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Tag gegen Lärm: Die laute Gefahr für die Gesundheit

Tag gegen Lärm : Die laute Gefahr für die Gesundheit

Der Altbau der Familie Tack aus Königswinter liegt zentral, der Blick ist unverbaut auf den Drachenfels und den Petersberg. Eine Topimmobilie, wäre da nicht dieses eine Manko. "Der Zug ist unser ständiger Nachbar", sagt Christian Tack.

Die Gleise sind gerade einmal 15 Meter entfernt, Hunderte Züge scheppern hier Tag und Nacht vorbei. Eine Lautstärke von 75 Dezibel erreicht ein solcher Zug schnell, über 90 Dezibel wurden hier auch schon gemessen. Lärm ist in der heutigen Zeit allgegenwärtig, ein Moment der absoluten Stille kaum noch zu erreichen. Irgendwo klingelt immer ein Handy, das Brummen des Verkehrs auf der Straße ist ein steter Wegbegleiter im Alltag. Auf die Folgen der dauerhaften Belastung will der Tag gegen Lärm heute aufmerksam machen und für das Problem sensibilisieren.

"In den letzten Jahren hat die Zahl der Züge, vor allem der lauten Güterzüge, zugenommen", sagt Christian Tack. Ein gekipptes Fenster nachts sei nicht möglich. Durch die Vierfachverglasung lasse es sich im Haus gut leben, Unterhaltungen mit Nachbarn vorm Haus müssen dagegen immer wieder für einen vorbeifahrenden Zug unterbrochen werden.

Trotz des passiven Schallschutzes werden sie immer wieder nachts aus dem Schlaf gerissen, wenn ein besonders lauter Güterzug vorbeirauscht. "Die Bürger müssen vor dem kommerziellen Güterverkehr geschützt werden", findet Tack.

Zustimmung erhält er von Gerd Kirchhoff, Vorsitzender des Vereins BIN gegen Bahnlärm und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm. Um bis zu zehn Dezibel lasse sich der Lärm durch eine Umrüstung der Wagen verringern.

Einen Erfolg konnte die Vereinigung schon erreichen: Im Koalitionsvertrag ist ein Passus enthalten, der die zügige Umrüstung der 180.000 Güterwagen auf sogenannte "Flüsterbremsen" fordert und Geschwindigkeitsbegrenzungen und Nachtfahrverbote ab 2016 androht, sofern bis dahin nicht die Hälfte der Wagen umgerüstet ist.

Eine Umfrage des Umweltbundesamtes ergab 2012, dass über 50 Prozent der Befragten im Wohnumfeld vom Lärm des Straßenverkehrs gestört werden, ein Drittel vom Schienenverkehr, rund ein Fünftel der Befragten fühlt sich durch Fluglärm gestört.

"Besonders Lärm in der Nacht ist nicht nur störend, sondern gesundheitsschädigend. Betroffen sind vor allem Anwohner im Umfeld des Flughafens, die erheblichem nächtlichem Lärm ausgesetzt sind", sagt Claudia Wieja, Vorsitzende der Fluglärmkommission am Flughafen Köln/Bonn. Es bleibe unverständlich, warum die Regierung nicht wenigstens das sofort mögliche Verbot der nächtlichen Passagierflüge umsetze.

Um Maßnahmen gegen den ständigen Umgebungslärm zu ergreifen, gibt es in den Städten einen Lärmaktionsplan. "Sich wehren und sich beteiligen, beispielsweise bei den Lärmaktionsplänen, ist ein wichtiger Schritt zur Bewältigung des Problems", sagt Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik, die den Tag gegen Lärm in Deutschland initiiert hat.

Dass sich vor allem die Anwohner viel befahrener Hauptverkehrsachsen in Köln Flüsterasphalt und Geschwindigkeitsreduzierungen wünschten, hat niemanden erstaunt. Überrascht hat die Stadt vor allem die große Zahl der Bürgervorschläge zum städtischen Lärmaktionsplan. Nach der Sommerpause will die Verwaltung konzeptionelle Überlegungen in die politischen Gremien einbringen.

Die Geräuschbelastung allgemein habe in den vergangenen Jahren jedoch abgenommen, betont Jäcker-Cüppers. Das liege auch daran, dass viele Lärmschutzmaßnahmen umgesetzt worden seien. Lärm kann aber schwere Folgen hervorrufen, schon weit unter der Schmerzschwelle. "Wenn eine Person lange dem Lärm ausgesetzt ist, beispielsweise zehn Jahre an einer viel befahrenen Straße lebt, gibt es eine Risikoerhöhung für gesundheitliche Schäden wie etwa einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall", sagt er.

Dass Lärm vor allem subjektiv wahrgenommen wird, zeigen immer wieder Open-Air-Veranstaltungen. Zu laut befanden Anwohner die Konzerte auf dem Bonner Kunst!Rasen. Das Verwaltungsgericht Köln gab im Oktober der Klage von Grundstückseigentümern aus Beuel statt, die gegen die Baugenehmigung des Kunst!Rasens vorgingen. Die nachbarlichen Interessen seien nicht hinreichend berücksichtigt worden, so die Begründung.

Auch bei der Klangwelle auf dem Münsterplatz beschwerten sich zwei Bürger wegen Ruhestörung, die Lautstärke musste gesenkt werden. "Die Menschen sind empfindlicher geworden, das Stressniveau hat allgemein zugenommen. Und gestresste Menschen können Lärm weniger ab", erklärt Jäcker-Cüppers.

Dies betrifft auch den Bereich des Nachbarschaftslärms. Rund 70 Prozent aller Lärmbeschwerden in Bonn sind auf Privatlärm in Wohnungen zurückzuführen, also beispielsweise zu laute Musik. Privatlärm wird durch die Städte und Gemeinden geregelt. Darin inbegriffen ist beispielsweise auch die Benutzung von Rasenmähern, die in Bonn und Köln montags bis samstags von 7 bis 20 Uhr erlaubt ist. Gegen Kinderlärm geht das Ordnungsamt in der Regel jedoch nicht vor.

Bei Familie Tack aus Königswinter wird der Zug auch am heutigen Tag gegen Lärm wieder ein lautstarker und ständiger Nachbar sein. Doch nicht nur der Lärm ist ein Problem "Wir müssen unseren Sekt auf Schaumstoff lagern, sonst platzen uns die Flaschen", sagt Christian Tack und beschreibt dabei die Erschütterungen, wenn ein Zug am Haus der Familie vorbeirast. Einen Tag gegen Erschütterungen gibt es jedoch noch nicht.