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Folgen der Flutkatastrophe: „Wir müssen die Menschen vorbereiten“

Folgen der Flutkatastrophe : „Wir müssen die Menschen vorbereiten“

Die Lage in den Hochwassergebieten ist aus hygienischer Sicht noch immer extrem angespannt. Gefahr geht nicht nur von Fleisch und verwesenden Tierkadavern aus, sondern auch von zerstörten Kläranlagen, verstopften Abwasserrohren und Müll. Der Bonner Wissenschaftler Martin Exner spricht über die Bedeutung der Hygiene in der Flutkatastrophe.

In dem Winzerdorf Mayschoß, das nach der Flut tagelang von der Außenwelt abgeschnitten war, mussten die Einwohner sich von ihren Fleischvorräten trennen. Zwei Metzgereien im Ort räumten sie leer, ebenso wie private Tiefkühltruhen. Eile war dringend geboten: Denn das Fleisch, das in normalen Zeiten zur Grundversorgung der Menschen zählt, wurde durch die Flut plötzlich zu einer gesundheitlichen Bedrohung. 

Die Lage in den Hochwassergebieten ist aus hygienischer Sicht noch immer extrem angespannt. Gefahr geht nicht nur von Fleisch und verwesenden Tierkadavern aus, sondern auch von zerstörten Kläranlagen, verstopften Abwasserrohren und Müll. Die Versorgung mit Trinkwasser muss in manchen Gegenden weiterhin über Tanks erfolgen.

Fäkal kontaminiertes Flusswasser kann zu weiteren Infektionskrankheiten führen

Mit Blick auf die zum Teil noch immer prekären hygienischen Bedingungen in den Flutgebieten plädiert der langjährige, heute emeritierte Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universitätsklinik Bonn, Professor Martin Exner, für eine besonnene  Einschätzung der Lage. So hält er die medial bereits kolportierte Gefahr eines Ausbruchs der Cholera für ausgeschlossen: „Dafür gibt es überhaupt keinen Anhaltspunkt“, sagt er dem General-Anzeiger. „Die Cholera braucht immer erst einen Ausscheider, der mit dem Erreger infiziert ist.“ Hingegen  könne es in den Überflutungsgebieten über fäkal kontaminiertes Flusswasser oder durch nicht  einwandfreies Trinkwasser oder verunreinigte Lebensmittel zu Magen-Darminfektionen, Wund- und Hautinfektionen, Hepatitis A sowie weiteren Infektionskrankheiten kommen. Bei Menschen, die kurz vor dem Ertrinken waren, könne auch eine sogenannte Aspirationslungenentzündung auftreten.

Exner, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene ist, rät dringend,  in den betroffenen Hochwassergebieten abgepacktes Flaschenwasser zu verwenden oder dem in Bad Neuenahr-Ahrweiler sowie in Altenahr und Adenau  gültigen Abkochgebot für Leitungswasser zu folgen: „Hierdurch werden alle relevanten Erreger abgetötet. Das setzt aber einwandfrei hygienisch  aufbereitete Trinkgefäße voraus.“ Beim Duschen solle sollte die Haut intakt sein und keine Wunden aufweisen. In sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern, Altenpflegeheime oder auch Kitas könnten Duschen mit anständigen Filtern ausgestattet werden, die Bakterien, Parasiten und Pilze sicher herausfiltern.

Wundinfektionen und Schlammfieber sind nicht auszuschließen

Vorsicht sei beim Kontakt mit Schlamm geboten, der fäkal stark belastet ist. „Bestimmte Bakterien - insbesondere Parasiten wie Cryptosporidien und Giardien als Durchfallerreger – können sogar über Monate hierin überleben“, sagt Exner. „Die gründliche Reinigung der Haut, insbesondere der Hände, ist  sehr wichtig.“ Schutzhandschuhe, die in Kontakt mit verwesenden Tierkadavern getragen wurden, müssen grundsätzlich sicher entsorgt werden. „Daher kommt der Müllbeseitigung und der Tierkadaverentfernung jetzt hohe Bedeutung zu. Ratten können mit unter anderem  Leptospiren infiziert sein.“

Dass sich Menschen bei Aufräumarbeiten kleinere Verletzungen zuziehen, kann ebenfalls zu einem Problem werden. Wundinfektionen und Schlammfieber (Leptospirose)  seien da nicht auszuschließen, mahnt der Hygieniker. „Notwendig sind daher Schutzkleidung, Gummistiefel und das Waschen der Kleidung. Wunden müssen immer abgedeckt und desinfiziert werden. Auch Desinfektionstücher für die Küche zur Reinigung von Flächen, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, seien von Bedeutung.

Zu den ganz wichtigen gesundheitlichen Präventionsmaßnahmen zählen Impfungen. Exner empfiehlt auch im Hinblick auf die Corona-Pandemie „möglichst eine Impfung für alle, die noch  nicht geimpft sind, in Kombination mit Hepatitis A, gegebenenfalls mit Tetanus-bzw. Polio -Auffrischung für diejenigen, die bei Aufräumarbeiten beschäftigt sind“.  

Kritische Gebiete wie enge Flusstäler müssen systematisch identifiziert werden

Exner mahnt, dass man aus der Flutkatastrophe einige wichtige Lehren ziehen sollte. „Der Klimawandel wird uns in Deutschland jetzt Hochwasser und Dürresituationen wie 2018  bringen“, sagt er. „Sie sind keine Jahrhundertereignisse mehr, sondern werden regelmäßig auftreten. Klimawandel ist bittere Realität geworden.“ Die Konsequenzen liegen für ihn klar auf der Hand: „Wir müssen die Bevölkerung darauf vorbereiten, wie in solchen Situationen zu handeln ist. Das müssen wir auch einüben. Denn die Überflutungen können jederzeit auch andere Regionen treffen. Wetterwarnungen müssen wir in Zukunft viel ernster nehmen.“

Der Wissenschaftler nennt ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die dringend geboten seien. So müsse man eine Überflutungsentlastung und -vermeidung planen, kritische Gebiete wie enge Flusstäler systematisch identifizieren. Man brauche angepasste Notfallpläne und strukturelle Maßnahmen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) mit Akademien in Ahrweiler  könnte seiner Überzeugung nach in Verbindung mit dem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in  Koblenz und der Universitätsklinik und Universität Bonn für Deutschland zu einem Nucleus werden.

Info: Ein ausführliches Merkblatt „Hygiene bei Flutkatastrophen“ stellt die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene auf ihrer Homepage unter www.krankenhaushygiene.de zur Verfügung.