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Interview mit Ärztepräsident Klaus Reinhardt: „Wissenschaftliche Faktenlage zu Masken ist nicht eindeutig“

Interview mit Ärztepräsident Klaus Reinhardt : „Wissenschaftliche Faktenlage zu Masken ist nicht eindeutig“

Klaus Reinhard ist das Sprachrohr der deutschen Ärzteschaft. Mit Eva Quadbeck sprach er über den Kampf gegen Corona, über das Für und Wider der Test- und Maskenpflicht sowie die Impfaussichten.

In NRW beginnt am Mittwoch die Schule. Halten Sie Maskenpflicht im Unterricht während der Corona-Pandemie für sinnvoll?

Klaus Reinhardt: Eine Maskenpflicht im Unterricht halte ich nur dann für sinnvoll, wenn es sich absolut nicht einrichten lässt, dass man mit Abstand und gut belüftet den Unterricht abhält. Die Masken sind insbesondere bei dem heißen Wetter auch eine physische Belastung für die Kinder und Jugendlichen. Auch für die soziale Interaktion zwischen den Kindern wie auch zwischen Kindern und Lehrkräften sind Masken hinderlich. Dabei zählt die Mimik, die ja in maskiertem Zustand nicht zu erkennen ist.

Was macht es mit dem Körper von Kindern und Jugendlichen, wenn man den ganzen Tag unter einer Maske atmen muss?

Reinhardt: Das kann man an sich selbst beobachten: Man fängt an zu schwitzen, die Brille beschlägt, es juckt, man fasst sich ständig an die Nase. Deshalb sollte man mit Pragmatismus dazu kommen, dass man die Maske trägt, wenn dies erforderlich ist. Die Schweden hatten durchgängig Schule während der Corona-Zeit. Das war aber nicht der Grund, warum sie im Verhältnis zur Bevölkerungszahl höhere Krankheitszahlen hatten und mehr Todesopfer beklagen mussten als wir. Das lag im Wesentlichen an dem nicht ausreichenden Schutz in Alteneinrichtungen. Schweden verzeichnet nun einen erheblichen Rückgang an neuen Infektionszahlen – ohne weitere Maßnahmen. Während Italien und Spanien, wo sehr früh Masken getragen wurden, keine besseren Zahlen haben. Kurzum: Die wissenschaftliche Faktenlage zu den Masken ist nicht einheitlich.

Wie gut schützen die Masken, wenn die Kinder sie immer wieder in die Hände nehmen und in Schul- oder Hosentasche stecken?

Reinhardt: Eine Maske, die nicht sauber ist und die andere Keime enthält, ist unter Umständen schädlicher als nützlich.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Lehrer nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen?

Reinhardt: Selbstverständlich habe ich Verständnis, wenn ältere Lehrer mit Vorerkrankungen Angst davor haben, sich mit Corona zu infizieren. Dafür brauchen die Schulen entsprechende Schutzmaßnahmen. Auf der anderen Seite gibt es viele andere Berufe mit vielen Sozialkontakten, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Auch diese Menschen haben ein erhöhtes Risiko, sich mit Corona zu infizieren. Auch sie gehen zur Arbeit und erledigen ihre Aufgabe. Das kann man auch Lehrern abverlangen.

Kann in Räumen, in denen sich Fenster nicht öffnen lassen, überhaupt unterrichtet werden?

Reinhardt: Definitiv nicht. Auch außerhalb von Corona-Zeiten sollte in Räumen, in denen sich kein Fenster öffnen lässt, kein Unterricht stattfinden.

Reicht die Testpflicht für Rückkehrer aus Risiko-Gebieten aus?

Reinhardt: Ja, das reicht aus. Es gibt natürlich einen kleinen Prozentsatz, der infiziert aus dem Urlaub zurückkehrt, aber bei dem sich wegen einer frischen Infektion die Viren in einem Abstrich noch nicht nachweisen lassen. Ich plädiere für ein pragmatisches Vorgehen, auch wenn ein gewisses Restrisiko bleibt: Man sollte es bei dem einmaligen Test belassen.  Der Aufwand für einen zweiten Test wäre sehr groß, der Prozentsatz der Menschen, die trotz bereits erfolgter Ansteckung nicht erfasst werden, ist sehr gering. Wir werden leider nicht jede Form von Ansteckung unterbinden können.

Andere Rückkehrer können sich freiwillig testen lassen. In welchem Umfang wird das wahrgenommen. Sind die Arztpraxen überlaufen?

Reinhardt: Die Menschen nehmen diese Möglichkeit zahlreich wahr – auch jene, die sich keinen großen Risiken ausgesetzt haben. Wir erleben in unseren Praxen viele Menschen, die sehr verunsichert sind. Um eine Überforderung der niedergelassenen Ärzte zu vermeiden, sollten die Tests besser und einheitlicher organisiert werden. Das systematische Screening muss aus der Regelversorgung herausgenommen werden. Das ist auch mit Blick auf die im Herbst zu erwartenden saisonalen Infekte dringend geboten. Wenn massenhaft Corona-Test-Patienten und Patienten mit saisonaler Grippe in den Hausarztpraxen aufeinandertreffen, wird das für die Kollegen nicht mehr zu schaffen sein.  Reihentestungen zum Beispiel von Reiserückkehrern sollten deshalb ausschließlich und bundesweit in Testzentren durchgeführt werden. In den Zentren hat man Teams, die ständig Schutzkleidung tragen und nichts anderes tun, während die Tests in den Hausarztpraxen sehr aufwändig sind. Wenn ein Patient mit Symptomen in eine Praxis kommt, ist es selbstverständlich, dass auch die Hausärzte testen.

Konnten alle anderen Material-Engpässe beseitigt werden?

Reinhardt: Einfache Antwort: Ja.

Die Ärzteschaft in Praxen und Kliniken ist seit einem halben Jahr im Ausnahmezustand. Wie ist die Stimmung aktuell?

Reinhardt: Die Ärzte sind aus gutem Grund stolz darauf, dass sie den Corona-Ausbruch in Deutschland so gut bewältigen konnten Aber natürlich waren die letzten Monate für sie und für ihre Mitarbeiter extrem belastend, zumal es zu Beginn der Pandemie viel zu wenig  Schutzausrüstung gab. Deshalb ist auch Kritik berechtigt und geboten – die sollte aber immer mit einem konstruktiven Blick nach vorne gerichtet sein. Es gibt im Übrigen auch Kollegen, die von Corona nicht direkt betroffen waren, denen aber während des Lockdowns die Patienten fehlten. Das ist natürlich eine frustrierende Erfahrung. Diese Kollegen machen zu Recht darauf aufmerksam, dass es neben Corona natürlich auch darum geht, die vielen Menschen mit schweren anderen ernsthaften Erkrankungen angemessen zu versorgen. Und es gibt natürlich auch Ärzte in den Praxen, die sich intensiv und sehr zeitaufwendig mit Patienten befassen müssen, die sich ohne Anlass, allein aufgrund der Sorge, die sich aus der öffentliche Diskussion und vor allem Spekulation ergibt, beim Arzt testen lassen wollen. Dass die Leute verunsichert sind, liegt auch an fehlender Geschlossenheit und Abgestimmtheit von Politik und Behörden im Vorgehen.

Im Moment besteht die Hoffnung, dass es um die Jahreswende einen Impfstoff gibt. Wie lange dauert es eigentlich, bis ein Volk von 82 Millionen Bürgern durchgeimpft ist?

Reinhardt: Man muss und wird nicht darauf setzen, sofort eine Herdenimmunität zu erreichen. Man wird zuerst medizinisches Personal und Risiko-Gruppen impfen, also ältere Menschen und die mit Vorerkrankungen. Dann müssen Menschen geimpft werden, die in Berufen mit viel Sozialkontakten arbeiten, zum Beispiel Lehrer, Erzieher, Verkäufer, Kellner, Beamte mit Publikumsverkehr. Wenn das gelingt, hat man einen wesentlichen Teil abgedeckt und könnte damit das Infektionsgeschehen in den Griff bekommen.