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Laut Umfragen zweitstärkste Kraft im Bund: Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock auf Sommerreise

Laut Umfragen zweitstärkste Kraft im Bund : Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock auf Sommerreise

Die Grünen haben seit Langem gute Umfragewerte. Nur wie wird daraus eine Regierungsbeteiligung im Bund? Mit der Partei-Vorsitzenden Annalena Baerbock auf Sommerreise.

Der Tag ist gerade angelaufen. Da kommt auch schon diese Frage. Annalena Baer­bock schweigt und genießt. Sie muss in diesem Fall ja nicht antworten, obwohl sie mittendrin ist in diesem Spiel um die Macht. Wer stellt die nächste Bundesregierung? Bernd Montag, Adressat der Frage, beschäftigt sich normalerweise mit den Feinheiten der Magnet­resonanztomografie. Sein Kollege Arthur Kaindl erklärt die „Lorentzkraft“, jene Kraft, die eine Ladung in einem magnetischen oder elektrischen Feld erfährt. Zieht Macht gar magnetisch an? Baerbock sagt vorbeugend zu möglichen Fragen im Fach Physik: „Testen Sie mich bitte nicht!“ Aber dann muss Montag, Chef von „Siemens Healthineers“, der Medizintechniksparte des Konzerns, doch diese Frage zu einer anderen Kraft beantworten.

Zur Kraft der Grünen mit Blick auf eine mögliche Regierungsbeteiligung im Bund. Ob er sich die Grünen in einer nächsten Bundesregierung denn vorstellen könne? Eine „spannende Frage“ sei das, sagt der Siemens-Manager. Dann sagt Montag: „Natürlich kann ich das.“ Kurze Pause. „Weil ich auf die Umfragen schaue.“ Eine politische Aussage vermeidet der Siemens-Mann. Er vertraut lieber Zahlen. Nach dem jüngsten Deutschlandtrend sind die Grünen mit 18 Prozent weiter zweitstärkste Kraft im Bund.

Baerbock ist an diesem August-Tag auf einer weiteren Etappe ihrer politischen Sommerreise unterwegs durch die Republik. Seit Anfang Juli touren die Grünen-Chefin und der Co-Vorsitzende Robert Habeck durch das Land. Eine Doppelspitze hat auch Vorteile. Man kommt einfach schneller durch die Regionen und zu den Leuten. Besonders treibt die beiden Grünen-Chefs die Frage um, welche Lehren aus der Corona-Krise zu ziehen sind.

„Wir hoffen, dass wir gestärkt aus der Krise herausgehen“

Eine zentrale Rolle dabei spielt der Gesundheitssektor in Deutschland. Baerbock ist an diesem Morgen bei den Gesundheitspionieren von Siemens in Erlangen, wo auch Vorstandschef Montag hofft, „dass wir gestärkt aus der Krise herausgehen“. Ein Blick von Baerbock für die Kameras durch die Kernspin-Röhre. Sie könnte auch gleich die Regierungschancen der Grünen durchleuchten lassen. Baerbock betont bei Siemens wie später im Klinikum St. Marien im oberpfälzischen Amberg, Corona habe einer ganzen Nation vor Augen geführt, dass „auch ein großes Industrieland wie Deutschland verwundbar“ sei.

Krankenhäuser müssten künftig nachhaltiger finanziert werden und man dürfe sich weniger abhängig machen von internationalen Lieferketten. Bei der Freiwilligen Feuerwehr in Amberg betont die Grünen-Vorsitzende das Prinzip der Vorsorge. Besser, ein Land agiere „vorausschauend“. Baerbock: „Wir leisten uns eine Feuerwehr und hoffen, dass es nicht brennt.“ Die Männer vom Löschzug nicken. Baerbock, grün wie die Feuerwehr. Richtig so. Erst recht käme niemand auf die Idee, eine Feuerwehr ins Ausland zu verlagern, wie es eine Station weiter auf der Reise im Klinikum St. Marien Klinikchef Manfred Wendl beklagt, wenn etwa 80 Prozent der medizinischen Handschuhe in Malaysia produziert würden.

Chancen der Grünen schützen

Wohl auch mit Blick auf die Pandemie haben die Grünen-Chefs ihre Sommerreise unter das Motto „… zu achten und zu schützen…“ gestellt, eine Anspielung auf Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Zum einen ist dies auch ein Auftrag aus der Corona-Krise, in der Menschen in Krankenhäusern sterben mussten, ohne dass ihre nächsten Verwandten und liebsten Menschen in den letzten Stunden an ihrem Sterbebett sitzen durften. Die Ärzte und Pfleger im Klinikum St. Marien in Amberg hatten davon einige Fälle, die sie vor schwerste Gewissensentscheidungen gestellt haben.

Aber zumindest schützen wollen Baerbock und Habeck bei ihrer Sommerreise durch die Republik auch die Chancen der Grünen für die nächste Bundestagswahl. Und sich dabei als Co-Vorsitzende gegenseitig immer achten. Denn: Baerbock und Habeck stehen in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zueinander, auch wenn die beiden Parteichefs mit großer Disziplin darauf achten, sich davon nichts anmerken zu lassen. Denn noch haben die Grünen die Frage einer Kanzlerkandidatur nicht entschieden. Baer­bock und Habeck schweigen sich seit Monaten mit einer erstaunlichen Standhaftigkeit darüber aus. Oberste Disziplin: Geschlossenheit. Es gilt die alte Regel: Wer sich zuerst bewegt, der verliert die Deckung. Baerbock besteigt in Amberg mit Stadtbrandrat Bernhard Strobl da lieber den Korb einer Feuerleiter und lässt mit dem Teleskoparm 30 Meter in die Höhe fahren. Das produziert schöne Bilder. Die Grünen-Chefin ganz oben.