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Inklusion in den USA: Gemeinsamer Unterricht ist seit den 70er Jahren selbstverständlich

Inklusion in den USA : Gemeinsamer Unterricht ist seit den 70er Jahren selbstverständlich

Es war Ende der 60er-Jahre, als Janet Taggart hoch oben an der amerikanischen Westküste im Bundesstaat Washington ihre Tochter Naida im Kindergarten anmelden wollte.

Weil das Mädchen an zerebraler Kinderlähmung litt, ging Taggart leer aus: "Hier ist kein Platz für geistig Behinderte", sagte man ihr, "geben Sie ihre Tochter doch in eine Anstalt." Janet Taggart wollte keine Anstalt für ihr Kind. Sie wollte Normalität, so gut es geht.

Gemeinsam mit drei anderen Müttern stritt die resolute Frau monatelang für ein lokales Gesetz, das "Bildung für alle" hieß und 1971 in Kraft trat. Es war der Vorläufer zu einem vier Jahre später landesweit verabschiedeten Regelwerk, das seither in Amerika dem gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern verpflichtet ist und über die Jahre mehrfach präzisiert wurde.

Heute gilt der "Individuals with Disabilities Education Act", kurz IDEA, etwa "Bildungsgesetz für Menschen mit Behinderungen", als international vorbildlich, wenn es um die Belange von knapp 6,5 Millionen blinden, tauben, verhaltensgestörten, körperlich oder geistig behinderten jungen Menschen geht.

Nach den Buchstaben des Gesetzes werden sie von der Früherkennung im Alter von unter zwei Jahren bis zum Hochschulreife-Alter individuell betreut. Die wichtigste Maßgabe besagt, dass jedes einzelne Kind in der "am wenigsten einschränkenden Umgebung" und bis "zur maximalen Angemessenheit" mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden muss. Muss, nicht kann.

Auch wenn Bundesgesetze von den einzelnen Bundesstaaten und dort von den jeweiligen Distrikten traditionell unterschiedlich gehandhabt werden, ist nach Statistiken des Erziehungsministeriums in Washington der gemeinsame Unterricht für 95 Prozent der 6- bis 21-Jährigen mit Behinderungen in regulären öffentlichen Schulen heute Normalität.

Vor 1975 hatten Millionen behinderte Kinder und Jugendliche entweder gar keinen Zugang zum öffentlichen Schulsystem. Oder sie wurden in staatlichen Verwahranstalten gehalten, die nur ein pädagogisches Schmalspurprogramm vorhielten.

In internationalen Statistiken macht sich die über vier Jahrzehnte währende Erfahrung mit dem, was in Deutschland unter dem Begriff Inklusion diskutiert wird, bezahlt. Das integrative Modell führt wesentlich mehr behinderte Jugendliche zum Highschool-Abschluss und zur Universität als in anderen Industrieländern.

Problematisch ist wie in anderen Fällen die Finanzierung. Beim ursprünglichen Gesetz 1975 verpflichtete sich der Kongress in Washington, 40 Prozent der Kosten für das gemeinsame Lernen inklusive sonderpädagogischer Extra-Maßnahmen zu übernehmen. In Wahrheit blieb der Anteil der Regierung in Washington bis heute immer unter 20 Prozent.