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Nachhaltigere Agrarpolitik: „Zukunftskommission“ will die Landwirtschaft verändern

Nachhaltigere Agrarpolitik : „Zukunftskommission“ will die Landwirtschaft verändern

Die Bundesregierung hat an diesem Montag die unabhängige „Zukunftskommission“ für die Landwirtschaft gestartet. Rund 30 Experten wollen die Agrarpolitik nachhaltiger gestalten. Die Erwartungen sind hoch.

Der Name weckt höchste Erwartungen. Er ist so umfassend, dass man an etwas ganz Großes glauben möchte. An die Quadratur des Kreises zum Beispiel. Zumindest aber ist es eine Herkulesaufgabe und Sisyphusarbeit. Nach der Ethik- und der Kohlekommission hat die Bundesregierung am Montag die unabhängige „Zukunftskommission“ für die Landwirtschaft gestartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel war dabei und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (beide CDU) sowie Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Die beiden Ministerinnen geraten inhaltlich immer mal wieder aneinander. Jetzt wollen sie aber an einem Strang ziehen. Der Zukunft zuliebe.

„Dass unsere Land- und  Ernährungswirtschaft umweltverträglicher werden muss, daran führt kein Weg vorbei, sagt Schulze. „Damit die junge Generation bereit ist, auch weiterhin die Höfe ihrer Eltern und damit viel Arbeit zu übernehmen, brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens, eine Art Befriedung“,  sagt Klöckner.

Es geht um die Arbeit der Bauern in Deutschland, die nur noch selten etwas mit Romantik zu tun hat. Der idyllische Hof mit frei laufenden Hühnern und einer sicheren Ernte ist eher etwas aus dem Märchenbuch. Preiskampf, Dürren, Hagel, Pestizide auf den Feldern, Enge im Stall, ständig neue Vorschriften, Digitalisierung ohne Breitbandausbau, Geiz-ist-geil-Mentalität bei Supermärkten und Verbrauchern – der Beruf Bauer ist selbst für Söhne und Töchter unattraktiv, die den Hof der Eltern übernehmen könnten. Große Betriebe machen die kleinen platt. Wer nach zehn Monaten Aufzucht für das Schwein nur 20 Euro mehr bekommt als er investiert hat, muss entweder Hunderte oder besser Tausende Ferkel halten – oder über kurz oder lang schließen. Metzger wollen junge Leute ungern werden, die alten bekommen keine Fachkräfte mehr, kleine Metzgereien schließen. Die Massentierhaltung und Schlachtbetriebe stehen ihrerseits unter internationalem Konkurrenzdruck und geben diese an die Politik weiter: Bei zu vielen Auflagen könnten sie auch das Chinageschäft ausbauen und den Standort Deutschland vernachlässigen. Der Kreis schließt sich, aber nicht im Quadrat.

Mehr Tierwohl und Klima- und Umweltschutz kosteten auch mehr Geld

Rund 30 Experten aus der Ernährungsbranche, Landwirtschaft, Wissenschaft, aus dem Handel,  Umweltschutz, Verbraucherschutz und Tierschutz arbeiten nun in einer Gruppe. Am Montag ging es zunächst um ihre Arbeitsweise und Fahrplan und  Zeitplan. Im Herbst soll es einen Zwischenbericht geben, spätestens im nächsten Sommer – vor der Bundestagswahl – sollen die Ergebnisse vorlegen. Sie sollen nachhaltig sein – ökologisch und wirtschaftlich tragfähig, sozialverträglich und gesellschaftlich akzeptiert für eine Landwirtschaft mit einer heimischen Produktion auch noch in 30, 40 Jahren. Tierwohl, Ackerbau, Düngemittel, Pflanzenschutz sollen berücksichtigt werden. An der „Zukunftskommission“ beteiligte Verbände, darunter Greenpeace, der Tierschutzbund und der BUND, versprühen bei aller kritischen Haltung Zuversicht. Sich dazu zu bekennen, aufeinander zuzugehen, sei der Kompromiss des Tages, sagt etwa Bauernverbandsvizepräsident Werner Schwarz.

Die alles entscheidende Frage aber wird das Geld sein. Klöckner beklagt: „In Deutschland sind Lebensmittel häufig viel zu günstig.“ Die Deutschen gäben weniger als zehn Prozent ihres Einkommens für Mittel zum Leben aus. Davon müssten aber  auch die Bauern leben können. Mehr Tierwohl und Klima- und Umweltschutz kosteten auch mehr Geld. Wenn das die Landwirte alleine tragen müssten, „dann schneidet man sich ins eigene Fleisch“. Ein Teil der Experten mahnte dem Vernehmen nach bereits entsprechend, weniger Dünger bedeute weniger Ertrag, weniger Pflanzenschutzmittel ebenso.