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NRW lässt wieder Besuche in Pflegeheimen zu

Unter Auflagen : NRW lässt ab Sonntag wieder Besuche in Pflegeheimen zu

Seit Wochen gilt in den NRW-Pflegeheimen ein strenges Besuchsverbot. Immer wieder warnten Experten, die Vereinsamung der alten Menschen in der Corona-Krise könne schwere Folgen haben. Bald dürfen Pflegebedürftige nun wieder Besuch bekommen - auch in Rheinland-Pfalz.

Nach wochenlanger Isolation dürfen Bewohner in nordrhein-westfälischen Alters- und Pflegeheimen ab kommenden Sonntag (10. Mai) unter strengen Auflagen wieder Besuch bekommen. Das seit Mitte März geltende coronabedingte Besuchsverbot werde aufgehoben, teilte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag mit. Damit dürfen von Muttertag an Familienangehörige und Freunde wieder Bewohner von Heimen besuchen. Zudem sollen auch die Behindertenwerkstätten wieder öffnen. Für Besuche in Pflegeheimen gelten aber strenge Schutzmaßnahmen.

Auch Bewohner rheinland-pfälzischer Alten- und Pflegeheime können wieder Angehörige oder Freunde empfangen. Für zumindest eine Stunde am Tag ist der Besuch einer Person von Donnerstag an wieder gestattet, wie Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) am Mittwoch in Mainz ankündigte. Die neue Regelung gilt der Ministerin zufolge zunächst für 14 Tage.

Das generelle Besuchsverbot in Pflegeheimen und den Einrichtungen der Eingliederungshilfe sei wohl die Corona-Maßnahme gewesen, „die am meisten weh getan hat“, sagte Laumann. „Die dort lebenden Menschen haben besonders unter den bestehenden Kontaktverboten gelitten.“ Es gebe bei den Corona-Schutzmaßnahmen „keinen Bereich, wo ich so viele Briefe kriege, in denen die Leute schildern, für was für eine Härte sie das halten, wenn sie ihre Mutter, ihren Vater oder Ehepartner nicht besuchen können.“ Auch soziale Isolation könne erhebliches seelisches Leid und körperliche Schäden verursachen.

Laumann kann sich dabei auf ein Experten-Gutachten unter Federführung des Bochumer Pflegeforschers Markus Zimmermann berufen, das am Dienstag vom NRW-Gesundheitsministerium veröffentlicht wurde. Soziale Kontakte seien für ältere und pflegebedürftige Menschen, für Menschen mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen existenziell, heißt es darin. Das Gutachten von Ende April empfiehlt, für die Heimbewohner „Kontakte von außen und nach außen“ mit den nötigen Schutzvorkehrungen wieder zu ermöglichen.

Konkret sollen nach Laumanns Plänen Besuche in stationären Pflegeeinrichtungen in separaten Arealen oder im Außenbereich stattfinden. Mit Schutzkleidung dürfen Besucher die Heime auch betreten und etwa bettlägerige Personen in ihrem Zimmer besuchen. Möglich sind Besuche von bis zu zwei Personen in den einzelnen Räumen. Direkt in das Zimmer eines Bewohners darf nur eine Person. Die Dauer des Besuchs ist auf höchstens zwei Stunden pro Besuch und Tag begrenzt. Es gelten die üblichen Corona-Hygieneregeln wie Masken und Desinfektionsmittel. Die Kosten für die Ausrüstung der Heime etwa mit Schutzkleidung trage die Pflegeversicherung, sagte Laumann.

Etwas mobilere Heimbewohner dürften aber nicht zu einem Kurzbesuch zu den Angehörigen nach Hause mitgenommen werden, betonte Laumann. Man müsse da äußerst vorsichtig sein. Nichts einzuwenden habe er aber beispielsweise gegen einen „begleiteten Spaziergang“ nahe der Pflegeeinrichtung.

Alle Besucher sollen zudem registriert und einem Kurzscreening unterzogen werden, bei dem sie etwa Fragen zum eigenen Gesundheitszustand und zu möglichen Kontakten mit Covid-19-Patienten innerhalb der letzten 14 Tage beantworten müssen. Fieber gemessen werde bei den Besuchern aber nicht. In NRW gibt es mehr als 2800 Pflegeheime, davon sind mehr als 2200 vollstationäre Einrichtungen. Seit Mitte März sind Besuche wegen der Corona-Gefahr verboten und nur in Ausnahmefällen möglich.

Weiterhin bestehen bleibt das Besuchsverbot allerdings für Heime mit infizierten Bewohnern oder Personal. In rund 160 Heimen gibt es nach Angaben Laumanns infizierte Bewohner und in 199 Heimen infiziertes Personal.

Wenig Hoffnung machte Laumann auf eine baldige Wiedereröffnung der Tagespflegeeinrichtungen. Dort ändere sich anders als in den Heimen die Zusammensetzung der Pflegebedürftigen jeden Tag. Es gebe dort hochbetagte und in der Regel vorbelastete Menschen. Eine Öffnung wolle er jetzt noch „nicht verantworten“, so der Minister. Aber Rehakliniken und Krankenhäuser böten inzwischen auch Kurzzeitpflege an und könnten so „einen Puffer“ in der Betreuung schaffen.

Auch die Werkstätten für behinderte Menschen sollen wieder mehr Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Sie könnten beginnen, Öffnungskonzepte zu erarbeiten, sagte Laumann laut Mitteilung. Da in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe häufig jüngere und weniger risikobehaftete Menschen lebten, sollten die Öffnungskonzepte dort über die der Pflegeheime gegebenenfalls hinausgehen.

Die Corona-Infektionslage in NRW hat sich nach Angaben Laumanns inzwischen „sehr entspannt“. Akut seien landesweit noch 6101 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Der für die Ausbreitung des Virus wichtige Verdoppelungszeitraum liege mittlerweile bei 33 Tagen. Die Lage zeige, dass die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in den vergangenen Wochen gewirkt hätten. Angesichts der Zahlen seien auch weitere Öffnungen vertretbar, sagte er. Er könne „durchaus etwas optimistisch“ in die Zukunft schauen.

Die unterschiedlichen Wege der Bundesländer aus der Corona-Krise hält er für unproblematisch. Auf die Frage, ob „das Vorpreschen einzelner Länder“ nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschädigt habe, antwortete Laumann am Dienstag in Düsseldorf: „Nein. Sie müssen ja nur ihre Beliebtheitswerte angucken.“

Laumann verteidigte auch seine Entscheidung, schon einen Tag vor der Bund-Länder-Konferenz zur Corona-Krise die generellen Besuchsverbote in Alters- und Pflegeheimen aufzuheben. Auch andere Bundesländer ließen wieder Besuche in Pflegeheimen zu. Der bevorstehende Muttertag sei außerdem „ein schönes Datum“ für solche Lockerungen, meinte der CDU-Politiker. Die Botschaft, dass Menschen in den Einrichtungen nun doch am Muttertag mit Besuch ihrer Kinder rechnen könnten, halte er für „eine gute Idee“.

Weitere Lockerungen in Bereichen wie Kitas, Schulen, Sport und der Gastronomie sollen am Mittwoch in einer Schaltkonferenz der Ministerpräsidenten mit Merkel besprochen werden. Mehrere Bundesländer wie Bayern sind jedoch schon vorgeprescht und haben eigene Fahrpläne angekündigt. NRW-Regierungschef Armin Laschet (CDU) hatte indes betont, sein Land werde mit Entscheidungen bis Mittwoch warten. Laschet will nach der Schaltkonferenz den Fahrplan für NRW vorstellen.

(dpa)