Kehrtwende vom Green New Deal Wer spricht noch vom Klimaschutz?

Analyse | Bonn · Während die Folgen der menschengemachten Erderwärmung immer spürbarer werden, droht bei der Europawahl eine Kehrtwende vom Green New Deal. Deutschlands Süden unter Wasser, erste Skigebiete schließen für immer, Indien schwitzt wieder unter einer Glutglocke, aber der weltweite CO2-Ausstoß steigt weiter. Eine Bestandsaufnahme.

Lebensfeindliche Temperaturen: Ein Mädchen holt Wasser am Rande der indischen Stadt Jammu und schützt ihren Kopf vor Hitze und Sonne mit einem umfunktionierten Öl-Eimer.

Lebensfeindliche Temperaturen: Ein Mädchen holt Wasser am Rande der indischen Stadt Jammu und schützt ihren Kopf vor Hitze und Sonne mit einem umfunktionierten Öl-Eimer.

Foto: AP/Channi Anand

Während der Ukraine-Krieg, die Lage im Gaza-Streifen, „Trump vor Gericht“ oder das schwächelnde Wirtschaftswachstum die tägliche Aufmerksamkeit beanspruchen, sind Energiewende und Klimaschutz auf der politischen Wichtigkeitsagenda ziemlich abgerutscht. Eine Umfrage des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen, das zum Bayerischen Rundfunk gehört, unter 1500 Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren ergab, dass 20 Prozent noch nie vom Klimawandel gehört haben. Aber auch: Je älter, desto informierter.

Schließlich waren es die älteren Jugendlichen, die noch vor der letzten Europawahl 2019 unter dem Banner „Fridays for Future“ Hunderttausende zwischen Stockholm und Mailand demonstrieren ließen. Die Grünen konnten damals ihr Wahlergebnis in Deutschland gegenüber 2014 fast verdoppeln. Die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nutzte das Momentum und verkündete für den kleinen, alten Kontinent mit dem Green New Deal nicht weniger als eine ökologische Revolution und sparte nicht mit historischen Vergleichen: „Dies ist der Beginn einer Reise. Es ist Europas Mann-auf-den-Mond-Moment!“ Später wurden ehrgeizige Etappenziele beschlossen: Klimaneutralität bis 2050, Senkung der Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990, Verschärfung des Emissionszertifikate-Handels.

Große Mobilisierung von „Fridays for Future“

Vergangene Woche versuchte „Fridays for Future“ noch einmal die große Mobilisierung. Doch kurz vor der neuerlichen Europawahl kamen viel weniger Klimabewegte. Zudem zeichnet sich ab, dass die Metapher von „Europas Mondlandung“ wahrscheinlich als Bruchlandung endet. Inflationsdruck, Wirtschaftskrise, Putins Angriffskrieg, auch die langen Schatten der Pandemie – alles wirkte und verunsicherte erst Wähler und eichte dann den Kompass von Politikern und Parteien neu. Vom einmal geplanten Klimasozialfonds hört man weder in Brüssel noch in Berlin etwas. Zwar geht der Ausbau der erneuerbaren Energien voran, aber nicht im benötigten Tempo. Kaum ein EU-Land erreicht sein Klima-Zwischenziel 2030.

Mittlerweile votiert die CDU/CSU dafür, das von der EU beschlossene Verbrenner-Aus ab 2035 zu widerrufen. Kernsatz: „Das Verbrenner-Aus schadet dem Wohlstand in unserem Land.“ Folgt man den Umfragen für die anstehende Europawahl, werden Parteien zulegen, die die ökologische und wirtschaftliche Transformation ausbremsen wollen. Ganz anders in Schweden: Dort ist Klimaschutz das dominierende Europawahl-Thema.

Und auch weltweit sieht es etwas anders aus. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), sagte, zwar „verursacht der Stromsektor derzeit mehr CO2-Emissionen als jeder andere Bereich der Weltwirtschaft“, insbesondere in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien noch auf Kohlebasis, aber ab 2026 könnte sich das Blatt wenden. Nicht nur durch den raschen Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wind- und Solaranlagen, sondern auch durch die Inbetriebnahme neuer Atomreaktoren in China und Indien. Auch die Reaktivierung japanischer Kernkraftwerke leistet einen Entlastungsbeitrag zum weltweiten CO2-Ausstoß, der jedoch entgegen aller ehrgeizigen Ziele immer weiter und immer schneller steigt.

Höhe des Hochwassers markiert hier ein 50-Jahresereignis

Den unstrittigen Beweis liefern Messungen im Reinluftgebiet auf dem 3400 Meter hohen Vulkan Mauna Loa auf Hawaii. Dort wird seit 1958 der wichtigste Umweltdatensatz der Menschheit aufgezeichnet – der weltweite CO2-Durchschnittswert der Erdatmosphäre. Vor 66 Jahren startete das private US-Observatorium mit 315 ppm (parts per million/Teile pro Million), in diesen Tagen überschritt der Wert 427 ppm, Ende Mai 2023 waren es noch 424 ppm. Damit steuert der Planet auf Zustände wie vor drei Millionen Jahren zu, als im Erdzeitalter des Pliozäns die Erdtemperatur 2,5 bis vier Grad höher lag als noch 1958. Und der Ozeanpegel etwa 20 Meter höher.

So wie die Messung mahlen die Mühlen der Klimaphysik auch bei den Auswirkungen unerbittlich wie verlässlich weiter. Was das für die Zukunft bedeutet, haben Wissenschaftler immer wieder beschrieben. Die Vorboten sind seit Jahren und in der Gegenwart zu beobachten.

  Viel Grün und ein bisschen Kunstschnee: Blick auf die Talabfahrt in der Schweiz.

Viel Grün und ein bisschen Kunstschnee: Blick auf die Talabfahrt in der Schweiz.

Foto: dpa/Gian Ehrenzeller

Die feuchte Seite der Klimawandel-Medaille plagte am vergangenen Wochenende den Süden Deutschlands. Es heißt, eine sogenannte Vb-Wetterlage habe sich mit wärmerer Luft, die mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, und dem um drei Grad wärmeren Mittelmeer verbündet. Die Höhe des Hochwassers markiert hier ein 50-Jahresereignis, dort ein 100-Jahresereignis.

52,9 Grad in Mungeshpur gemessen

Meteorologischen Statistikern geht der Stoff in der Klimakrise nicht aus, dabei sind die Rekordbegriffe inzwischen Makulatur. Der menschengemachte Klimawandel mit seinem hohen CO2-Gehalt unterlegt das Wettergeschehen mit einem Bunsenbrenner: Was hat dann ein „Jahrhundert-Hochwasser“ oder eine „Jahrhundert-Dürre“ noch für einen Sinn, wenn sein statistischer Bezug zurückliegende 100 Jahre ohne Bunsenbrenner sind? Immer neue Rekorde sind das Erwartbare. In Neu Delhi klagen Touristen gerade, dass auch ein Sprung in den Hotelpool keine Abkühlung bringt. Wieder einmal binnen weniger Jahre ächzen der indische Subkontinent und Anrainerstaaten unter einer frühsommerlichen Glutglocke.

Die in Mungeshpur, einem Vorort Delhis, gemessenen 52,9 Grad Celsius mögen durch einen fehlerhaften Sensor verursacht worden sein, aber in jenen Vierteln, in denen die Mittel- und Oberschicht der indischen Hauptstadt lebt, sind die Straßen in diesen Gluttagen menschenleer. Die Klimaanlagen rotieren bis zum Anschlag. Die IEA sagt voraus, dass sich bis 2050 immer mehr Inder Kühlgeräte leisten können und der Strombedarf dann in neue Dimensionen vorrücken wird. Auch klimawandelbedingt, so die IEA, wird das bevölkerungsreichste Land der Erde Mitte des 21. Jahrhunderts so viel Strom verbrauchen wie der gesamte Kontinent Afrika. Ein Teufelskreis, zumindest bis 2026, wenn mit mehr klimaschädlichem Kohlestrom die Folgen der Erderwärmung erträglich gehalten werden sollen, sie aber gleichzeitig verstärkt.

Die Krabbeninsel ist nicht zu retten

Hier Überschwemmungen, dort unerträgliche Hitze, aber der steigende Meeresspiegelanstieg führt auch zu Konsequenzen: Auf der überbevölkerten Insel Gardi Sugdub (Krabbeninsel), eine von 350 vor der Küste Panamas, ist eine umfangreiche Evakuierung gestartet. Auf dem 400 mal 100 Meter kleinen Eiland steht Hütte an Hütte, und Panamas Staatspräsident Laurentino Cortizo ließ für 1350 Indigene eine Siedlung auf dem Festland bauen. Kosten: rund 12,2 Millionen Dollar. Die Krabbeninsel ist nicht zu retten. Sie ist dem Untergang geweiht, wie so viele Atolle in der Karibik und anderswo, weil so viel Eis – immer schneller – an den fernen Polen der Erde schmilzt. Zahlreiche pazifische Inselstaaten haben längst kollektive Asylanträge gestellt.

Zu den Mühlen der Physik gehört auch das Naturgesetz, dass bei erwärmter Luft mehr Tropfen als Flocken fallen. Zwar gibt es auch hier Ausreißer vom jahrelangen Trend, so haben die Schweizer Hochalpen einen richtigen Winter hinter sich und es liegt in diesem Juni noch meterhoher Schnee. Doch damit hat sich die Skitourismus-Situation in unteren Lagen bis 2000 Meter nicht verbessert. Jahrelang hat die Klimakrise hier mit Schnee geknausert und die Liftsaison verkürzt. Das Unvermeidbare wurde früh vorhergesagt: Bereits 2007 hatte der UN-Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) prognostiziert, dass sich das Schneevolumen bis Ende des 21. Jahrhunderts in 1000 Meter Höhe um 90 Prozent, in 2000 Meter Höhe um 50 Prozent und in 3000 Meter Höhe um 35 Prozent verringern wird.

Außerdem wurde gewarnt, dass sich die globale Erwärmung kaum mit energie- und wasserintensiven Schneekanonen kompensieren lässt. Trotzdem haben Politiker und Tourismusdirektoren vor Ort fragwürdige Investitionen ins künstliche Schneien getätigt, um winterliche Wertschöpfungsketten von Liftbetrieb über Skiverleih bis Hotel zu erhalten. Nun ist manches Projekt in den Alpen wie ein ungedeckter Scheck geplatzt.

Die Liste der Wintersportorte in Europas Alpen wächst

Am 3. März 2024 verkündete das Jenner-Skigebiet am Königssee: „Wir schließen.“ Klang nach Saisonende. Aber das nachgeschobene „Für immer“ beendete ein betriebswirtschaftliches Abenteuer und eine Ski-Ära im Berchtesgadener Land. Noch 2018 war die Jennerbahn für 50 Millionen Euro erneuert worden – mit einem Landeszuschuss der Steuerzahler von zehn Millionen. Zuvor hatte bereits in den französischen Alpen das Skigebiet La Sambuy nahe des Mont Blanc das gleiche Schicksal ereilt. Bürgermeister Jacques Dalex erklärte: „Früher hatten wir praktisch vom 1. Dezember bis zum 30. März Schnee.“ Diese Zeiten seien vorbei. Hätte man nicht für immer geschlossen, hätte La Sambuy jährlich 500.000 Euro Verlust schultern müssen. Die Liste der Wintersportorte in Europas Alpen, die in Mittellagen unterhalb von 2000 Metern ihre Liftanlagen abbauen, wächst.

In den internationalen Fachzeitschriften wimmelt es von Studien, die das Ende des Skifahrens unterhalb von 2000 Höhenmetern bis Ende des Jahrhunderts vorhersagen. In einer Studie des Centre National de Recherches Météorologiques in Grenoble, die im Fachblatt Nature Climate Change (2023) veröffentlicht wurde, untersuchten die Forscher die Schnee-Zukunft von 2234 Skigebieten in 28 europäischen Ländern bei einer Erderwärmung von bis zu vier Grad Celsius. Ergebnis: Bei 1,5 Grad mehr, darauf will die Weltgemeinschaft die Erwärmung begrenzen, herrsche in 32 Prozent der Gebiete Schneemangel, was sich durch künstliche Beschneiung auf 14 bis 26 Prozent begrenzen ließe. Aber sicher ist das nicht, denn es braucht ausreichend niedrige Temperaturen, damit Schneekanonen die Landschaft einweißen können. Bei drei Grad mehr, so die Studie, überlebe kein deutsches Skigebiet, bei vier Grad mehr seien praktisch alle Skigebiete von großer Schneeunsicherheit betroffen. Düstere Aussichten nicht nur für die Wintersportorte in den europäischen Alpen, sondern auch in den Anden, den Appalachen, den australischen, japanischen und neuseeländischen Alpen sowie in den Rocky Mountains.

Nationen betreiben keinen konsequenten Klimaschutz

Die Physik hat aber auch Überraschungen parat. Eine wundersame Wechselwirkung heißt verkürzt: mehr Erwärmung durch saubere Luft. Zuletzt hatte sich der Atlantik stark erwärmt. Weil die Treibstoffe für den internationalen Schiffsverkehr sauberer wurden, indem aus ihnen weitgehend der Schwefel verbannt wurde, fehlte dieser nun auf den Schifffahrtsrouten in den Emissionen der Riesendampfer. Schwefelaerosole kühlen, wie Vulkaneruptionen beweisen, jedoch die Atmosphäre, indem sie perfekt die Sonnenstrahlen zurück ins All reflektieren. So geriet eine Maßnahme für einen schwefelarmen Schiffstreibstoff in den Verdacht, die atlantische Erwärmung zu pushen.

Weil die Nationen keinen konsequenten Klimaschutz betreiben, mit dem Ausbau von Wind- und Sonnenenergie der Herausforderung hinterherhinken, die Wirtschaft weiter wachsen soll, den Wählern in den Demokratien nichts zugemutet werden soll und externe Schocks, wie Putins Angriffskrieg, die große Transformation behindern, gilt das von der 21. UN-Klimakonferenz 2015 in Paris beschlossene 1,5-Grad-Ziel inzwischen als realitätsfern. Selbst das Zwei-Grad-Ziel wackelt. Deshalb favorisiert die Politik nun Lösungen, die in Deutschland vor zwölf Jahren noch tabu und quasi verboten wurden.

Im Bundestag wurde kürzlich ein Gesetzentwurf verabschiedet, der es erlaubt, das CO2 bei der fossilen Energieproduktion abzuscheiden und in den Tiefen der marinen Erdkrume zu speichern. Diese Technik soll insbesondere bei der Stahl- und Zementherstellung eingesetzt werden, wo CO2-Emissionen schwer vermeidbar sind. „Greenwashing“ schimpfen die Umweltverbände. Ohne diese Richtungsentscheidung, so gestand Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck, seien „Deutschlands Klimaziele unmöglich zu erreichen“.

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