NSU-Prozess Zschäpes Auftritt strotzt vor Selbstbewusstsein

München · 13 Jahre nach dem ersten Mord der Terrorgruppe NSU hat nun in München der Prozess gegen Beate Zschäpe begonnen. Die wegen zehnfachen Mordes Angeklagte zeigte sich dabei von der Begegnung mit den NSU-Opfern nicht beeindruckt.

 Alle Kameras sind vor Beginn des NSU-Prozesses auf die Angeklagte Beate Zschäpe gerichtet. Sie ist umgeben von ihren Anwälten Wolfgang Stahl (von links), Wolfgang Heer und Anja Sturm.

Alle Kameras sind vor Beginn des NSU-Prozesses auf die Angeklagte Beate Zschäpe gerichtet. Sie ist umgeben von ihren Anwälten Wolfgang Stahl (von links), Wolfgang Heer und Anja Sturm.

Foto: dpa

Es ist ein friedlicher Morgen. Die Vögel zwitschern und die Luft duftet noch nach dem Regen, der in der Nacht über der Stadt an der Isar gefallen war. Halb fünf zeigt die Uhr, als sich die zwei Warteschleusen vor dem Justizpalast - eine für Journalisten, eine für Bürger - langsam zu füllen beginnen. Einer jedoch war schon viel früher da als alle andere: Es ist der Münchner Malermeister Helmut S. Der 68-Jährige wartet schon seit Sonntagmittag um 13.30 Uhr geduldig vor dem Eingang am Oberlandesgericht München auf Einlass zum NSU-Prozess.

"Ich will unbedingt verhindern, dass die Neonazis hier reinkommen. Dann lieber ich", bekennt der rüstige Antifaschist mit dem Bayerischem Zungenschlag. An Schlafen oder Sitzen war den ganzen Tag und die ganze Nacht über nicht zu denken. Denn schon ab 16 Uhr gesellten sich weitere Bürger zu Helmut S. Gegen den Hunger ist er jedoch bestens gerüstet. In einem blauen Jutesäckchen befinden sich 400 Gramm Wurst, vier Semmeln, acht Nussschnecken und jede Menge Kaffee. Vorgedrehte Zigaretten einer preisgünstigen No-name-Marke, von denen hatte er 120 dabei gehabt.

Jetzt um halb fünf sind es noch 60. Die andere Hälfte liegt als Kippen unten am Boden zwischen den gelben Absperrungen. Und wenn er mal einem Bedürfnis nachgehen musste? "Dann bin ich einfach um die Ecke dort", zeigt Helmut S. auf ein Gebüsch, das sich neben dem Eingang zum Gericht befindet.

Gegen sieben Uhr, als immer mehr Kamerateams von den zahlreichen Morgen-TV-Shows von ARD bis ZDF eintreffen, ist der Malermeister mit der dicken braunen Cordjacke, dem fahlen Gesicht und der Raucherstimme schon ein waschechter Medienstar. Jeden von den Hunderten wartenden Journalisten hat die Kunde vom ersten seit Montag 13.30 Uhr wartenden Besucher erreicht und alle interviewen sie ihn nun hintereinander. Ein paar Stunden später, um kurz nach zehn, als die Hauptangeklagte Beate Zschäpe (38) in den Schwurgerichtssaal am OLG geführt wird, sitzt Helmut S. im Zuschauerbereich neben einem Herrn, der sein Opernglas mitgebracht hat, mit dessen Hilfe er jede Mimik, jede Gestik, jedes kontrolliert oder unkontrollierte Nasenrümpfen der Beate Zschäpe studiert.

Und die Mimik und Gestik, die der Prozessbeobachter durch sein schwarzes Opernglas erspäht, ist gelöst und entspannt. Die mutmaßliche Terroristin lacht und scherzt vor den grimmig und entrüstet dreinblickenden 80 Opfer-Angehörigen, die als Nebenkläger auftreten und deren Gesichter und Blicke im besten Falle Unverständnis ausstrahlen. Unverständnis darüber, wie eine des zehnfachen Mordes Angeklagte vor den Opferangehörigen so unbeschwert auftreten kann.

Fast könnte man meinen, so fröhlich, heiter, locker, der ganzen Welt offen zugewandt und vor Selbstbewusstsein strotzend wie Zschäpe den Schwurgerichtssaal betritt, dass hier eine Darstellerin eine Bühne betritt. Und wenn es ein Helmut S. in den 15 Stunden seines Anstehens vor dem Gericht schon zu einem lokalen Medienstar schafft, dann ist Zschäpe in den 20 Monaten, die seit dem Auffliegen des NSU vergangen sind und in denen unzählige Coverstorys über sie erschienen sind, schon zu einem Megastar geworden und ihr Gesicht zu einer Ikone der Massenmedien. Und je mehr sie sich an diesem Morgen, der schon seit Wochen und Monaten zu dem sehnlichst erwarteten Beginn eines historischen Prozesses hochgeschrieben wurde, den Fotografen entzieht, umso mehr verrenken sich die Fotografen und suchen nach Wegen, um ein Foto von ihr zu bekommen.

Zschäpe betritt nämlich mit dem Rücken zu den Fotografen die große Bühne des Schwurgerichtssaals und wird sich nicht ein einziges Mal herumdrehen zu den Dutzenden Pool-Fotografen und Kameramännern in der Mitte des Saals. Erst als die Bildjournalisten auf Anweisung des Richters den Saal verlassen müssen, wird die Hauptdarstellerin Zschäpe sich umdrehen. Als daher immer mehr Fotografen durch die Bänke und über die Stühle der Sachverständigen, Nebenkläger, Dolmetscher und Protokollanten zu turnen beginnen, um auf Neben- und Umwegen zumindest ein Profilbild der Zschäpe zu bekommen, da bilden ihre Anwälte Stahl, Heer und Sturm (ja, die heißen wirklich so) eine Burg um sie. Bis einige der 30 uniformierten Polizisten im Saal dem Trio Stahl, Heer und Sturm zur Hilfe eilen und die Fotografen deutlich und lautstark zurückweisen. Den anderen vier "wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung" (und nicht etwa wegen Mord!) Angeklagten, so steht es auf dem offiziellen Aushang des Gerichts vor seinem Eingang, ist ihre Erleichterung deutlich anzumerken, dass nicht sie es sind, die all' die Aufmerksamkeit der Bildjournalisten auf sich ziehen.

Da ist der NDP-Funktionär Ralf W. (38), der hochkonzentriert und von all' dem Wirbel um sich herum unberührt bleibt und in Seelenruhe Akten studiert. Er trägt einen Kurzhaarschnitt und ein elegantes Hemd mit anthrazitfarbigen Streifen. Da ist der Neonazi Carsten S. (41), der seine beiden Hände ineinanderlegt, als wolle er beten. Er sieht mit seinem hellblauen Hemd und dem schwarzen bis in die Stirn fallenden Haar jünger aus als Anfang 40. Das ist der angebliche Aussteiger aus der rechtsradikalen Szenen, Holger G. (38), der ein dunkelblaues Sakko zu hellblauer Jeans trägt und unbeweglich hinter der Anklagebank sitzt. Und da ist die wuchtige Erscheinung des Neonazis André E. (33), der seine Arme vor der Brust verschränkt. André E., dessen Handknochen an beiden Händen (intermediale Phalangen, wie der korrekte medizinische Ausdruck heißt) mit hässlichen Vokabeln tätowiert sind. Aber diese vier Herren sind neben der aparten Nazi-Braut nur die Statisten im Stück NSU-Prozess, das der Vorsitzende Richter am OLG, der Intendant dieser Bühne, an diesem Montagvormittag angesetzt hat.

In einer der vielen Verfahrenspausen, in denen sich ebenfalls alle Blicke auf Zschäpe richten, gibt der Focus-Reporter Göran S. (45) folgende Beobachtung aus dem Gerichtssaal an die Redaktion durch: "Anwalt Heer reicht ihr eine Dose mit Lutschpastillen. Zschäpe greift zu."

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort