Jungwähler bei der Europawahl Die AfD-Zustimmung als Hilferuf

Meinung · Bei den 16- bis 24-jährigen Wählerinnen und Wählern konnte die AfD mit Abstand am meisten zugewinnen, während die Grünen bei jungen Menschen dramatisch verlieren. Wo die anderen Parteien, aber auch das Umfeld versagt haben. Und warum die Jugend nicht als verloren gelten darf.

Die Jugend ist politisiert – und wählt sicher auch, um Zeichen zu setzen.

Die Jugend ist politisiert – und wählt sicher auch, um Zeichen zu setzen.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Von einer verkorksten Jugend ist am Tag nach der Europawahl die Rede, von einer verlorenen Generation gar, von jungen Leuten ohne Ahnung. Wer das so sieht, hat ihnen die vergangenen Jahre wohl wenig zugehört oder sich mit ihnen beschäftigt. Und wie die Wahlergebnisse zeigen, gilt das vor allem für alle anderen Volksparteien – zu denen vor allem die Erstwähler die AfD zweifelsohne inzwischen zählen. Schließlich kennen die 16- bis 18-Jährigen das deutsche Parteiensystem gar nicht ohne die AfD, die in diesem Jahr ihren elften Geburtstag feierte.

Feiern kann die in Teilen rechtsextreme Partei ihre Wahlergebnisse nicht nur im Osten der Republik. Auch in Nordrhein-Westfalen konnte sie um ein Drittel zulegen und erzielte mit 12,6 Prozent 4,1 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Europawahl. Eine Million Menschen im bevölkerungsreichsten Bundesland haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht: Stark ist sie in weiten Teilen des Ruhrgebiets, aber auch in den äußeren Kreisen wie Düren, Euskirchen oder etwa Siegen. Einen Anteil daran haben auch junge Menschen. Bei den Wählerinnen und Wählern unter 25 Jahren konnte die AfD bundesweit einen satten Zuwachs von zwölf Prozentpunkten einfahren – hat sich mit dem Ergebnis von 17 Prozent bei den jungen Leuten also mehr als verdreifacht.

Bei der Frage, woran es liegt, dass sich die durchaus politisierte Jugend von der eher linken Mitte (Grüne und SPD) massiv abwendet hin zur AfD, müssen die Parteien sich zu allererst selbst fragen lassen. Die AfD ist seit Jahren mit weitem Abstand am aktivsten in sämtlichen sozialen Netzwerken – und damit auch am erfolgreichsten. Oft bringt schlicht Interaktion schon Riesenreichweiten. Das gilt insbesondere für Tiktok, wo sich die Jugendlichen nun einmal den Großteil ihrer Zeit aufhalten. Und wo der Spitzenkandidat der AfD, der skandalgebeutelte Maximilian Krah, als so erfolgreich gilt, dass selbst seine Kritiker ihm dafür Tribut zollen. Und diese Strategie scheint aufzugehen.

Andere Volksparteien sind für junge Menschen nicht, oder jedenfalls zu wenig, präsent. Die Generation Z fühlt sich nicht gesehen und mag noch sehr gut im Gedächtnis haben, wie sie zu Corona-Zeiten politisch ins Hintertreffen geraten ist. Die Abstimmung kann ein Denkzettel, ein Hilferuf und in dem Sinne auch Rebellion sein. Dass die unter 25-Jährigen allesamt rechts sind, ist schon angesichts der Bildungsstandards und dem Migrationsstandard in Schulklassen eher unwahrscheinlich. Gleichwohl es auch da Konfliktpotenzial und Zugehörigkeitsfragen nach Nationalität gibt. Das kann sich auf dem Schulhof entzünden, aber auch nachts in Bussen oder in Innenstädten, wo junge Leute ihre Erfahrungen machen, die sie für Migrationspolitik der Rechten anfällig werden lassen. Integration darf nicht allein den Heranwachsenden und überforderten Lehrkräften überlassen werden.

Überhaupt ist an vielen Schulen sicher noch Luft nach oben in Sachen politischer Bildung. Während mancherorts Aktionswochen zur Europawahl gestaltet wurden, fehlt es an vielen Schulen schlicht an Kapazitäten. Das soziale Umfeld insgesamt spielt eine Rolle: Freunde, Familie und Freizeitvereine können Demokratie fördern, auch und gerade weil sie kompliziert ist und junge Menschen die langfristigen Folgen ihrer Wahlentscheidung nicht absehen können. Deshalb ist es wichtig, dranzubleiben und sie nicht abzuhaken als „verkorkste Generation“.

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