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Erzbistum Köln vergibt Missbrauchsstudie neu: „Schallende Ohrfeige für die Opfer“

Erzbistum Köln vergibt Missbrauchsstudie neu

„Schallende Ohrfeige für die Opfer“

Bei einem Gottesdienst in Münster: Rainer Maria Kardinal Woelki (rechts) und Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd

Köln/Bonn Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki will die bestehende Missbrauchsstudie nicht veröffentlichen und vergibt einen neuen Auftrag. Die Aufklärung könnte so verzögert werden.

Es scheint eine nicht enden wollende Geschichte zu werden. Ursprünglich sollte die Studie über den Umgang der Bistumsspitze mit Missbrauchsfällen am 12. März vorgestellt werden. Dann hieß es, die Benennung von Fehlverhalten ehemaliger oder aktiver Entscheidungsträger müsse noch rechtlich abgesichert werden. Jetzt wird die Studie gar nicht mehr veröffentlicht und der Auftrag neu vergeben.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl sei „wiederholt an ihrem Versprechen und am Anspruch der Betroffenen sowie des Erzbistums gescheitert, eine umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und persönlichen Verantwortlichkeiten in Form eines rechtssicheren und belastbaren Gutachtens zu erreichen“, teilte das Erzbistum mit. Alle Bitten um konstruktive und methodische Nachbesserungen seien entweder nicht umgesetzt worden oder blieben deutlich hinter den notwendigen Maßnahmen zurück.

Das Gutachten könne jederzeit veröffentlicht werden, um der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, sich ein umfassendes Bild zu machen, teilte die Kanzlei mit. Andere Bistümer scheinen keine Probleme mit Westpfahl Spilker Wastl zu haben: So ist die Kanzlei auch vom Erzbistum München und Freising mit einem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen beauftragt worden. Ein weiteres Gutachten der Kanzlei für das Bistum Aachen soll noch im November veröffentlicht werden.

Es sollte dargestellt werden, wie die Verantwortlichen im Erzbistum Köln in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen Priester umgegangen sind. Durchgesickert ist bereits, dass das Gutachten die Rolle des früheren Personalchefs Stefan Heße kritisch beurteilt. Gegen ihn gibt es Vertuschungsvorwürfe. Heße ist heute Erzbischof von Hamburg.

Thomas Schüller, Kirchenrechtler an der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster, teilte dem General-Anzeiger mit: „Die unendliche Geschichte der vollmundig erklärten Aufklärung der Verantwortlichkeit für den Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum Köln wird eine klaffende Wunde der Amtszeit von Kardinal Woelki bleiben. Die Verzögerung ist aus Sicht der Opfer eine  schallende Ohrfeige und missachtet ihre körperlichen und seelischen Verwundungen. Es ist einer der dunkelsten Momente in der Geschichte des Erzbistums Köln.“ Schüller sprach von juristischen Fechtereien, die auf dem Rücken der Opfer sexueller Gewalt ausgefochten würden. Der Prozess der tatsächlichen Aufklärung von Verantwortlichkeit im Erzbistum Köln werde auf unbestimmte Zeit verzögert, schrieb er in einer Mail.

Woelki sagte, er sei sicher, dass das neue Gutachten des Kölner Strafrechtsexperten Björn Gercke „zu einem belastbaren und rechtssicheren Ergebnis“ kommen werde. „Ich erwarte keine Schonung – im Gegenteil“, betonte der Erzbischof. Kirchenrechtler Schüller ist hingegen skeptisch, dass die neue Untersuchung bis zum 18. März 2021 veröffentlicht werden kann: „Neue Gutachter werden das ihnen bereitgestellte Aktenmaterial neu sichten und juristisch bewerten und zu neuen Schlussfolgerungen kommen.“ Selbstverständlich könnten auch nach Fertigstellung eines neuen Gutachtens persönlichkeitsrechtliche Probleme entstehen, die erneut eine Veröffentlichung der dann zweiten Studie verzögern werden. „Angesichts der Vorkommnisse rund um die Nichtveröffentlichung der ersten Studie ist dies sogar sehr wahrscheinlich“,  so Schüller zum GA.

Stellungnahme des Betroffenenbeirats

Sprecher Patrick Bauer: Enttäuscht und wütend

Der Betroffenenbeirat des Erzbistums unterstützt die Entscheidung, den Auftrag neu zu vergeben. Sprecher Patrick Bauer sagte: „Wir sind enttäuscht und wütend, dass die Münchener Kanzlei derart schlecht gearbeitet und damit Versprechen einer gründlichen, juristisch sauberen Aufarbeitung gebrochen hat. Das verlängert den Aufarbeitungsprozess unnötig. Das Ziel des Gutachtens, Verantwortung und institutionelles Versagen deutlich und vollständig zu benennen, gefährdet die Kanzlei durch handwerkliche Fehler. Wir haben dem Kardinal geraten, die Zusammenarbeit mit Westpfahl Spilker Wastl sofort zu beenden und Schadensersatz zu fordern.“ Im Beirat sind Betroffene vertreten, die in ihrer Kindheit in der katholischen Kirche sexualisierte Gewalt erleiden mussten. ye