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Salafisten in NRW: Hotspot der Hassprediger

Salafisten in NRW : Hotspot der Hassprediger

Der mutmaßliche Attentäter von Berlin, Anis Amri, unterhielt offenbar engste Kontakte zu Salafisten in NRW. Die Islamistenszene an Rhein und Ruhr ist binnen weniger Jahre stark angewachsen auf inzwischen 2850 Aktive.

Der mutmaßliche Attentäter von Berlin lebte zeitweise in Nordrhein-Westfalen und unterhielt offenbar engste Kontakte zur Salafisten-Szene an Rhein und Ruhr. In keinem anderen Bundesland gibt es ein so weit verzweigtes Netzwerk an gefährlichen Islamisten wie hier. Die wichtigsten Fragen zum Hotspot der Hassprediger.

Wer zählt zu den führenden Köpfen der Salafisten?

Etwa 25 salafistische Prediger werden vom NRW-Verfassungsschutz als „extremistisch“ eingestuft. Sie verachten die Demokratie und westliche Werte, fordern die strenge Trennung von Männern und Frauen, verherrlichen die Scharia und den Kampf gegen „Ungläubige“.
Zu den bekanntesten Hasspredigern in NRW gehört der Konvertit Pierre Vogel (38) aus Frechen. Auf öffentliche Auftritte verzichtete er zuletzt häufig, im Internet und in sozialen Medien ist er nach wie vor sehr präsent.

Dem Prediger Sven Lau (36), Konvertit aus Mönchengladbach, wird gerade in Düsseldorf der Prozess gemacht, weil er eine islamistische Terrororganisation unterstützt und Kämpfer angeworben haben soll. Lau leitete den inzwischen aufgelösten Verein „Einladung zum Paradies“ in Mönchengladbach. Er gilt auch als Erfinder der so genannten „Scharia-Polizei“, die 2014 in Wuppertal patrouillierte.
Ibrahim Abou Nagie (52) aus Köln ist eine der einflussreichsten und radikalsten Figuren in der Salafisten-Szene. Er leitete das seit November verbotene Netzwerk „Die wahre Religion“, das die umstrittene Koran-Verteilaktion „Lies!“ organisierte.

Welche Organisationen verbreiten den radikalen Salafismus?

Von dem erwähnten Netzwerk „Die wahre Religion“, das zuletzt in jedem Jahr Hunderte Koran-Verteilaktionen in NRW organisierte, hat sich die Organsation „Das Siegel des Propheten“ mit Sitz in Düsseldorf abgespalten. Auch sie überreicht Passanten religiöse Schriften und missioniert auf der Straße. Kurz nach dem "Lies!"-Verbot verteilten Mitglieder einer Gruppe, die sich "We love Muhammad" nennt, Mohammed-Biografien in NRW-Städten. Der Prediger Pierre Vogel unterstützte sie dabei.

Im Fokus der Sicherheitsbehörden steht der Verein „Ansaar international“ mit Sitz in Düsseldorf. Die 2012 gegründete Hilfsorganisation wirbt Spenden für „humanitäre Projekte“ ein, zum Beispiel in Syrien, Somalia, Afghanistan und in palästinensischen Gebieten. Der Verfassungsschutz stuft sie allerdings nicht als wohltätig ein, sondern als „extremistisch-salafistisch“. Ziel von „Ansaar“ sei nicht Hilfeleistung. Der Verein, geleitet vom Konvertiten Abdurahman (früher: Joel) Kaiser, wolle vor allem Sympathisanten anwerben – ähnlich wie die Koranverteiler von „Lies“.

Nach Informationen dieser Zeitung wird ein Verbot intensiv geprüft. „Ansaar“ klagt offenbar vor dem Finanzgericht Düsseldorf gegen die Aberkennung der Gemeinnützigkeit durch die Finanzbehörden. „Ansaar“ hatte zuletzt Info-Stände in Dortmund aufgestellt. Zwei weitere vermeintlich „humanitäre“ Organisationen werden vom Verfassungsschutz beobachtet: „Helfen in Not“ aus Neuss sowie „Medizin mit Herz“ aus Hennef. Beide sind „fester Bestandteil der salafistischen Szene“ in NRW.

Welchen Hintergrund haben die Salafisten?

Nur etwa jeder zehnte Salafist in NRW ist ein Konvertit, obwohl diese oft in führenden Rollen auffallen. Laut Verfassungsschutz haben 90 Prozent der Salafisten in NRW einen Migrationshintergrund. Sie gehören in der Regel der zweiten, dritten oder vierten Generation von Zuwanderern an. Drei von vier besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, die Hauptsprache in diesen Kreisen in Deutsch. Die Zahl der Moscheen in NRW, in denen ein extremer Salafismus gepredigt wird, stieg in den vergangenen sechs Jahren von 30 auf 55. Insgesamt gibt es aber 850 Moscheen im Land.


Wo sind die salafistischen Hochburgen in NRW?

Das Innenministerium sieht die Hotspots des Salafismus in der Rhein-Ruhr-Region und im Bergischen Raum. Eine besonders aktive Szene gibt es in Dortmund und Duisburg, die immer wieder Großrazzien der Sicherheitsbehörden provozierte. Die problematischen Sozialstrukturen in Teilen des Ruhrgebietes und anderen Ballungsräumen sind ein gefährlicher Nährboden für Hassprediger. Sogenannte Gefährder machen auch immer wieder in Düsseldorf, Wuppertal oder Bonn von sich reden.

Welche Kontakte hatte Anis Amri nach NRW?


Wie die Stadt Oberhausen am Donnerstag bestätigte, lebte Anis Amri seit November 2015 unter falschem Namen in einer Asylbewerberunterkunft in Oberhausen und bezog hier auch staatliche Leistungen. Unter seinem richtigen Namen war der 24-jährige Tunesier im Kreis Kleve gemeldet und wohnte zeitweise in einem Heim für alleinreisende Männer in Emmerich. Der Terrorverdächtige ist auch später, als er seinen Hauptwohnsitz bereits in Berlin hatte, immer wieder nach NRW zurückgekehrt. Er soll Kontakte zu dem Deutsch-Serben Boban S. aus Dortmund unterhalten und in dessen Wohnung gelebt haben. Boban S. gilt als Teil eines Schleuser-Netzwerks für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Er soll junge Muslime für den Dschihad angeworben haben und wurde im November 2016 verhaftet. Seine Wohnung im Dortmunder Norden war bereits im August von der Polizei durchsucht worden. Anis Amri soll auch Verbindungen ins niederrheinische Tönisvorst gepflegt haben, wo der irakische Hassprediger Abu Walaa lebte. Der 32-Jährige gilt als wichtigster Kopf des IS in Deutschland. Bislang unbestätigten Berichten zufolge hat Anis Amri über einen V-Mann des Landeskriminalamtes NRW versucht, sich Waffen zu besorgen.