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Kommentar zum Anschlag von Dortmund: Verordnete Normalität

Kommentar zum Anschlag von Dortmund : Verordnete Normalität

Die Spiele müssen weitergehen. Immer wenn irgendwo eine Bombe hochgeht, hören wir seit dem Olympia-Attentat 1972 in München das Mantra: „Wir dürfen uns dem Terrorismus nicht beugen.“

Als am Dienstag der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund durch drei Sprengsätze beschädigt und der Spieler Marc Bartra dabei verletzt wurde, dauerte es nur etwas mehr als eine Stunde, bis die Partie gegen Monaco abgesagt und neu angesetzt worden war.

Als der erste Schock nach dem Olympia-Attentat 1972 in München überwunden war, sagte Avery Brundage einen Satz, der bis heute nachhallt. „The games must go on“, formulierte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees trotzig. Die Spiele müssen weitergehen. Also gingen die Spiele weiter, wenn auch längst nicht so heiter wie zuvor.

Die olympische Bewegung glaubte, nicht vor dem Terrorismus einknicken zu dürfen. Sie hoffte, dem Terrorismus die Wucht zu nehmen, indem einfach weiter gelaufen und geschwommen wurde. Hat es etwas genützt?

Immer wenn irgendwo eine Bombe hochgeht, hören wir seitdem das Mantra: „Wir dürfen uns dem Terrorismus nicht beugen.“ Die Politik sagt das so, der Sport, auch die Medien. Als am Dienstag der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund durch drei Sprengsätze beschädigt und der Spieler Marc Bartra dabei verletzt wurde, dauerte es nur etwas mehr als eine Stunde, bis die Partie gegen Monaco abgesagt und neu angesetzt worden war. 22 Stunden später. Nicht einmal ein Tag.

Das alles muss extrem professionell, reibungslos und routiniert über die Bühne gegangen sein. Ebenso wie die Räumung des Stadions und der Abmarsch Zehntausender. So zynisch es klingt, die Menschen sind inzwischen auf so etwas vorbereitet. Sie haben noch den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Kopf, vielleicht auch die Absage des Länderspiels gegen Holland im November 2015 in Hannover. Eingebrannt sind ohnehin die Bilder der brennenden Twin Towers 2001 in New York. Es kann heute jeden treffen, jeden Tag und überall. Gewalt und Terror sind als Drohung allgegenwärtig.

Am Tag danach kündigten Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ihren Besuch beim verlegten Spiel an. Das Kanzleramt lobte die gefasste Haltung des Vereins. Von überall kam Rückendeckung mit dem Tenor: Weitermachen, nicht einschüchtern lassen. Und über allem waberte die Überschrift: Nicht vor dem Terror einknicken.

Angesichts dieser Einmütigkeit geht völlig unter, dass es ja durchaus eine Alternative gegeben hätte. Nämlich, das Spiel abzusagen oder erst einmal nicht neu zu terminieren. Die Dinge zunächst zu verarbeiten, ehe man wieder an Fußball denkt. Vielleicht sind Spieler, die so etwas erlebt haben, 22 Stunden später noch gar nicht in der seelischen Verfassung, ihrem Job nachzugehen. Vielleicht überfordert man sie mit dieser Art der verordneten Normalität.

Wie wäre es denn aufgefasst worden, wenn die Profis gesagt hätten: Wir können nicht spielen, wir wollen nicht. Hätten sie sich dann dem Terror gebeugt? Hätten sie Schwäche gezeigt? Wahrscheinlich würde niemand so etwas behaupten. Es gibt kein Richtig oder Falsch in dieser Situation. Nur Hilflosigkeit.