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Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz: „Vollkommene Sicherheit gibt es nicht“

Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz : „Vollkommene Sicherheit gibt es nicht“

Warum sich Bürger im Krisenfall nicht allein auf den Staat verlassen sollten, erklärt der Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz im Interview. Seine Behörde mit Sitz in Bonn habe das Risiko einer Pandemie schon im Jahr 2012 klar vorausgesehen.

Warum Lebensmittel für zehn Tage und ein batteriebetriebenes Radio in keinem Haushalt fehlen sollten, erklärt der Präsident des Bonner Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Seine Behörde hat das Risiko einer Pandemie schon im Jahr 2012 klar vorausgesehen. Warum die Analyse damals wenig Aufmerksamkeit erregte und welche Gefahren die Experten besonders hoch einschätzen, erläutert Christoph Unger im Gespräch mit Delphine Sachsenröder.

Als Experte für Bevölkerungsschutz, hätten Sie eine Pandemie wie in der Corona-Krise für möglich gehalten?

Christoph Unger: Ja, das Risiko einer solchen Pandemie war uns bewusst. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat bereits 2007 im Rahmen einer Übung den Ausbruch einer Influenza-Pandemie nachgestellt und 2012 in einer Risikoanalyse zur Lungenkrankheit Sars ein Szenario entwickelt, das Parallelen zur jetzigen Situation aufweist. Auch in anderen Ländern wurde das Pandemie-Risiko im Vergleich zu anderen Gefahrenlagen besonders hoch eingeschätzt.

Wie nah liegt die heutige Realität an ihrer Risikoanalyse aus dem Jahr 2012?

Unger: Die Ausgangslage klingt sehr ähnlich. Ein zunächst in Asien auftretendes Virus verbreitet sich weltweit. Heute sind einige Szenarien aus der Studie eingetreten, andere nicht. In der Risikoanalyse haben wir damals angenommen, dass der weltweite Flugverkehr stark eingeschränkt würde. Das ist jetzt auch geschehen. Wir lagen allerdings falsch mit der Einschätzung, dass der Individualverkehr stattdessen stark zunehmen würde. Auch die Opferzahl war in der Studie deutlich höher.

Im Nachhinein gibt es viel Kritik, dass die Risikoanalyse des BBK von der Politik nicht stärker beachtet wurde.

Unger: Wir erstellen diese Risikoanalysen regelmäßig zu verschiedenen Themen. Damals ist es uns offenbar nicht gelungen, die Politik, aber auch die Bevölkerung, ausreichend für die Gefahr zu sensibilisieren.

Was erwarten Sie von den Bürgern?

Unger: Alle müssen sich darauf einstellen, dass es auch mal schwieriger werden kann. Da ist auch eine gewisse Eigenverantwortung gefragt. Wir haben ein großartiges Hilfeleistungssystem in Deutschland. Aber vollkommene Sicherheit gibt es nicht. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass der Staat im Notfall alles regelt. Es ist zu spät, über Katastrophenvorsorge nachzudenken, wenn der Fall eingetreten ist.

Was heißt das konkret?

Unger: Wir veröffentlichen auf unserer Homepage konkrete Empfehlungen für den Einzelnen, aber auch für Behörden und Unternehmen, wie man sich auf Krisen wie Pandemien oder Stromausfälle vorbereitet. Dazu gehört es beispielsweise, dass Haushalte ein batteriebetriebenes Radio haben, mit dem auch bei einem längeren Stromausfall Nachrichten gehört werden können. Außerdem raten wir dazu, für etwa zehn Tage Vorräte im Haus zu haben. Dazu gehören auch Hygieneartikel und eine Hausapotheke.

Aus Vorratshaltung werden schnell Hamsterkäufe. Können Sie das nachvollziehen?

Unger: Psychologisch kann ich Hamsterkäufe in so einer Situation ein Stück weit nachvollziehen. Gerade deshalb ist es wichtig, frühzeitig ein Risikobewusstsein zu entwickeln und sich vorzubereiten. Ein gewisser Vorrat ist gut, horten ist unsolidarisch. In der jetzigen Pandemie ist die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln und sonstigem Alltagsbedarf sehr hoch. Allerdings müssen sich Branchen wie der Einzelhandel und die Lebensmittelproduzenten darauf vorbereiten, dass Personal ausfällt, weil die Menschen erkranken oder sich um ihre Kinder kümmern müssen. Doch selbst wenn es zu stärkeren Unterbrechungen in den europäischen Lieferketten käme, könnten wir uns in Deutschland mit heimischen Produkten ganz gut ernähren.

Im Ausland wird Deutschland oft als Musterbeispiel für den Umgang mit der Corona-Krise angeführt. Teilen Sie diese Sicht?

Unger: Wenn man sich die Zahlen anschaut, stehen wir vergleichsweise gut da. Dass in Deutschland weniger Menschen als in vielen anderen Ländern an Covid-19 gestorben sind, hängt sicherlich mit der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems zusammen. Auch die Krisenkommunikation von Bund und Ländern funktioniert. Aber es gibt auch Defizite, etwa bei der Bevorratung von Schutzausrüstung. Wir haben auch zu geringe Laborkapazitäten und zu wenig medizinisches Personal für Krisensituationen. Unsere Forderungen als Bevölkerungsschützer kollidieren immer wieder mit der wirtschaftlichen Ausrichtung des Gesundheitssystems. Es ist eine große Herausforderung, hier eine Balance zu finden.

Gibt es erste Lehren, die aus der Pandemie gezogen werden?

Unger: Die Diskussion ist in vollem Gange. Der Aufbau einer eigenen Produktion von Schutzausrüstung wurde beschlossen, und das geht auch relativ schnell. Wir müssen uns aber auch als Gesellschaft fragen, wie viele Krankenhäuser wir brauchen. Noch vor wenigen Monaten hat eine Bertelsmann-Studie den Abbau von 2000 auf 600 vorgeschlagen. Das würde man heute sicher anders sehen. Auch Notfall-Übungen in Krankenhäusern, die wir anbieten, brauchen wir nach der Krise vermehrt. Wir stellen zum Beispiel nach, wie Krankenhäuser nach einem fiktiven Terroranschlag mit großen Mengen von Patienten konfrontiert werden. Solche Szenarien müssen geübt werden. Aber das alles kostet auch viel Geld.

Das Gesundheitswesen ist Ländersache. Ist der Föderalismus im Krisenfall hinderlich?

Unger: Auch wenn es in den Ländern im Ansatz unterschiedliche Herangehensweisen gibt, sind die Bürger mit dem Krisenmanagement laut Umfragen weitgehend zufrieden. Die Karte der Infektionen zeigt auch, dass es erhebliche regionale Unterschiede gibt. Insofern ist es nachvollziehbar, dass unterschiedlich agiert wird.

Ihre Behörde warnt die Bevölkerung mit der App „NINA“ vor Krisenereignissen. Was bringt „NINA“ in der Pandemie?

Unger: Nach einem Update in der vergangenen Woche hat unsere App einen eigenen Bereich, der nur über das Coronavirus informiert. Die Inhalte kommen vom Bundespresseamt. Bisher haben wir rund sieben Millionen Nutzer, nach dem Update könnten wir technisch bis zu 40 Millionen Bürger erreichen.

Jenseits der Pandemie: Welche Risiken sehen Sie als Bevölkerungsschützer besonders kritisch?

Unger: In allen unseren Analysen spielt das Thema Stromausfall eine besondere Rolle. Strom ist das Lebenselixier unserer Gesellschaft. Bei einem länger andauernden Blackout wäre die Lebensmittelversorgung durch den Einzelhandel stark eingeschränkt, schon allein, weil keine Kasse mehr funktioniert. Dazu kommt die wachsende Digitalisierung unserer Gesellschaft bis hin zum so genannten Smart Home. Wir sind in immer mehr Lebensbereichen auf Elektrizität angewiesen. Krankenhäuser sind von Stromausfällen stark betroffen, und auch die wachsende Zahl von Menschen, die in ihrem häuslichen Umfeld auf künstliche Beatmung angewiesen sind.

Hat die Energiewende das Risiko für einen Blackout erhöht?

Unger: Wir haben bestimmte Entwicklungen bei der Stromversorgung, die sich auf die Versorgungssicherheit auswirken. Dazu zählt, dass Strom zu einem internationalen Spekulationsobjekt an den Finanzmärkten geworden ist. So ist es im vergangenen Jahr zu einer Situation gekommen, wo wir am Rande eines ziemlich großen Problems standen. Die wachsende Einspeisung von erneuerbaren Energien und das Abschalten von großen Kraftwerken ist schwierig für unser Netz, das auf eine eher gleichmäßige Last ausgerichtet ist. Dazu kommen fehlende Trassen. Es muss öfter eingegriffen werden, um die Versorgung zu sichern. Das Risiko steigt also. Die Netzbetreiber haben das Thema aber auf dem Schirm.

Im vorigen Jahr hat das Thema Dürre auch für Ihre Behörde eine große Rolle gespielt. Macht Ihnen die jetzige Wetterlage Sorgen?

Unger: Wir beobachten die Lage zusammen mit dem Deutschen Wetterdienst sehr genau. Es gibt erste Waldbrände, auch hier in der Region. Nach den Bränden im vergangenen Jahr haben wir die zuständigen Bundesländer dabei unterstützt, die Verfügbarkeit von beispielsweise für Löschflüge geeigneten Hubschraubern besser zu koordinieren. Wir hoffen, dass wir jetzt besser aufgestellt sind.