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Kommentar zur OECD-Bildungsstudie: Zu große Erwartungen

Kommentar zur OECD-Bildungsstudie : Zu große Erwartungen

Die Deutsche Bildungslandschaft ist nicht so schlimm, wie man denkt. Trotzdem erwarten viele Eltern, dass die Erziehung ihrer Kinder von den Lehrern miterledigt wird, kommentiert GA-Korrespondentin Rena Lehmann.

Die deutsche Bildungslandschaft ist doch nicht so katastrophal, wie man in diesem Bundestagswahlkampf manchmal annehmen könnte. Mehr junge Menschen als noch vor zehn Jahren studieren, in kaum einem anderen Land finden so viele junge Menschen nach Schule, Ausbildung und Studium einen Arbeitsplatz. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Wirtschaft brummt und Arbeitskräfte gefragt sind. Aber die steigende Zahl von hoch Qualifizierten im Bereich Naturwissenschaften spricht dafür, dass in Kitas und Schulen nicht alles drunter und drüber geht. Hysterie hat im immer hoch ideologisch aufgeladenen Bildungsstreit nie gutgetan. Sie ist auch jetzt nicht angebracht.

Die Parteien, allen voran FDP und SPD, haben das Thema trotzdem zum Inhalt des Wahlkampfs gemacht. Sie mahnen an, dass es Eltern egal ist, wer die Sanierung einer maroden Turnhalle bezahlt. Oder wer die Laptops finanziert, mit denen Schüler auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet werden könnten. An solchen Investitionen kann sich der Bund allerdings schon jetzt beteiligen, ohne dass das Bildungssystem im Grundsatz infrage gestellt werden müsste. Er muss es nur auch wirklich tun.

Wer viel mit Eltern von Schülern spricht, gewinnt den Eindruck, dass manche Schulen den Anschluss zu verlieren drohen. In einer komplexer werdenden Welt werden Kinder und Jugendlich zu wenig auf das „wahre Leben“ vorbereitet. Noch immer lernen sie Latein und manchmal Griechisch, wissen aber nicht, was eine gesetzliche Krankenversicherung ist. Sie können Gedichte interpretieren, aber keine Steuererklärung machen. Sie können Facebook bedienen, aber keine wissenschaftliche Quelle für einen Aufsatz im Internet finden.

Hinzu kommt, dass offenbar immer mehr Eltern von der Schule ein Rundum-Sorglos-Paket erwarten. Die Erziehung zum verantwortungsbewussten Bürger soll von den Lehrern gleich noch miterledigt werden. Schule und manchmal auch schon der Kindergarten werden mit Erwartungen überfrachtet. Nun hat die OECD-Studie auch ergeben, dass Lehrer in Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich gut bezahlt werden. Man darf ihnen etwas abverlangen. Allen Ansprüchen wird aber auch der beste Lehrer am Ende nicht gerecht werden können.

Hilft bei all diesen Fragen eine Auflösung des Kooperationsverbots? Eher nicht. Die Gefahr besteht, dass im Zuge der Vereinheitlichung auch gut Funktionierendes unter die Räder kommt. Außerdem hat der Wettbewerb unter den Bundesländern immer gutgetan. Und auch wenn der Bund die Verantwortung für Schulsystem und Bildungsinhalte übernehmen würde, wären Eltern, Lehrer und Schüler nicht vor Experimenten gefeit. Spätestens alle vier Jahre würde eine neue Bundesregierung genauso mit neuen Ideen aufwarten wie es jetzt die Landesregierungen tun.