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Nachruf auf Ex-Außenminister: Klaus Kinkel, ein geradliniger Diplomat

Nachruf auf Ex-Außenminister : Klaus Kinkel, ein geradliniger Diplomat

Zum Tode von Klaus Kinkel, dem engsten politischen Weggefährten von Hans-Dietrich Genscher, dem früheren Chef des Bundesnachrichtendienstes, FDP-Parteichef sowie Justiz- und Außenminister. Mit der EU und den USA ging er zuletzt scharf ins Gericht.

Es mag wie ein Widerspruch wirken, aber es passte zusammen: Klaus Kinkel konnte Klartext – und wie! Und gleichzeitig war er ein Mann der Sachlichkeit, der Politik ohne Emotionen, obwohl er jede Menge Politik voller Emotionen durchlitt.

Das alles war dem Jungen aus dem schwäbischen Metzingen 1936 nicht in die Wiege gelegt, schon gar nicht die Politik. Erst sollte es – der Vater aus dem Westfälischen war Internist – die Medizin werden, dann wurde es doch die Juristerei. Mit Studium in Tübingen und Bonn, wo er Ende der 50er Jahre wie Tausende anderer Stunden bei Repetitor Schneider in der Kaiserstraße verbrachte. Der frisch gebackene Volljurist ging in den öffentlichen Dienst – und das sollte Jahrzehnte so bleiben: Eintritt ins Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz, kurze Abordnung zum Landratsamt Balingen – und dann kam Hans-Dietrich Genscher und mit ihm endgültig die Politik ins Leben des Klaus K.

Er wurde 1970 persönlicher Referent des damaligen Innenministers, später auch Leiter des Ministerbüros. Vor knapp drei Jahren, beim Bonner Staatsakt für Genscher, sagte er: „Ich verliere meinen Mentor und Ziehvater, dem ich 46 Jahre lang freundschaftlich eng verbunden war.“ Genscher war allerdings nicht nur Förderer, sondern auch Forderer oder in Kinkels Worten „immer ein anstrengender Vorgesetzter“. Kinkel, der später mit seiner helfenden Rolle („Ich als kleiner Aktenträger“) kokettierte, musste oft bis an die Grenzen gehen, um die Erwartungen des Ziehvaters zu erfüllen. Aber er tat es. Es wurden heftige Jahre schon im Innenministerium.

Unschöne Details

1972 das Olympia-Attentat in München. Kinkel später über Genschers Einsatz: „Ich hatte gedacht, es könnte sein Ende sein.“ Und das hat er ihm damals auch gesagt. Kurze Zeit später die Guillaume-Affäre, die Willy Brandt die Kanzlerschaft kostete. Kinkel musste Brandt mit manch unschönem Detail konfrontieren, sein Chef hielt sich eher zurück, was Kinkel später kritisierte. Genschers Weg führte 1974 nach Brandts Abgang und Schmidts Wahl zum Kanzler ins Auswärtige Amt, der Ziehsohn folgte. Als Leiter des Leitungs-, später des Planungsstabes. 1979 wurde Kinkel – erst 42 Jahre alt – Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), einer der effektivsten bis heute. Skandalfrei. Geräuschlos. Modern.

Die drei Jahre in Pullach wirken im Nachhinein wie ein kleiner Umweg auf der langen Fahrt durch die Bonner Politik – meist an der B9 lang. 1982 machte ihn das Wende-Duo Kohl-Genscher zum Staatssekretär im Justizministerium, 1991 bezog er für ein gutes Jahr sogar das Ministerbüro in den Kreuzbauten – nicht ohne kurz zuvor der FDP beizutreten. Spät, aber nicht zu spät. Dann quittierte Genscher das AA – und Kinkel wurde sein Nachfolger. Aus dem einfachen Beamten war der politische Beamte, aus dem beamteten Staatssekretär der Minister geworden – was eigentlich nicht der Lebensplan war.

Aber er ließ sich rufen. „Rückkehr zur Normalität“ hat er einmal als Ziel auch seiner deutschen Innen- und Außenpolitik genannt. Das war leichter gesagt als getan. Als Staatssekretär wirkte er an der Vollendung der deutschen Einheit mit. Seit an Seit mit seinem Tennis-Partner Wolfgang Schäuble. Und mit hohem Respekt vor Helmut Kohl: „Wie ein großer Caterpillar fuhr er mit großen Rädern unbeirrbar über alle Hindernisse hinweg“, notierte Kinkel später noch staunend.

Die sehr übersichtliche Größe der FDP brachte es mit sich, dass Kinkel – 1993 auch noch Vizekanzler geworden – nur zwei Jahre nach seinem Parteieintritt Parteivorsitzender werden musste. Gegen seinen Willen. Es waren erfolglose Jahre, mit vielen Niederlagen bei Landtagswahlen. „Nicht die absolute Glanznummer“, sagte er, nachdem er die Parteibürde 1995 wieder los geworden war. Parteivorsitz – das war nichts für ihn.

Jahre in vorderster Reihe

Die Jahre in vorderster Reihe prägten. Vor allem durch Erlebnisse der Ohnmacht. Das Massaker in Ruanda, das Massaker in Srebrenica. 800 000 kamen in Ruanda um, mehr als 8000 in Srebrenica. Und der Westen war machtlos, zumindest gab er sich so. Deutschland allein – und mit ihm der Außenminister – war es ganz gewiss. Und Kinkel litt. 2013, 18 Jahre später, ist er mit seiner Frau Ursula und Freunden auf den Balkan gereist. „Genauso wie der Völkermord in Ruanda 1994 sind mir die schrecklichen Gräuel im Bosnienkrieg als Trauma aus meiner Außenministerzeit geblieben“, sagte er damals dem GA. Hat die Reise das Trauma gelöst? „Ich kam traumatisierter zurück, als ich es vorher war.“ Aktuell fügte er hinzu, dass mit Syrien das nächste Versagen der Politik zu beklagen sei. Anders ausgedrückt: Die Welt hat nichts gelernt.

Schlimmer noch: Die Lage hat sich verschlechtert. In seinen letzten Interviews – es waren nicht viele – wurde er immer deutlicher. „Die Welt ist aus den Fugen“, war noch die harmloseste Vokabel eines moralischen Menschen, dessen Credo auch war: „Führung verlangt Feingefühl“. Was er im Blick auf die USA natürlich vermisste. „Die ordnende Weltmacht Amerika ist unter Trump zu einem gigantischen Unruhefaktor geworden“ – das war fast noch sachlich. An anderer Stelle nannte er ihn einen „unbeherrschten Emotionsbolzen“ und „politischen Dilettanten“. Was Kinkel um so mehr schmerzte, als er natürlich um die Notwendigkeit und Bedeutung eines intakten transatlantischen Verhältnisses wusste.

Mit Wladimir Putin ging er etwas weniger scharf ins Gericht, weil er urteilte, dass der Westen – auch Barack Obama – in der Nachwende-Euphorie gegenüber der einstigen Großmacht Russland große Fehler gemacht hatte. Weshalb er den heutigen Zustand der Beziehungen „bedauerlich und bedenklich“ nannte. Das Verhalten Polens, etwa in der Flüchtlingsfrage, fand er angesichts der Profite durch die EU-Zugehörigkeit enttäuschend.

Um den Schlaf gebracht

Überhaupt fiel ihm zur EU in letzter Zeit wenig Optimistisches ein: „Denk ich an Europa in der Nacht, werd ich um den Schlaf gebracht.“ Noch sei nicht alles verloren, aber: „Wir sind in einem kritischen Zustand.“ Was ihn zu dem Schluss brachte: „Ich bin heilfroh, in dieser Zeit keine politische Verantwortung tragen zu müssen.“

Nach dem Ende seiner Ministerzeit widmete sich Kinkel – neben seinem Bundestagsmandat bis 2002 – Aspekten der Gesellschaftspolitik, die ihm wichtig waren. Bildung zum Beispiel. Als langjähriger Vorsitzender der Telekom-Stiftung wurde er nicht müde, echte Priorität für dieses „Megathema“ zu verlangen, von seiner Partei, von der Bundespolitik und gegen einen versagenden Föderalismus, den er eigentlich glühend verfocht. Kinkel kümmerte sich um Menschen mit Behinderungen, um Vielfalt im Alter, um Ethik im Sport und um Bürgerengagement – weshalb er zum Beispiel gern für die Godesberger Bürgerstiftung warb.

Der liebende Ehemann, Vater von vier Kindern – die älteste verloren Ursula und Klaus Kinkel nach einem Unfall in Münster – und begeisterte Opa – vor anderthalb Jahren las er noch in Oberkassel in der Klasse seiner Enkelin vor – half, wo er konnte. Der Tod seiner Tochter änderte seine Einstellung zur Organspende, die er zuletzt bejahte. Von seinem Haus im Sankt Augustiner Ortsteil Schmerbroich aus trieb er bis fast zuletzt Sport – joggte jeden zweiten Tag – und ging hinaus mit seinem Labrador Jago: „Das letzte Kind trägt eben Fell“, sagte er mit seinem schwäbischen Humor.

Der ihm auch nicht abhanden kam, wenn man ihn auf sein Lebenswerk („Das ist mir etwas zu anspruchsvoll“) und eventuelle Lebenserinnerungen ansprach: „Ich schreibe keine Memoiren, weil ich mich nicht so wichtig nehme – und letztlich auch zu faul bin.“