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Harsche Kritik im Bundestag: Wolf Biermann nimmt sich sein Rederecht

Harsche Kritik im Bundestag : Wolf Biermann nimmt sich sein Rederecht

Der einstige DDR-Liedermacher Wolf Biermann war zum Singen eingeladen und nutzt die Gelegenheit für harsche Kritik an der Linken.

Eigentlich sollte er nur singen. Doch Wolf Biermann ist kein Sänger, er ist Liedermacher, noch dazu ein sehr politischer. Und als solcher hat er eine Meinung. Erst recht an einem Tag wie diesem und an einem Ort wie diesem. Plenum Bundestag. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte bei seiner Einladung des Liedermachers Wolf Biermann nicht damit gerechnet, dass diese Veranstaltung ihre ganz eigene Dynamik entwickeln würde.

Biermann nutzte die Gedenkstunde unter dem Titel "Friedliche Revolution - 25 Jahre nach den Mauerfall", um abzurechnen. Denn die anwesenden Linken, darunter auch Fraktionsvorsitzender Gregor Gysi, bezeichnete er in seiner knappen Ansprache als weder links noch rechts, "sondern reaktionär". Diejenigen, die heute im Parlament sitzen, seien "der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist."

Knappe 40 Jahre hat er wohl auf diese Gelegenheit gewartet: 1976 wurde der heute 77-Jährige aus der DDR ausgebürgert. Als Grund wurde Biermanns Kritik an der SED-Diktatur während eines Konzerts in Köln genannt. Schon vorher hatte die DDR-Mächtigen den kritischen Musiker mit einem Auftritts- und Publikationsverbot schikaniert.

Gestern war die Gelegenheit für Klartext gekommen. Unaufgeregt hatte sich der Mann vor dem Auditorium mit seiner Gitarre platziert. Hinter ihm Lammert, vor ihm die Stenographen und links von ihm die Mitglieder der Partei Die Linke. Nicht alle Plätze waren besetzt. Die Partei hatte nicht gewollt, dass Biermann singt, weil sie sich als SED-Nachfolgepartei von ihm kritisiert fühle.

Ihre Ablehnung sollte nicht unbegründet sein. Nach einem Gitarrenintermezzo und ein paar einleitenden Worten, legte Biermann in Richtung der Abgeordneten los. "Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse", sagte er zu Beginn. "Aber das kann ich nicht liefern. Mein Beruf war doch Drachentöter." Die Linken-Politiker seien "Reste der Drachenbrut".

Lammert ahnte wohl was kommen sollte. "Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt werden, dürfen Sie hier auch reden", versuchte er den Redefluss des Sängers zu unterbrechen. "Heute sind Sie zum Singen eingeladen." Aber Biermann wäre nicht Biermann, wenn er sich durch einen Hinweis auf die Geschäftsordnung des Bundestags irritieren lassen würde. "Natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt. Und das werde ich hier schon gar nicht tun", quittierte er die Ansprache. Die Anwesenden applaudierten. Startschuss für seine donnernde Kritik, die mit dem Lied "Ermutigung", ein Wunsch Lammerts, abschloss.

Genauso unaufgeregt, wie er gekommen war, setzte sich Biermann zehn Minuten später wieder auf den eigens für ihn in den Saal platzierten Stuhl zwischen dem Platz des Sitzungspräsidenten und der Bundesratsbank. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Stellvertreter Sigmar Gabriel eilten anschließend zu ihm, wechselten ein paar Worte und schüttelten ihm die Hand. Erst als Lammert auf die Tagesordnung verwies, nahmen sie wieder ihre Plätze ein.

Es ging weiter nach Protokoll. Gerda Hasselfeldt (CDU/CSU), Iris Gleicke (SPD) und Katrin Göring-Eckhart (Bündnis 90/Die Grünen) erinnerte sich in zum Teil sehr emotionalen Reden an "damals" und die Folgen der Teilung. Auch Gysi sonst zu jedem Angriff bereit widerstand Biermanns Provokationen und verzichtete auf einen Gegenangriff. Als habe er Wolf Biermann nicht zugehört.

Biermanns Attacke war nicht der Plan des Bundestagspräsidenten gewesen. Denn mindestens ganz Berlin schwelgt in den schönen Erinnerungen des Mauerfalls und putzt sich für den historischen Jahrestag heraus. Sie erinnern sich an jene Bilder, die Trabikolonnen und zahlreichen glückliche Gesichtern zeigen. Die, die den "Jubel, Jubel, Jubel", wie Lammert die Erinnerungen in seiner Rede im Bundestag beschrieb, für die Ewigkeit festhalten.