dringend etwas, was die trübe Stimmung im Land aufhelle, so der Kommunikationsexperte Klaus Harbers von der Berliner Agentur „No Drama“. Der Wahlkampf von Scholz „beginnt deshalb mit der EM. Also heißt es für die Ampel: Beten, beten, beten, dass die Nagelsmänner weiter gut spielen und mindestens ins Viertelfinale kommen.“ Harbers rät dem Kanzler: „Präsenz im Stadion, Emotionen zeigen, Kabinenbesuche wie Kohl und Merkel, Auftritte mit Spielern, Nagelsmann und Völler.“ Wenn Scholz Fußballkanzler werden wolle, „muss er sich reinhängen und von Anfang an, auch bei schlechten Spielen, die Nähe zur Nationalmannschaft suchen“. Er dürfe nicht erst auftauchen, analysiert Harbers weiter, wenn es gut laufe und die deutsche Mannschaft auf einer Woge der Begeisterung ins Finale segle. „Alles oder nichts, all in, gemeinsam zum Titel oder mitgefangen, mitgehangen – das muss die Devise im Kanzleramt sein.“

Womöglich hat man dort die Signale aber noch nicht gehört, vermutet Karsten Göbel, Experte für politische Kommunikation. Zwar werde das Spektakel mit der EM-Eröffnung am 14. Juni „die Eigentore von der Agenda nehmen, die sich die Ampel-Parteien bei der Europawahl eine Woche vor Turnierbeginn einfangen werden“. Wer sich aber daran erinnere, was Rot-Grün unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer ab 2004 alles mit dem FC Deutschland 06 auf die Schiene gesetzt habe, „um beim Sommermärchen maximal zu profitieren, kann sich nur wundern, dass das Bundespresseamt aktuell so gar nicht auf dem Platz ist“.

Vielleicht sei das Misstrauen in die sportliche Performance der Nationalelf dort so groß, ergänzt der Geschäftsführer der Kampagnenagentur „Super an der Spree“, „dass ein möglicher Umschwung wie jetzt unter Nagelsmann schlicht nicht antizipiert wurde“. Es fehlten plakative und eingängige Slogans. Anscheinend würden die Strategen im Kanzleramt nicht die Faustregel kennen: „Immer, wenn die DFB-Elf große Turnier-Triumphe feierte, gewann der gerade amtierende Kanzler beziehungsweise die amtierende Kanzlerin die nächste Wahl“, so Göbel. Angela Merkel wusste das offensichtlich.

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