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NDR-Podcast mit Christian Drosten informiert über Sars-CoV-2

NDR-Podcast zum Coronavirus : Wie es Christian Drosten gelingt, Zehntausende zu informieren

Millionen nutzen die Kontaktsperre und lauschen einem Podcast: Dort beschreibt der Virologe Christian Drosten, was er über Sars-CoV-2 und die Pandemie weiß – aber auch, was er nicht weiß. Was macht den Podcast so beliebt?

Manchmal muss Korinna Hennig dann doch wegen der Verständlichkeit dazwischen sprechen und übersetzen. „Also vermehrt“, sagt Hennig, wenn Christian Drosten zuvor „repliziert“ verwendet hat: Das Virus Sars-CoV-2 vermehrt sich im Rachen. So versteht es jeder.

Der Virologie-Professor steigt jeden Werktag mittags aus dem Elfenbeinturm und sitzt am Telefon, weil eine Journalistin des Norddeutschen Rundfunks (NDR) anruft und Fragen zur weiten, komplexen Coronavirus-Welt stellt. Medikamente, Virustest, Atemschutzmaske, Schulschließungen, Fußballspiel-Verbote, Impfstoffentwicklung, Politik, Antikörpertest, Ausgehsperren. Kaum ein Aspekt bleibt ausgespart, und wer dem 48-jährigen Forscher zuhört, bleibt meist dran, genießt spannende Wissenschaft und freut sich schon auf morgen – auf den nächsten Drosten-Podcast.

Christian Drosten gibt sich ohne jede Schlaumeier-Attitüde

Unaufgeregt und ohne jede Schlaumeier-Attitüde beantwortet Drosten meist um die 30 Minuten lang alle Fragen und biegt manchmal in eine „thematische Seitenstraße“ ein; dann erklärt er etwa, warum Chloroquin, ein Mittel zur Malariatherapie und -prophylaxe, nur eine schwache Hoffnung gegen das Virus bietet, aber das in Japan zugelassene Grippemedikament Favipiravir oder der gegen das Ebolavirus entwickelte Hemmstoff Remdesivir erfolgversprechender sind. Wer das alles hört, kann sofort Donald Trumps jüngste Sätze zum Thema einordnen und als Krisenmanager-Selbstmarketing entlarven. So verkündete der US-Präsident jüngst, dass die Infizierten vielleicht ein Malariamittel retten könnte.

Nun ist das von NDR-Mann Norbert Grundei ausgeheckte Experiment, mit virologischem und epidemiologischem Wissen Hörer zu begeistern, zu „einem gewaltigen Erfolg“ geworden, so der Online-Mediendienst Meedia. „Coronavirus Update“, wie das Format heißt, hat es inzwischen auf mehr als 15 Millionen Abrufe über alle Plattformen hinweg gebracht. Das gesprochene Wort ist so interessant, dass es selbst in Bewegtbild-Programmen als Standbild serviert wird. „Bei Apple Podcasts sind wir seit dem 28. Februar nonstop auf Platz 1.“

Das Hörfunk-Experiment widerlegt auch Thesen über reduzierte Aufmerksamkeitsspannen, wonach der heutige Zeitgenosse Informationen nur noch als Häppchenkost wahrnehmen kann und auch nur dann, wenn sie mit grellen Bildchen garniert wird. Denn wer sich auf diesen Podcast einlässt, muss eine üppige Info-Mahlzeit verdauen. Die Menschen wollen mehr wissen als auf Pressekonferenzen erzählt wird. Wie ist es wirklich?

Coronavirus ist Thema Nummer eins in der Gesellschaft

Das weiß jedoch auch der Virus-Erklärer nicht. Drosten sagt, was er weiß und spricht ohne Umschweife aus, was er nicht weiß, weil jeder Virustyp auf seine Weise unberechenbar bleibt. 25 bis 35 Podcast-Minuten täglich sind für einen Wissenschaftler, der gerade selbst an der Forschungsfront steht, kostbare Zeit. Politikberatung, Bundespressekonferenz, Labortätigkeit, TV-Talkrunden, Lehrstuhlinhaber, die Sichtung internationaler Sars-CoV-2-Studien, und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs. Zuvor hatte er 2003 mit einem Team den neuen Coronavirus Sars-CoV mitentdeckt und mit seinem Kollegen Stephan Günther – noch vor dem US-Center für Seuchenkontrolle (CDC) in Atlanta – einen diagnostischen Test für das neue Virus entwickelt. Dafür erhielten beide 2005 das Bundesverdienstkreuz. Drosten war damals 32.

Der auf einem Bauernhof im Emsland aufgewachsene Drosten ist ein Wissenschaftler durch und durch, der Ehrenkodex für ihn mehr als eine Formalie. Er lebt ihn. Als Drosten und Günther ihr Sars-Wissen nicht für eine spätere Verwertung hüteten, sondern noch vor einer Veröffentlichung im „New England Journal of Medicine“ allen Forschern weltweit zur Verfügung stellten, schrieb das Fachblatt „Nature“ eine kleine Hommage. Es war damals wie heute: ein Wettlauf gegen das Virus. Deshalb fühlt sich Drosten jetzt auch verpflichtet, den Menschen „eine Situation zu erklären, die so für die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben noch nie vorgekommen ist. Und wo wir alle nicht wissen, wie wir damit umgehen wollen und wo wir, glaube ich, ganz viel Stabilität in der Gesellschaft brauchen, auch in unserer Realitätseinschätzung – jeder für sich.“

Deshalb auch der Podcast. Inzwischen sind es 25 Folgen. Warum so viele Menschen ein Ohr dafür haben? Vielleicht liegt es an dem vielen Wissen, dass da erzählt wird? Oder wie es erzählt wird. Eher im Plauderton. Jeder geht schlauer aus jeder Folge als er vorher war, durchschaut jene Zusammenhänge, die sich eben nicht in einsdreißig (90 Sekunden) vor dem TV-Mikro darstellen lassen. Unverhofft denkt man: So einen wie Drosten hätte es 1986 gebraucht, als nach der Tschernobyl-Katastrophe alle Kommunikationsexperten – getrieben von der Angst vor radioaktiven Regentropfen – durcheinanderliefen, und Politiker sagten „Wir haben alles unter Kontrolle“, obwohl jeder das Gegenteil sah.

Drosten sagt deutlich, was er nicht über Corona weiß

Jedenfalls befriedigt der Lockenkopf mit seinen in diesen Tagen müden Augen jene Sehnsucht nach Authentizität und Glaubwürdigkeit, die der Marketingsprech an jeder Ecke unseres Daseins hat entstehen lassen. In einer ZDF-Talkrunde entgleiten ihm die Gesichtszüge. Wenn Drosten schweigt, „spricht“ seine Mimik – wie blöd, wie irrelevant Journalisten doch fragen können. Selbst auf der Bundespressekonferenz zeigt er, dass er eben Wissenschaftler ist – und nicht Schauspieler. Er habe diese Konferenz als „Zeitverschwendung“ empfunden, wird Drosten später sagen, weil politische Journalisten ständig „nach dem CDU-Parteitag“ gefragt hätten oder „immer wieder auf so eine stichelnde Art über Fußballspiele anfingen, obwohl es doch so viele Informationen zu transportieren gibt“ – zu Virus und Pandemie.

Drosten überschreitet nie die unsichtbare Demarkationslinie von der – beratenden – Wissenschaft zur – entscheidenden – Politik. Das ist ihm wichtig. Er sagt Sätze wie: „Jetzt ist die Zeit, in der die Politik unbedingt mal ein paar Tage Ruhe braucht, um sich beraten zu lassen. Und zwar nicht nur immer von denselben Leuten, sondern auch von anderen Fachdisziplinen.“ Etwa Sozialforschern. „Es ist schädlich, wenn jetzt politische Journalisten sagen, wir machen das, was wir immer machen. Wir traktieren Politiker mit einer Dringlichkeitshaltung. Also nehmen wir uns von diesem Experten mal ein Zitat, spielen es der Öffentlichkeit vor und kreieren eine Dringlichkeit für die Politik.“

Für Drosten fühlt sich der gehäufte Medienkontakt inzwischen wie Glatteis an. Immer häufiger biegt er in die „Seitenstraße Medien“ ab. Da wäre die Erfahrung mit einer Illustrierten. Es sei ein „relativ differenziertes Interview“ gewesen, bei dem es ihm um diese Unterscheidung gegangen sei: „Was ist hier eigentlich Spaßfaktor und was ist essenziell wichtig in der Gesellschaft? Worauf kann man sich jetzt fokussieren, wenn man wieder aus diesen Kontaktmaßnahmen raus will? Und dann wurde das verkürzt, und zwar von der Zeitschrift selber im Internet, natürlich um Aufmerksamkeit zu sammeln. Da wurde im Prinzip nur noch gesagt ,Drosten: Ein Jahr kein Fußball mehr’“. Der Wissenschaftler sagt: „Das ärgert mich dann schon, weil das für mich ein ganzer Nachmittag meiner Zeit war, die ich da investiert habe. Natürlich auch in der Intention, Dinge zu sagen, die vielleicht wichtig sind.“

Sie sind offenbar sehr wichtig, sonst würde das glitzerlose „Coronavirus Update“ kaum eine solche Resonanz erzielen. Um die Virus-Volkshochschule aus dem Radio ist längst ein Hype entstanden, Drosten zum heimlichen Medienstar der Krise geworden, „Ist das unser neuer Kanzler?“, fragt nicht etwa „Bild“, sondern die „Zeit“. Gleichzeitig erscheinen Karikaturen von Virologen, „ich sehe mich selber als Comicfigur und mir wird schlecht dabei“. Als Wissenschaftler wolle man „nicht so stilisiert werden zu etwas, das man nicht ist. Ich bin ja nur deswegen in der Öffentlichkeit, weil ich speziell an diesem Virus oder an seinen Verwandten seit langer Zeit arbeite.“

Nach der Verhängung von Kontaktsperren sprechen inzwischen einige Medienschaffende von „Virokratie“, suggerieren, dass die Politik nach der Pfeife der Forscher tanze. Schließlich eine E-Mail an Drosten: Er sei für den Selbstmord des hessischen Finanzministers verantwortlich. Mit solchen Dingen habe er „langsam ein Problem. Ich brauche das nicht“, sagt Drosten. Es gebe kein Erfolgsmaß in der Wissenschaft „in Form von Podcast- oder Twitter-Followern“. Es sei eher „karriereschädigend“, zu oft in der Öffentlichkeit aufzutreten, denn dort müsse ein Wissenschaftler ständig „die Dinge vereinfacht darstellen“, damit sie verstanden werden.

Wer das Gras wachsen hört, spürt, dass der Virologe innerlich den medialen Rückzug angetreten hat. Zuletzt hat er eine Woche lang alle TV-Talkrunden und -Interviews abgesagt. Ein „Fernseh-Prof“ will er nicht werden. Das würde Drosten geradezu als Infektion empfinden.