Umfragen und Prognosen So arbeiten Meinungsforscher in Deutschland

Bonn · Meinungsforscher sind es gewohnt, dass ihre Diagnosen für Debatten sorgen. Ein Gespräch mit Reinhard Schlinkert von Infratest Dimap über das Wahlverhalten in Deutschland.

Steht ein Politiker gut da, dann sind die Zahlen Beleg seines Erfolges; steht er schlecht da, sagen sie wenig aus: Wochenlang liegen Parteien ganz vorne, der Wahlausgang scheint sicher, und am Sonntag um 18 Uhr ist dann alles ganz anders. So war es bei den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen, so rollte der Schulz-Zug mit hohen Zustimmungswerten für die SPD durch die Lande, so erging es der Öffentlichkeit bei Trump, Clinton und dem Brexit. Jedes Mal mindestens eine Überraschung.

Reinhard Schlinkert von Infratest Dimap mit Sitz in Bad Godesberg macht die Umfragen für den WDR. Er stellt ein grundsätzliches Missverständnis in der Wahrnehmung seiner Arbeit fest: „Umfragen sind Stimmungsbilder, keine Prognosen“, sagt der Forscher. Sie blicken zurück und nicht nach vorn.

Er gehört mit seinem Meinungsforschungsinstitut zu den Gewinnern der NRW-Wahl. Schon am 23. April sah sein Institut SPD und CDU Kopf an Kopf bei 34 Prozent, die Grünen bei sechs, die FDP bei zehn und die AfD bei acht Prozent. Konkurrenten glaubten zu diesem Zeitpunkt die SPD der CDU noch um bis zu 14 Prozentpunkte enteilt. Selbst die Ausreißer nach oben bei CDU und SPD liegen im Rahmen der unvermeidbaren Schwankungsbreite solcher Diagnosen.

Dass sein Geschäft schwieriger geworden ist, gibt er gerne zu. Das hat jedoch wenig mit den in der Öffentlichkeit breit diskutierten methodischen Problemen zu tun. „Die sehen wir natürlich auch“, sagt Schlinkert und genauso natürlich arbeite man mit Alternativen, die Untersuchungen wieder verlässlich machten. Das A und O bleibe die Güte der Stichprobe, die befragt werde. Deswegen werde sehr intensiv nach Personen gesucht, die Auskunft geben könnten und wollten.

"Schiefes Bild" über die Branche

Es werde bei Telefonumfragen selbstverständlich auch mit Handynummern gearbeitet und nicht nur mit Festnetzanschlüssen, denn sonst erfasse man viele gesellschaftliche Gruppen nicht. Außerdem nutze man auch Onlinezugänge zu den Befragten, und das alles je nach Fragestellung in unterschiedlichen Mischungen. Bei einigen Themen besuche man die Befragten sogar zum persönlichen Gespräch. „Über Rechtsradikalismus bekommen Sie am Telefon keine Auskunft“, sagt Schlinkert. Hausbesuche sind aber teuer, aufwendig und die Studie dauert lange.

Wenn eine Studie schnelle Antworten auf komplexe Fragen gibt, ist Misstrauen angebracht. In der Branche richtet sich Kritik gegen zu große Abhängigkeit zwischen Meinungsforschungsinstituten und Auftraggebern. Das ist manchmal an seltsamen und rational nur schwer erklärbaren Abweichungen zu erkennen, die vielleicht eine Schlagzeile produzieren, mit der wahren Situation jedoch nur am Rande zu tun haben. Manche Institute stützen sich auf reine Onlineumfragen, für die sich Teilnehmer freiwillig melden.

Das ist viel preiswerter als Telefonumfragen oder Hausbesuche. Aber hier fehlen zum Beispiel leicht mal die über 60-Jährigen. Die waren bei der NRW-Wahl indes ausschlaggebend für den Erfolg der CDU. Kritisch sieht Schlinkert auch die vielen schnellen Umfragen zu kleineren Themen im Internet. Sie suggerierten eine Objektivität, die oft nicht vorhanden sei. Zusammengenommen entstehe daher bisweilen ein schiefes Bild über Möglichkeiten und Grenzen seiner Branche.

Keine seriöse Studie vor dem Brexit

Seine Diagnose gilt auch für Großbritannien und die USA. Vor dem Brexit hat es nach seiner Beobachtung kaum eine seriöse und grundlegende Studie gegeben. Vor der Wahl Trumps lagen viele Studien vor, die die richtigen Zahlen auswarfen. Bei der Interpretation sprangen indes viele Medien zu kurz, weil sie das Wahlmännersystem und die Situation in einzelnen Bundesstaaten falsch wahrnahmen. Eine Art Filterblase der Medien.

Doch Schlinkert registriert auch Veränderungen in der Bevölkerung, die eine Messung und Interpretation der Stimmungsbilder immer schwieriger machen. Viele Menschen entscheiden sich erst spontan, wen sie wählen wollen, oft erst in der Kabine. Ihre Zahl liegt inzwischen bei 30 bis 40 Prozent. Die Zahl der Briefwähler steigt stark. Wer früh abstimmt, nimmt an den Entscheidungsprozessen der Wahlkampf-Schlussphase nicht mehr teil. Nicht jeder, der angibt, er gehe zur Wahl, tut es am Ende auch. Und ganz grundsätzlich haben immer weniger Menschen eine feste Bindung an eine Partei oder doch eine politische Richtung. Stimmungen schwanken immer stärker, ohne dass sie Einfluss auf die Wahlentscheidung haben.

„Da muss eine Partei liefern“

Der Meinungsforscher ist bei der Interpretation der Zahlen im Übrigen weit zurückhaltender als die Medien oder die Betroffenen selbst. Infratest Dimap stellt Stimmungsbilder zur Verfügung. Die Kunst ist ihre richtige Auswertung. Hier sieht er das Missverständnis rund um Martin Schulz. Der Ausschlag in der Zustimmung war da, er war auch ganz ungewöhnlich. „Aber das war noch kein Wahlergebnis“, sagt Schlinkert. Wenn 80 Prozent der Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden seien, dann sei das Thema Gerechtigkeit vielleicht nicht das beste Zugpferd. Diesen 80 Prozent werde es vermutlich darum gehen, ihren Status zu sichern. Eine Partei müsse sich dann fragen, wie sie mit weiteren Themen mobilisieren könne. „Da muss eine Partei liefern“, sagt Schlinkert – auch die SPD. Sie tat es nicht.

Bei solchen Themenfragen sieht er die eigentliche Stärke der Meinungsumfrage, nicht so sehr bei der „Sonntagsfrage“. Welche Bedeutung haben bestimmte Themen für die Menschen wie Arbeit, Sicherheit, Schule oder Wohlstand? Wie bewerten sie die Kompetenz der Parteien? Wie verändern sich diese Stimmungslagen im Laufe der Zeit und welche Faktoren beeinflussen sie? Auch hier kommt es auf die kluge Interpretation und die richtigen politischen Schlüsse an. Die Meinungsforschung bringt im Idealfall Volkes Stimme zu Gehör. Ob die wahrgenommen wird, steht auf einem anderen Blatt.

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